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Und jetzt?

Januar 2, 2013

Mein Blog-Beitrag zur Debatte um Peer Steinbrücks Interview „Wahrheit und Wirklichkeit“ ist der meist gelesene Artikel auf meinem Blog. Er wurde auf facebook geteilt und auf twitter und so manch anderer Blogger verlinkte ihn als Referenz. Dabei richtete sich der Blick aller Kommentatoren nur in die Vergangenheit. Analysen eines möglichen Fehlers Peer Steinbrücks, oder aber der Medien. Dabei ist mein Kommentar viel weniger retrospektiv, denn prospektiv ausgerichtet.

Es ist egal, wer jetzt Recht hat. Es ist sogar egal, ob wirklich jeder das gesamte – im Grunde völlig unspektakuläre – Interview gelesen hat, wie Mathias Richel im Grunde zu Recht fordert. Es ist egal, ob die Forderung berechtigt ist oder unberechtigt, wie Christian Soeder schreibt. Alles das hat keinen Einfluss auf das „und jetzt?“.

Eines ist sicher, die Botschaft kam an. Die Leute glauben mal wieder Peer Steinbrück sei geldgierig. Wer sich in den letzten Tagen in Sozialen Netzwerken bewegt hat, konnte das spüren. Polemik aller Orten und besonders auf allen SPD-Seiten. Auf twitter feierten sich die Pseudo-kreativen mit den #steinbrückfilmen. Eines ist sicher, der geldgierige Peer besitzt gerade eine Wirklichkeit. Er steckt in den Köpfen der Menschen.

Das zweite Prinzip der Relevanztheorie kommt augenblicklich für Peer Steinbrück fatal zum tragen: „The ostensive stimulus ist he most relevant one compatible with the communicator’s abilities and preferences“ (Sperber / Wilson 1995). Die Menschen verstehen, was sie verstehen wollen. Sie verstehen, was sie bereits verstanden haben. Jede Möglichkeit Peer Steinbrück misszuverstehen wird von Journalisten und Bevölkerung aufgegriffen und sofort als generelle Position begriffen. So erklären sich dämliche Überschriften wie die der FAZ: „Bundeskanzler verdient zu wenig Geld“.

Und jetzt? Jammern? Ärgern? Medien beschimpfen? Bevölkerung für dumm erklären? Nein, ich meine es ernst. Was seine Wirklichkeit besitzt kann nicht nieder argumentiert werden. Es ist just eine situative Wahrheit. Situativ und nicht endgültig.

Die Fragen der nächsten Tage müssen lauten:

– Welche Botschaften prozessieren die Menschen aktuell am wahrscheinlichsten? Welche dieser Botschaften sind dienlich, welche nicht?
– Welche kommunikativen no-go-Areas lassen sich definieren, weil sie zu schnell die meist präferierte Verstehensdimension bedienen?
– Wie lässt sich in die aktuelle Geschichte ein neuer Spin bekommen? Was ist die Stärke von Peer Steinbrück just in dieser Konfrontation?

Politische Strategie erschöpft sich nicht in bunten Bildern und ein paar Plakaten. In langweiligen Claims und der Organisation von Veranstaltungen. Politische Strategie gewinnt die kommunikative Oberhand. Sie blickt in die Gedankenwelten der Menschen, versteht, was sie verstehen können und reagiert darauf. Der Job des politischen Strategen für Peer Steinbrück ist schwieriger geworden, aber auch zweifelsohne spannender. 

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4 Kommentare
  1. Absolut einverstanden. Aber natürlich haben auch die Sozialen Netzwerke die Kraft, „Interpretationsfehler“ aufzudecken, zu benennen und zu verbreiten. Deshalb muss man das bloggen, twittern, facebooken etc. und es ist eben nicht egal.

    Ein ausschließliches Berufen auf die Durchschlagskraft traditioneller Medien und das man sich diesen anpassen muss, um anzukommen wie gemeint und nicht wie gesagt, ist zu wenig. Umso wichtiger ist, dass auch ein Kanzlerkandidat diese sozialen Kanäle nutzt, ohne den journalistischen Filter. Denn die Richtigstellung dieser Interpretationen hätte, wie ich es gemacht habe, aber sicher in anderer Form, auch von Steinbrück und seinem Team in die Kanäle gepumpt werden können – und aus die Maus.

    Nein, es reicht nicht mehr, Kommunikationstheorien zu übertragen, die von einem eindeutigen Sender-Empfänger-Prinzip ausgehen. Ich würde mich freuen, wenn der Steinbrück-Zirkel das „Sender-Kanal-Empfänger-Kanal-Sender“ lernen und anwenden würde.

    • auch einverstanden. Auch wenn die Unterstellung, ich würde nur in klassischen Medien denken, nicht treffend ist ;-). So viel verrät uns die Forschung sicherlich. Die klassischen Medien definieren nicht mehr allein, wie wir über etwas sprechen, aber sie definieren in weiten Teilen, worüber wir sprechen.
      Ja, ich gebe Dir völlig Recht. Es wäre besser gewesen, wenn Peer auf Facebook da drauf reagiert hätte. Oder via twitter. Beides wäre dienlich gewesen. Das ist aber eine situative Antwort. Eine langfristige bedient sich durchaus der Sender-Empfänger-Ebene in multiplen Kanälen. Und so lange in der SPD ständig davon gesprochen wird „man müsste mal was zum Thema machen“ oder „in Wirklichkeit ist das ja ganz anders“, so lange sehe ich tendentiell eher schwarz.

      Das Besondere an Barack Obama ist nicht nur sein Fabel für gutes Design, ist nicht nur sein Talent gute Reden zu halten, sondern vor allem die blitzschnelle Fähigkeit seines gesamten Teams neue Wirklichkeiten aufzugreifen und zu drehen. Sie tun das nicht, indem sie sagen „aber wir hatten Recht“, sondern indem sie immer das stehen lassen, was schon da steht und darauf aufbauend etwas neues errichten. That’s the future ;-).

  2. Hast schon wieder Recht. Im Grunde sind wir uns total einig. Wir müssen jetzt nur noch andere an anderen Stellen davon überzeugen.

    • schön, dass wenigstens wir zwei uns ständig einig sind. …. jetzt nur noch die Dinos überzeugen. Gestern kam ja Jurasic Park im TV.

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