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Theologie des materialistischen Gegenübers

September 10, 2014

Das Netz des Simon Petrus ist mitten am Tag voller Fische. Ein Wunder, das sich der einfache Fischer nicht hat vorstellen können und das ihm Angst macht. Jesus nimmt ihm die Angst und weist ihm den Weg, ein Menschenfischer zu werden. (Lukas 5, 1-11)

Wer kennt sie nicht die alte Geschichte von den vollen Netzen. Sie kommt wohl früher oder später in jedem christlichen Religionsunterricht vor. Die Botschaft ist einfach. Verlasst den Weg, den ihr seither gegangen seid, und wendet euch Gott und den Menschen zu statt den materiellen Fischen. Seltsam, denn die Geschichte geht völlig anders.

Mir begegnet die Bekehrung des Simon Petrus in den Tiroler Alpen. An der Wand hängt neben einem Holzkreuz eine klassische Petrus-Ikonografie. Sie zeigt den Apostel mit einem Netz voller Fische. Logisch, denn er ist der Schutzpatron der Fischer und Angler. Warum nur ist sein Netz nicht voller Menschen?

Manchmal ist es hilfreich, die Dinge nicht vom Ende her zu denken, sondern sie Schritt für Schritt chronologisch zu durchdenken. Tut man dies im Falle dieser Bibelgeschichte, kann man zu neuen Schlussfolgerungen über einen erfolgreichen Bekehrungsmechanismus kommen.

Am Anfang steht nicht der Menschenfischer. Am Anfang steht nicht eine religiöse Weisheit. Am Anfang steht da schlicht eine Gruppe frustrierter Fischer, die in der Nacht keinen Fisch gefangen haben. Sie sind arm und geplagt von Mangel und Frustration. Zu diesen Menschen tritt Jesus und liefert keine oberschlauen Weisheiten von „Prüfungen Gottes“. Er fordert nicht auf, zu beten, damit es in Zukunft besser werde und er sagt nicht „selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich“. Seine Botschaft ist eine andere. Er schließt sich den Fischern an und zeigt ihnen, wie sie die Netze so voll machen, wie noch nie zuvor.

Stop, halt, so geht das nicht! Der kann doch nicht einfach die materialistische Orientierung der Fischer bedienen! Wieso erklärt er ihnen nichts von nachhaltiger Fischerei und warum sagt er nichts davon, dass der Materialismus nicht das Wesentliche im Leben ist? Warum zeigt er den Fischern nicht, dass Bildung wichtiger ist, als schnell zu Reichtum zu kommen? Ist der denn kein guter Christ und Theologe?

Die Theologie von heute ist antimaterialistisch. Sie hinterfragt kritisch die Konsumgesellschaft, prangert Primark und McDonalds an. Die Kirchen betreiben Fair Trade Shops und die katholischen Bildungshäuser legen großen Wert auf regionales, saisonales und biologisches Essen. Ein Angebot der kritischen Selbstüberprüfung in Form von Exerzitien und Bildungswochen reiht sich an das nächste. Stets gilt es, dass der Intellektuelle mit Hilfe der Kirche noch ein bisschen intellektueller werden kann 

Und Jesus? – Der fischt entgegen allen Prinzipien der Nachhaltigkeit und völlig verantwortungsvergessen einen ganzen See leer. Er schüttet einen Berg von Fischen auf. Er gründet quasi einen eigenen Primark mit integrierter McDonalds-Filiale. Warum?

Gönnen können, ohne selbst zu nehmen. 

Mit diesem „warum?“ bin ich viele Stunden unterwegs. Eine Bergwanderung mit Zeit zum Nachdenken in wilder, rauer Natur. Es dauert lange, bis ich den Mechanismus durchdringe, aber am Ende im Tal bin ich mir sicher, dass man so Menschen überzeugen kann.

Der Mechanismus lässt sich auf eine einfache Formel bringen: „Gönnen können, ohne selbst zu nehmen“. Ein Prinzip, bei dem man anerkennt, dass der Materialismus des Gegenübers eine ernstzunehmendes Bedürfnis ist. Diesem setzt man kein Alternativkonzept entgegen, sondern man nimmt die Perspektive des Gegenübers selbst ein. Man bedient das materialistische Bedürfnis des Anderen, ohne dessen Wert, dessen Sinn, dessen Wirkungen zu hinterfragen. Das Besondere ist, dass man zwar den Materialismus des Gegenübers vollumfänglich bedient, jedoch sich selbst nichts nimmt.

Jesus gibt den frustrierten Fischern einen Berg von Fischen, um sie glücklich zu machen. Er selbst nimmt sich den Berg Fische nicht. Er tritt damit den Beweis an, dass es ihm möglich ist, die materialistische Perspektive anzuerkennen und einzunehmen und zeigt gleichzeitig, dass er dies dennoch nicht übernimmt. Dadurch wird eine Differenz sichtbar. Denn das, was dir so viel bedeutet, bin ich bereit dir zu geben, aber offensichtlich bedeutet es mir nicht dasselbe. Ein guter Grund nachzufragen. 

Der einfache Mechanismus „Gönnen können, ohne selbst zu nehmen“ bewirkt zweierlei. Er schafft Sympathie, weil man als Materialist bekommt, was man sich wünscht und er schafft gleichzeitig Glaubwürdigkeit für die eigene, unterschiedene Perspektive, weil man sich selbst nicht bedient.

Eine Person, die jemanden gibt, was er sich wünscht ohne es sich selbst zu nehmen, löst zwangsläufig eine Irritation aus. Denn es steht die Frage im Raum, wieso jemand, der mir so viele Dinge geben kann, nicht selbst diese Dinge wünscht? – Da lernen das produktive Umgehen mit Irritationen ist, können wir davon ausgehen, dass die Frage auch irgendwann gestellt wird. Und in dem Moment kann die eigene Position in den Vordergrund treten und ihre Überzeugungskraft entfalten.

 Was heißt das für die Kirche von heute?

Die Kirche ist Bannerträgerin der eigenen Perspektive auf die Welt. Sie ist damit aber nur ansprechend für diejenigen, die bereits die selbe Perspektive eingenommen haben. Sie bleibt fremd und ablehnend für jene, die sich noch ganz dem Materiellen hingeben. Denn wieso sollte ich in eine Kirche gehen, in der das, was mir wichtig ist, von Anfang an in Frage gestellt wird?

Unterstellen wir, die Kirche würde konsequent die Bekehrung des Simon Petrus zum Vorbild nehmen. Sie würde mit vollen Händen schenken und selbst in Armut leben. Kostenfreie Kitaplätze, aber ein sehr kleines Gemeindehaus. Stark bezuschusste Mensen für Schülerinnen und Schüler statt Bildungshäuser und Bildungsreisen. Eine Kirche, die gibt und selbst ganz arm ist.

Ein Ansatz, wie ihn der neue Papst übrigens einfordert und der in den deutschen Diözesen einiges an Magengrummeln verursacht. Ja, der meint das ernst mit der armen Kirche, die den Armen Reichtum schenkt und ist gerade darum beliebt.

Schaut man auf die Bekehrung des Simon Petrus und den Berg Fische auf dem Strand, muss einen dies nicht wundern. Der Papst macht sich sympathisch, weil er materielles verschenkt und es sich selbst nicht nimmt. Alsbald gewinnt er dadurch Menschenfischer.

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