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Verantwortung braucht Identität

September 20, 2012

Die Piratenpartei streitet aktuell über die Pflicht zum Klarnamen auf der von ihr genutzten Diskussionsplattform „Liquid Feedback“. Eine solche Debatte muss die Piraten erschüttern, denn die rüttelt an der eigentlichen Freiheitsidee der Piratenpartei: Die Freiheit nicht ich selbst sein zu müssen.

Die Piratenpartei ist keine liberale Partei. Zu ihren Zielen zählt nicht, dem individuellen Handeln möglichst viel Raum zu geben. Auch der Begriff der Verantwortung ist den Piraten fremd. Denn beides, das individuelle Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft und die individuelle Verantwortung für die eigenen Taten, hat einen positiven Begriff des Ichs zur Voraussetzung.

Liberales Gedankengut lebt von einem positiven Selbstbild. Dem Versuch die eigenen Ideen und damit sich selbst zu verwirklichen und sich darin von der breiten Masse abzuheben. Ein sich selbst in den Vordergrund stellen, um Lob und Ruhm oder Tadel und Kritik für die eigenen Taten zu ernten. 

Dem entgegen steht der Freiheitsbegriff der Piraten. Eine Freiheit, die nicht die Möglichkeit des Handelns eröffnen will, sondern die Freiheit zu Vergessen fordert. Zuvor Getanes, bereits Gesagtes soll nicht erinnert werden.

Die Freiheit des Vergessens verknüpft sich dabei unmittelbar mit dem Selbstbild vieler Piraten. Viele Mitglieder der Partei teilen eine Biografie als Außenseiter, als verspottete Persönlichkeiten. Für all zu viele bot und bietet das Internet den Ausweg aus der Ausweglosigkeit. In der virtuellen Anonymität lassen sich Identitäten ablegen und neu erfinden, Ballast kann über Bord geworfen werden und die eigene Person neu starten. Unabdingbare Voraussetzung hierfür ist das Vergessen. Die Löschung einer Identität muss diese beenden und unverknüpfbar mit dem folgenden Neuen auf der Müllhalde des persönlichen Scheiterns zurücklassen.

Ein solcher Freiheitsbegriff, der aus einem negativen Selbstbild heraus geprägt ist, bringt keine verantwortungsbewusste Politik hervor. Denn unter dem Deckmantel der Anonymität werden Ideen entwickelt, für die einzustehen es keine Mutigen gibt. Nur selten beweisen Piraten Mut. Ponader und Schramm sind zwei vereinzelte Beispiele. Ihnen haftet fortan eine öffentliche Identität an, die sich nicht mehr ablegen lässt. Eine Identität, die sie zu Handelnden der Zukunft macht und zusehends von der Piratenpartei entfremdet. 

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3 Kommentare
  1. Philipp Marquardt permalink

    Ich bin kein Pirat! Außenseiterisches Querulantentum aufgrund einer verkorksten Biographie war mir stets fremd und selbst im anonymen Internet fühle ich mich selten mutig genug, um wirklich zu verkünden was ich meine. Dass Liberalität und Piratenpartei allerdings in einem so gegensätzlichen Verhältnis zu einander stehen sollen, wie innerhalb des „Schmäh-Texts“ postuliert, ist eine geradezu hanebüchene Behauptung. Selbstverständlich lassen sich Piratinnen und Piraten nicht losgelöst von ihrem pragmatisch-liberalen Kernthema begreifen, nämlich dem Bedürfnis nach (viel) mehr Transparenz im bundesrepublikanischen Politikbetrieb.

    Rückwärtsgewand ist letztlich derjenige, der eine gerade im Entstehen begriffene politische Kraft darauf hin überprüft, ob sie Willens und fähig sein wird, um irgendwann nach den etablierten Regeln zu funktionieren. Mut in politisch-öffentlichen Szenarien hieße demgegenüber: Es ist in Ordnung Fehler, Unwissen und damit allzu Menschliches öffentlich einzugestehen – gerade für Politiker. Einzig ein kontinuierliches Rufen nach mehr Durchsichtigkeit mag nicht alleine den großen Wurf im Sinne einer alles besser machenden politischen Kultur bedeuten, aber gemessen an politischen Inhalten und Strategien zu deren Umsetzung (Sozialreformen, Auslandeinsätze, Energiewende & Finanzkrise) scheinen mir die Vokabeln „erklären, nachvoll- und einbeziehen“ die entscheidenden unserer vernetzten Epoche zu sein! Wer dies ignoriert, verdrängt oder gar bekämpft, ist „zukunftstechnisch“ weitaus problematischer für die Verfassung dieser Gesellschaft als ein Haufen sich permanent in widersprüchlichen Einstellungen und Wahrnehmung verheddernder F r e i b ä u t e r!

  2. Vielen Dank für diesen höflichen, konstruktiven und netten Kommentar. Er freut gerade deshalb, weil er nicht wie so oft Pöbelnd und beschimpfend ist.

    Was mich verwundert? – „Schmäh-Text“, denn so ist dieser Text nicht intendiert. In vielen Gesprächen mit Piraten, die ich mag, ging es oft um die Frage der Freiheit. Und ich fragte mich stets, ob denn die Freiheit von der in Piraten-Runden gerne gesprochen wird, eine ist, die ich auch suche. Und ich stellte fest: nein.

    Nicht weil diese Freiheit falsch wäre, nicht weil ich nicht verstehen könnte, das man sie sucht, sondern weil sie meiner Idee von Freiheit widerspricht. Eine Freiheit im übrigen, die ich nicht als „liberale Freiheit“ beschreiben würde.

    Was ich hier tue ist mir anzuschauen, was denn die liberale Ideologie von den Piraten trennt. Ich teile vieles an der liberalen Ideologie nicht, aber ich erkenne, dass sie politisch für einen zukünftigen Wandel wirksam wird. Ob mir das gefällt oder nicht, es klappt.

    Bei den Piraten bin ich skeptisch, ob ihre Themen für die Zukunft wirken können. Nicht weil sie die falschen Themen haben, sondern weil es mir an bekennend-verantwortlichen für diese Sache fehlt. Denn weder einzelne Personen bekennen sich zu Positionen (ihnen wird dies zumindest vorgeworfen, wenn sie dies tun), noch das Kollektiv tut es. Es entsteht daher ein Interessensgemenge ohne Positionierungen. Eine Gute Grundlage um Streit zu schlichten, aber eine schlechte Grundlage, um Wandel herbeizuführen.

    ich hoffe dieser Kommentar konnte noch mal etwas klären.

    CU

  3. Philipp Marquardt permalink

    Ja, konnte er! Das wichtigste an der Freiheit ist wohl das kontinuierliche Aushandeln ihrer konkreten Ausprägungen selbst. In diesem Sinne verstehe ich die Piraten als eine Diskurs-beflügelnde Komponente der Gegenwart.

    Im Sinne der Freiheit wird letztlich doch entschiedend sein, ob wir uns langfrisitg von kultur-evolutionär gewachsenen Entscheidungsfindungsstrukturen lösen können, sollten diese von der Mehrheit als kontraproduktiv erachtet werden. Ohne Piraten würden wir direkt(er)-demokratische Partizipationsformen nicht so intensiv diskutieren, wie wir es gegenwärtig tun. Das scheint mir schon ein Erfolg. Ob bekannte Gesichter, die Illusions-stiftend im Bezug auf Verantwortung wirken, nicht eher als Auslaufmodell zu betrachten sind und kollektive Entscheidungsfindungsmechanismen – die sicherlich jetzt aus- und durchgedacht werden müssen – in eine vielversprechendere Zukunft weisen, wäre auch ein interessanter Themengegenstand, dieses inspirierenden Blogs!

    Viele Grüße!

    PS: der Begriff „Schmäh-Text“ war natürlich nur ein stümperhafter Versuch im Stil gängiger Netz-Komik einen intertextuellen Bezug herzustellen und somit ein künstliches Irritationsmoment einzustreuen.

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