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Unterwegs mit einer Grundsatzfrage

Juni 27, 2014

Wenn man von einer Universität weg fährt und keine neue Frage im Gepäck hat, dann ist etwas schief gegangen. Ein Glück für mich, ich habe eine, an der ich nun schon seit Stunden grüble. Sie kommt von einem Studenten, dessen Namen ich nicht kenne. Sie lautet grob: „Das klang jetzt alles nach einem großen harmonischen Konsens. Hätte dieser Beteiligungsprozess auch in einer fraktionierten Gruppe funktioniert?“

Ich kalkuliere beruflich Emotionen. Versuche bestimmte Dinge auszulösen und Atmosphären zu erschaffen, die einem bestimmten Zweck dienlich sind. Gruppendynamik kann ich wirklich gut. Damit verdiene ich mein Geld. Wenn ich an eine Universität fahre, dann will ich lernen und das tue ich anders als andere Leute. Am liebsten sogar in der völligen Konfrontation. Daher ist meine Spezialität die Provokation. Ein bewusstes Mittel um die Gruppenatmosphäre ein paar Grad herabzukühlen, damit die Konsenssoße nicht alles überdeckt. Provozierte Menschen fühlen sich zur Kritik ermuntert. Sie hinterfragen härter, massiver, grundsätzlicher und daraus entsteht oft mehr. Nur wenn die Situation entgleitet – wenn der letzte Beziehungsfaden reißt – dann wird Kritik fundamental, argumentlos und damit nutzlos. Das gilt es zu vermeiden, gelingt aber nicht immer.

Jetzt sitze ich hier mit dem Ergebnis. Ich bin zufrieden, ich habe gelernt. Nur diese eine Frage lässt mich leider – oder zum Glück – nicht mehr los. Vielleicht hat sie dem Fragenden weniger bedeutet als mir. Für mich ist sie Anlass ein paar Dinge grundsätzlicher zu Überlegen. Schön übrigens, dass just in diesem Zug und in diesem Moment ein paar Idioten rumschreien und saufen, das hilft beim Denken. Wir haben einen Dissenz über die Gestaltung unserer gemeinsamen Reisezeit. Ich habe Lust mich zu streiten, aber Angst den Gedanken zu verlieren und verzichte. Kopfhörer rein und laute Musik. Eine absurde Kombination aus pubertären Schlägen gegen eine Zugzwischentür und Silent Snow.

Ich hatte zum Mittagessen meinen alten Freund Marcus Syring getroffen. Ein Mensch, der schlauer ist als ich – auf jeden Fall wissenschaftlicher. Ich berichtete ihm von dieser Frage und natürlich kannte er auswendig den richtigen Text. Er handelt von Fehlkonzeptionen von Politik, die Jugendliche im Kopf haben. Peinlicherweise steht er in unserem eigenen Buch und ich hatte es mal wieder nicht auf dem Schirm.

Aber nun zur Sache und das Ganze von vorn. Ich hatte den Studierenden der Universität Tübingen von unserem Jugendbeteiligungsprojekt in Biberach berichtet. Ein Haus, das 2,4 Millionen Euro kostet und das wir mit der Stadt und hunderten Jugendlichen zusammen geplant haben. Ein komplexer Prozess, der vielerorts als best practice Beispiel gilt. Eine der schönsten Erfahrungen, die wir in diesem Prozess gemacht haben, war, dass Stadt, Rat, Jugendliche und das Fachkolloquium aus Bauexperten zu den gleichen analytischen Bewertungen kamen. Experten und Nicht-Experten waren in gleichem Maße mündig, ein fachliches Urteil in gegenseitiger Wertschätzung und Konsens zu fällen. Das ist für mich immer ein großes Traumziel gewesen. Hier hatte ich es erreicht. Vielleicht, weil ich am Ende provozierte oder schlicht, weil dieser Student schlau ist, fragte er mich jedoch im Anschluss, ob das ohne Konsens funktioniert hätte. Die Anwort ist einfach: Nein.

Was diese Frage aber beinhaltet ist grundsätzlicher, fundamentaler, irritierender. Jede offene Beteiligungsform, die ich moderiere, endet im Konsens. Nie stehen am Ende gegensätzliche Grundsatzforderungen gegeneinander. Keiner meiner Beteiligungsprozesse endet mit einer Kampfabstimmung. Es bleibt alles immer im Konsens. Warum eigentlich? Marcus Syring greift Petrik auf. Der schreibt, dass es ein jugendliches Fehlkonzept von Politik ist, dass immer ein Konsens gefunden werden muss. Ich zitiere ihn nun, weil irgendjemand behauptet hat, dass man das so macht. War das ein Konsens oder eine Mehrheitsentscheidung? – Wahrscheinlich weiß das niemand mehr:
„Die Illusion der Homogenität: Sie ist getragen von einem privaten Harmoniewunsch und Wahrheitsanspruch: Gemeinsame Interessen und Grundüberzeugungen werden selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Werte-Konsens ist kein mögliches Verhandlungsergebnis, sondern a priori gegeben.“ (Petrik, Andreas (2013): Manche nehmen das Dorf zu ernst. Die Fehlkonzeption „Illusion der Autonomie“ als Hürde zur politischen Kompetenzbildung in den Dorfgründungssimulationen zweier 8. Klassen. In Flügge / Syring (Hrsg.): Die Erstbegegnung mit dem Politischen).

Marcus und ich beginnen unsere üblichen Diskursschleifen zu drehen. Wir beleuchten die gleiche Frage aus allen Richtungen. Unser üblicher Modus zweier Menschen, die seit Jahren miteinander arbeiten und nicht zueinander passen. Er der FDPler, ich der Sozi, er der Wissenschaftler, ich der Showmaster, er promoviert, ich referiere, er der Ordnungsfanatiker, ich der Chaot und am Ende haben wir wieder beide gelernt. Wir spielen Fälle durch und immer zeigt sich das gleiche Muster: Alles im Jugendalter dreht sich um den Zwang zum Konsens oder zur Unterordnung. Es gibt keine Mehrheitsentscheidungen und es gibt keinen Konsens über den Dissenz. In Elternhäusern erleben Jugendliche keine Abstimmungen. In der Schule kann eine noch so große Klasse nicht den Lehrer überstimmen. In der pädagogischen Arbeit wird eingefordert mit anderen eine gemeinsame Lösung zu finden, wenn Erwachsene längst beschlossen hätten, einfach keinen Kontakt mehr miteinander unterhalten zu wollen. Selbst im Freundeskreis muss die Entscheidung für die richtige Party einvernehmlich – zumindest von allen mitgetragen getroffen werden, denn sich aufteilen ist keine Option in der Pubertät. Und Beteiligungsprojekte? – Die großen, die neuen, die spannenden setzen wieder auf Konsens. Sie verklären Politik zum Kuschelkurs. Verdammt, war diese Frage schlau.

Mir kommt eine alte Streitfrage in den Sinn. 2008 erzählte mir sie Peter Martin Thomas beläufig in einem Gespräch auf den Weg in einen Speisesaal. Jetzt krame ich sie aus einem Haufen alter Gedanken hervor. Ich erinnere mich noch, dass ich damals dachte, dass ich diese Frage noch mal brauchen werde. Nun ist wohl dieser Moment gekommen. Die Streitfrage wurde vor Jahren geführt zwischen Maria Haller-Kindler und ebendiesem Peter. Beide waren sie Diözesanleiter des BDKJ in Rottenburg-Stuttgart und fragten sich, ob die mit ehrenamtlichen Jugendlichen besetzte Diözesanversammlung eigentlich eine politische Versammlung oder eine politische Bildungsveranstaltung sei. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, denn sie hat grundunterschiedene Konsequenzen. Folgt man Peter Martin Thomas und versteht diese Versammlung als einen Ort echter Politik, dann bedeutet das als Leitung die gesamte Klaviatur der Machtpolitik zu bespielen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Dann obliegt es der politischen Opposition sich entweder so zu organisieren, dass sie Widerstand leisten kann, oder sie setzt sich nicht durch.

Folgt man Maria Haller-Kindler und betrachtet die Versammlung als einen Ort der politischen Bildung, dann muss man den Delegierten auch die Chance lassen, dass sie eigene positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen können. Sie müssen – wie in einem geschützten Raum – sich ausprobieren können, ohne dass die Fehler Konsequenzen zeitigen.

Wer hatte Recht? – ich weiß es nicht. Aber nun stelle ich mir diese Frage selbst. Was ist eigentlich ein Jugendbeteiligungsprozess? – Eine Spielwiese für politische Beteiligung, die geschützt und mit ganz sanften Bandagen bespielt wird, oder ein Raum für echte politische Beteiligung, bei der mich das politische Gegenüber als veritablen Gegner oder veritablen Verbündeten betrachtet?

Folge ich dem Gedanken der politischen Bildung, so liegt auf der Hand, dass diese fehlkonzipiert ist. In einem politischen System, in dem die Mehrheitsentscheidung der Standard ist, kann man doch nicht auf ein konsensuales Entscheidungsmodell hin bilden. Am Ende des Jugendzeitalters steht – wie Petrik nachweist – die Illusion, es könnte immer so weiter gehen mit dem netten gemeinsamen Entscheiden. Ein Ansatz, der definitiv nicht mit dem politischen System, in dem wir leben, kompatibel ist. Wenn dem so ist, dann machen wir in der Jugendbeteiligung mit den offenen Formen etwas falsch. Es ist die Position, die Marcus Syring einnimmt. Er ist Pädagoge. Er stellt sich Fragen nach der Organisation von Bildungsprozessen, die in die bestehende Ordnung hinein integrieren. Darum fragt er mich „wie müsstet ihr einen Beteiligungsprozess aufbauen, dass Jugendliche lernen, dass es in einer Gesellschaft politischen Streit gibt?“ – Ich habe noch keine Antwort.

Folge ich dem Gedanken, dass Jugendbeteiligung bereits gelebte Politik ist, dann stellt diese einen interessanten Widerspruch zu sonstigen Formen der politischen Beteiligung dar. Jugendliche, die ihre eigenen Interessen erarbeiten, artikulieren und mit Politik diskutieren erheben ihre Forderung nicht über die des Jugendlichen nebendran. So scheint doch der natürliche Modus menschlicher Entscheidungsfindung eben nicht dem Mehrheitsprinzip zu folgen. Es gilt also vielmehr das politische System der Abstimmungen in Frage zu stellen. Denn diese entwerten allzu schnell das Argument, wenn sich Mehrheiten institutionalisieren, wie es in unseren Parlamenten passiert. Was aus der falschen Ecke kommt, ist per se falsch. Es ist die Position, die ich einnehme. Ich bin Politiker. Ich stelle die Frage nach der Organisation des Gemeinwesens, um die bestehende Ordnung zu verändern. Darum frage ich „sind Jugendbeteiligungsprozesse vielleicht das Vehikel, um zu besseren Wegen der Entscheidungsfindung zu kommen?“

In diesem Moment sind wir nur zu zweit. Wir können keine Mehrheitsentscheidung treffen und sind beide zu alt, um unsere argumentative Position einem Konsens zu opfern. Uns bleibt also nur das gemeinschaftliche Feststellen unserer unterschiedenen Positionen und das freudige Lächeln über einen neuen Gedanken. DANKE, Uni Tübingen.

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