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Unterwegs mit einer Grundsatzfrage

Wenn man von einer Universität weg fährt und keine neue Frage im Gepäck hat, dann ist etwas schief gegangen. Ein Glück für mich, ich habe eine, an der ich nun schon seit Stunden grüble. Sie kommt von einem Studenten, dessen Namen ich nicht kenne. Sie lautet grob: „Das klang jetzt alles nach einem großen harmonischen Konsens. Hätte dieser Beteiligungsprozess auch in einer fraktionierten Gruppe funktioniert?“

Ich kalkuliere beruflich Emotionen. Versuche bestimmte Dinge auszulösen und Atmosphären zu erschaffen, die einem bestimmten Zweck dienlich sind. Gruppendynamik kann ich wirklich gut. Damit verdiene ich mein Geld. Wenn ich an eine Universität fahre, dann will ich lernen und das tue ich anders als andere Leute. Am liebsten sogar in der völligen Konfrontation. Daher ist meine Spezialität die Provokation. Ein bewusstes Mittel um die Gruppenatmosphäre ein paar Grad herabzukühlen, damit die Konsenssoße nicht alles überdeckt. Provozierte Menschen fühlen sich zur Kritik ermuntert. Sie hinterfragen härter, massiver, grundsätzlicher und daraus entsteht oft mehr. Nur wenn die Situation entgleitet – wenn der letzte Beziehungsfaden reißt – dann wird Kritik fundamental, argumentlos und damit nutzlos. Das gilt es zu vermeiden, gelingt aber nicht immer.

Jetzt sitze ich hier mit dem Ergebnis. Ich bin zufrieden, ich habe gelernt. Nur diese eine Frage lässt mich leider – oder zum Glück – nicht mehr los. Vielleicht hat sie dem Fragenden weniger bedeutet als mir. Für mich ist sie Anlass ein paar Dinge grundsätzlicher zu Überlegen. Schön übrigens, dass just in diesem Zug und in diesem Moment ein paar Idioten rumschreien und saufen, das hilft beim Denken. Wir haben einen Dissenz über die Gestaltung unserer gemeinsamen Reisezeit. Ich habe Lust mich zu streiten, aber Angst den Gedanken zu verlieren und verzichte. Kopfhörer rein und laute Musik. Eine absurde Kombination aus pubertären Schlägen gegen eine Zugzwischentür und Silent Snow.

Ich hatte zum Mittagessen meinen alten Freund Marcus Syring getroffen. Ein Mensch, der schlauer ist als ich – auf jeden Fall wissenschaftlicher. Ich berichtete ihm von dieser Frage und natürlich kannte er auswendig den richtigen Text. Er handelt von Fehlkonzeptionen von Politik, die Jugendliche im Kopf haben. Peinlicherweise steht er in unserem eigenen Buch und ich hatte es mal wieder nicht auf dem Schirm.

Aber nun zur Sache und das Ganze von vorn. Ich hatte den Studierenden der Universität Tübingen von unserem Jugendbeteiligungsprojekt in Biberach berichtet. Ein Haus, das 2,4 Millionen Euro kostet und das wir mit der Stadt und hunderten Jugendlichen zusammen geplant haben. Ein komplexer Prozess, der vielerorts als best practice Beispiel gilt. Eine der schönsten Erfahrungen, die wir in diesem Prozess gemacht haben, war, dass Stadt, Rat, Jugendliche und das Fachkolloquium aus Bauexperten zu den gleichen analytischen Bewertungen kamen. Experten und Nicht-Experten waren in gleichem Maße mündig, ein fachliches Urteil in gegenseitiger Wertschätzung und Konsens zu fällen. Das ist für mich immer ein großes Traumziel gewesen. Hier hatte ich es erreicht. Vielleicht, weil ich am Ende provozierte oder schlicht, weil dieser Student schlau ist, fragte er mich jedoch im Anschluss, ob das ohne Konsens funktioniert hätte. Die Anwort ist einfach: Nein.

Was diese Frage aber beinhaltet ist grundsätzlicher, fundamentaler, irritierender. Jede offene Beteiligungsform, die ich moderiere, endet im Konsens. Nie stehen am Ende gegensätzliche Grundsatzforderungen gegeneinander. Keiner meiner Beteiligungsprozesse endet mit einer Kampfabstimmung. Es bleibt alles immer im Konsens. Warum eigentlich? Marcus Syring greift Petrik auf. Der schreibt, dass es ein jugendliches Fehlkonzept von Politik ist, dass immer ein Konsens gefunden werden muss. Ich zitiere ihn nun, weil irgendjemand behauptet hat, dass man das so macht. War das ein Konsens oder eine Mehrheitsentscheidung? – Wahrscheinlich weiß das niemand mehr:
„Die Illusion der Homogenität: Sie ist getragen von einem privaten Harmoniewunsch und Wahrheitsanspruch: Gemeinsame Interessen und Grundüberzeugungen werden selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Werte-Konsens ist kein mögliches Verhandlungsergebnis, sondern a priori gegeben.“ (Petrik, Andreas (2013): Manche nehmen das Dorf zu ernst. Die Fehlkonzeption „Illusion der Autonomie“ als Hürde zur politischen Kompetenzbildung in den Dorfgründungssimulationen zweier 8. Klassen. In Flügge / Syring (Hrsg.): Die Erstbegegnung mit dem Politischen).

Marcus und ich beginnen unsere üblichen Diskursschleifen zu drehen. Wir beleuchten die gleiche Frage aus allen Richtungen. Unser üblicher Modus zweier Menschen, die seit Jahren miteinander arbeiten und nicht zueinander passen. Er der FDPler, ich der Sozi, er der Wissenschaftler, ich der Showmaster, er promoviert, ich referiere, er der Ordnungsfanatiker, ich der Chaot und am Ende haben wir wieder beide gelernt. Wir spielen Fälle durch und immer zeigt sich das gleiche Muster: Alles im Jugendalter dreht sich um den Zwang zum Konsens oder zur Unterordnung. Es gibt keine Mehrheitsentscheidungen und es gibt keinen Konsens über den Dissenz. In Elternhäusern erleben Jugendliche keine Abstimmungen. In der Schule kann eine noch so große Klasse nicht den Lehrer überstimmen. In der pädagogischen Arbeit wird eingefordert mit anderen eine gemeinsame Lösung zu finden, wenn Erwachsene längst beschlossen hätten, einfach keinen Kontakt mehr miteinander unterhalten zu wollen. Selbst im Freundeskreis muss die Entscheidung für die richtige Party einvernehmlich – zumindest von allen mitgetragen getroffen werden, denn sich aufteilen ist keine Option in der Pubertät. Und Beteiligungsprojekte? – Die großen, die neuen, die spannenden setzen wieder auf Konsens. Sie verklären Politik zum Kuschelkurs. Verdammt, war diese Frage schlau.

Mir kommt eine alte Streitfrage in den Sinn. 2008 erzählte mir sie Peter Martin Thomas beläufig in einem Gespräch auf den Weg in einen Speisesaal. Jetzt krame ich sie aus einem Haufen alter Gedanken hervor. Ich erinnere mich noch, dass ich damals dachte, dass ich diese Frage noch mal brauchen werde. Nun ist wohl dieser Moment gekommen. Die Streitfrage wurde vor Jahren geführt zwischen Maria Haller-Kindler und ebendiesem Peter. Beide waren sie Diözesanleiter des BDKJ in Rottenburg-Stuttgart und fragten sich, ob die mit ehrenamtlichen Jugendlichen besetzte Diözesanversammlung eigentlich eine politische Versammlung oder eine politische Bildungsveranstaltung sei. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, denn sie hat grundunterschiedene Konsequenzen. Folgt man Peter Martin Thomas und versteht diese Versammlung als einen Ort echter Politik, dann bedeutet das als Leitung die gesamte Klaviatur der Machtpolitik zu bespielen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Dann obliegt es der politischen Opposition sich entweder so zu organisieren, dass sie Widerstand leisten kann, oder sie setzt sich nicht durch.

Folgt man Maria Haller-Kindler und betrachtet die Versammlung als einen Ort der politischen Bildung, dann muss man den Delegierten auch die Chance lassen, dass sie eigene positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen können. Sie müssen – wie in einem geschützten Raum – sich ausprobieren können, ohne dass die Fehler Konsequenzen zeitigen.

Wer hatte Recht? – ich weiß es nicht. Aber nun stelle ich mir diese Frage selbst. Was ist eigentlich ein Jugendbeteiligungsprozess? – Eine Spielwiese für politische Beteiligung, die geschützt und mit ganz sanften Bandagen bespielt wird, oder ein Raum für echte politische Beteiligung, bei der mich das politische Gegenüber als veritablen Gegner oder veritablen Verbündeten betrachtet?

Folge ich dem Gedanken der politischen Bildung, so liegt auf der Hand, dass diese fehlkonzipiert ist. In einem politischen System, in dem die Mehrheitsentscheidung der Standard ist, kann man doch nicht auf ein konsensuales Entscheidungsmodell hin bilden. Am Ende des Jugendzeitalters steht – wie Petrik nachweist – die Illusion, es könnte immer so weiter gehen mit dem netten gemeinsamen Entscheiden. Ein Ansatz, der definitiv nicht mit dem politischen System, in dem wir leben, kompatibel ist. Wenn dem so ist, dann machen wir in der Jugendbeteiligung mit den offenen Formen etwas falsch. Es ist die Position, die Marcus Syring einnimmt. Er ist Pädagoge. Er stellt sich Fragen nach der Organisation von Bildungsprozessen, die in die bestehende Ordnung hinein integrieren. Darum fragt er mich „wie müsstet ihr einen Beteiligungsprozess aufbauen, dass Jugendliche lernen, dass es in einer Gesellschaft politischen Streit gibt?“ – Ich habe noch keine Antwort.

Folge ich dem Gedanken, dass Jugendbeteiligung bereits gelebte Politik ist, dann stellt diese einen interessanten Widerspruch zu sonstigen Formen der politischen Beteiligung dar. Jugendliche, die ihre eigenen Interessen erarbeiten, artikulieren und mit Politik diskutieren erheben ihre Forderung nicht über die des Jugendlichen nebendran. So scheint doch der natürliche Modus menschlicher Entscheidungsfindung eben nicht dem Mehrheitsprinzip zu folgen. Es gilt also vielmehr das politische System der Abstimmungen in Frage zu stellen. Denn diese entwerten allzu schnell das Argument, wenn sich Mehrheiten institutionalisieren, wie es in unseren Parlamenten passiert. Was aus der falschen Ecke kommt, ist per se falsch. Es ist die Position, die ich einnehme. Ich bin Politiker. Ich stelle die Frage nach der Organisation des Gemeinwesens, um die bestehende Ordnung zu verändern. Darum frage ich „sind Jugendbeteiligungsprozesse vielleicht das Vehikel, um zu besseren Wegen der Entscheidungsfindung zu kommen?“

In diesem Moment sind wir nur zu zweit. Wir können keine Mehrheitsentscheidung treffen und sind beide zu alt, um unsere argumentative Position einem Konsens zu opfern. Uns bleibt also nur das gemeinschaftliche Feststellen unserer unterschiedenen Positionen und das freudige Lächeln über einen neuen Gedanken. DANKE, Uni Tübingen.

Die Regeln des Konsens

Der Senator wird am dem Futur II vorgängigen Abend zuvor des Brunnenfestes 2.0 im Jahre des Herrn 2014 aufgefordert gewesen sein werden, die im Konsens unabgesprochen beschlosse Ordnung des Senates ausformuliert gehabt zu haben. Der Senator wird dem nachgekommen sein:

Die heilige Gesellschaft der besten Kinder ihrer Eltern zu Altenberg – der KJG*-Senat – wird das höchste nicht beschließende aber im Konsens entscheidende Gremium aller Gremien sein. Er wird auf alle Zeit das letzte Wort gehabt haben werden.

Mitglied kann gewesen sein werden, wer auf der Bundeskonferenz der KJG* ein dem Futur II vorgängiges Stimmrecht gehabt und aufgegeben haben wird oder per advokatischem Winkelzug deutlich zu machen in der Lage gewesen sein wird, dass er eben jenes Stimmrecht de facto gehabt haben wird, ohne es je zu haben und dies nun nicht mehr haben wird.
Mitglied im Senat wird geworden sein werden, wer die genannten Bedingungen erfüllt haben wird und von Senatoren zum Brunnenfeste 2.0 geladen gewesen sein wird, um dort das Lied erklingen gelassen gehabt zu haben.
Der Senat wird stets im Futur II gesprochen und getrunken gehabt haben werden und alle seine Worte werden bereits gegendert gewesen sein werden. Der Senat wird nie geirrt gehabt haben.
Niemals wird der Senat eine Debatte vor einer Entscheidung geführt gehabt haben werden müssen, denn der Senat handelt stets und immerdar im immer währenden und wahrhaftigen Konsens.
Ein Senator wird nie allein getrunken gehabt haben werden, denn wo ein Senator getrunken gehabt haben wird, werden stets aus rein statistisch-konsensualen Gründen zwei oder drei Senatoren ebenfalls mindestens andernorts oder bestenfalls selbenorts in seinem Namen getrunken gehabt haben werden.
Diese Ordnung wird einstimmig und im Konsens beschlossen gewesen sein werden und wird bis in alle Ewigkeit unveränderlich geblieben sein werden, weil auch der Konsens immer unverändert fortbestanden gehabt haben wird, außer er wird geändert geworden sein werden.

*Anm. d. TAZ-Redaktion vom 21.05.2005

Wider die Demokratieverächter

Beinahe täglich lese ich irgendwo im Netz die Kommentare dummer Personen. Sie kotzen ihren Hass auf Politik und die Demokratie vermittels ihrer Tastaturen in die Welt. Sie alle kennzeichnet eine engagementlose Anspruchshaltung und eine ich-bezogene Kompromisslosigkeit.

Es ist schon beinahe egal, zu welchem Thema sich eine Partei oder ein Politiker äußert. Irgendwo in den Antwortkommentaren wird sich schon einer finden, der sagt „habt ihr keine wichtigeren Themen“ und ein zweiter, der schreibt „ihr seid doch eh alles Volksverräter und Verbrecher“. Klar, das sind Idioten und Deppen wird es wohl immer geben. Menschen, die nicht realisieren, dass das System, das sie beschimpfen ihnen überhaupt erst die Freiheit gibt, ihren Quatsch zu verzapfen. Was mich stört ist nicht, dass es einzelne Idioten gibt, sondern dass die Politikverachtung bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht.

Gerade jetzt, da in sieben Bundesländern Kommunalwahlen sind, stehen tausende ehrenamtliche Ratsläute auf den Marktplätzen, um sich beschimpfen zu lassen, sie würden sich nur selbst bereichern – was ein Quatsch, wenn Menschen ihre ganze Freizeit opfern. Jeder wird von jemand anderem angemault, der jeweils sein ganz besonderes Thema mitgebracht hat und nicht verstehen kann, warum sich nicht die ganze Welt um ihn selbst dreht. Jeder schreit „ich-ich-ich“ und fragt gleichzeitig aggressiv nach, warum die anderen nicht „ja-ja-ja“ rufen. Scheinbar ist in Vergessenheit geraten, dass eine Gesellschaft immer ein Wir ist und dass dummerweise eine Gemeinschaft immer Kompromisse erfordert.

Wie oft ist man mit Freunden unterwegs und die einen wollen Kaffee trinken, die anderen jetzt kurz stehen bleiben und wieder die nächsten endlich das Museum aufsuchen. – Ich gebe zu, das mit dem Museum kommt selbst in meinem intellektuellen Freundeskreis eher selten vor. Am Ende mache ich irgendetwas mit, was nur weitestehend meinen Vorstellungen entspricht, aber eben nicht vollumfänglich. Warum sollte es in der Politik anders funktionieren?

Ich störe mich an dem Anspruch, etwas absolut und kompromisslos umsetzen zu wollen, weil ein solcher Anspruch dem Totalitarismus erneut den Boden bereitet. Der Totalitarismus geht keine Kompromisse ein, er setzt ein bestimmtes Programm kompromisslos durch. Das gefällt durchaus einigen und diejenigen, die keinen Gefallen daran finden können, werden schlicht zum Nicht-Teil der Gesellschaft erklärt.

Ich habe Sorge, dass die zunehmende Anspruchshaltung weiter ums sich greift, immer nur dasjenige zu bekommen, was man selbst will. Absolut und exakt sich selbst durchzusetzen, wie wir es vom Shopping gewohnt sind, am Ende auch denjenigen Kräften wieder zur Macht verhelfen kann, die ankündigen kompromisslos zu handeln. Ein Wiedererstarken einer Idee, die von zwei Richtungen unterstützt wird. Erstens von dem Wunsch, dass man möge sich doch endlich mal wieder durchsetzen und der ignoranten Haltung weil man sich selbst eben nicht komplett mit einem Kompromiss identifizieren kann, nicht mehr an der Wahl teil zu nehmen.

In den Zeiten, da wir die technischen Möglichkeiten geschaffen haben, eine totale Überwachung, wie sie noch nie zuvor dagewesen ist, zu realisieren, sollten wir mehr denn je darauf bedacht sein, dass unser Staat nicht in die Hände derer gerät, die im Kompromiss das eigentliche Übel sehen und die zur Durchsetzung ihres totalen Anspruchs auf Wahrheit eben alle Widersprechenden mundtot zu machen gedenken.

Ich glaube: Das Tanzverbot ist theologisch falsch.

„Wenn ein Freund von mir stirbt, dann ist mir nicht nach Feiern zu Mute“ antwortete der Pastoraltheologe Prof. Matthias Sellmann vor ein paar Jahren auf einen Facebook-Post von mir. Ich hatte mich kritisch zum Tanzverbot geäußert.

Bis heute beschäftigt mich die Frage des Tanzverbotes jedes Jahr an Karfreitag. Vielleicht auch gerade wegen des Disputes mit Matthias Sellmann, den ich sonst sehr für seine theologischen Perspektiven schätze. So emotional verständlich seine Aussage für mich war, so halte ich daran fest, dass das Tanzverbot theologisch falsch ist.

Viel kann man dieser Tage wieder darüber lesen, dass das Tanzverbot in das Leben derjenigen eingreift, die keine Bindung zum christlichen Gott haben. Und analog zum Sterben jedes anderen Menschen lässt sich durchaus fragen, warum die Welt nicht nur für die Trauernden still stehen soll, sondern auch für jene, die keinen Bezug zum Toten haben. Es sind die Fragen einer sich immer stärker säkularisierenden Welt, in der die Herrschaft religiösen Denkens – vielleicht zu Recht – zur Disposition gestellt wird.

Dieser Diskurs lässt sich trefflich führen, aber mein Interesse gilt einer anderen Frage. Ich will nicht wissen, ob das Tanzverbot für den nicht glaubenden Menschen eine Zumutung ist, sondern ob das Tanzverbot mit der österlichen Botschaft überein zu bringen ist.

Stimmen das Tanzverbot und die Botschaft des Osterfestes überein? 

Das Osterfest bildet den Mittelpunkt des Christentums. Tod und Auferstehung sind das Gravitationszentrum des Glaubens an den Gott, der Mensch wurde. Die Menschwerdung unterscheidet das Christentum von anderen Weltreligionen. Sie stellt eine neue Form der Offenbarung Gottes gegenüber dem Menschen dar. Anstatt des Diktates göttlicher Weisungen in Form einer heiligen Schrift, die einen Propheten zum Medium der Selbstoffenbarung Gottes macht, wird im Christentum Gott selbst zum menschlichen Medium seiner Offenbarung. Ein wahrer Gott, der wahrer, verletzlicher, scheiternder, gekreuzigter Mensch zugleich ist.

Das Osterfest ist nicht die Krönungsfeier eines Christus König, sondern ist Dokumentation des Scheiterns Gottes als Mensch und des Scheiterns des Menschen. Gott als Mensch überzeugt kaum. Er tobt durch den Tempel, aber löst das dortige Wuchern nicht auf. Gott redet zu tausenden Menschen, kann aber doch nur wenige für seine Nachfolge erwärmen. Gott steht vor Gericht und kann seine Unschuld nicht beweisen. Der Gott-Mensch stirbt machtlos.

Seine Jünger erkennen in seinem Tod kein Opfer. Sie ziehen sich in Verzweiflung zurück. Verzweiflung über den verloren Freund und Verzweiflung darüber, dass ihr Messias doch nur Mensch gewesen ist. Um sie herum lebt die Welt weiter. Das geschäftige Treiben in Jerusalem hält nicht inne. Niemand nimmt Rücksicht auf ihr Trauergefühl. Die Auseinandersetzung der Jünger mit dem Sterben Jesu findet allein und einsam statt.

Dieser Moment des Zweifels ist von Dauer. Jesus stirbt nicht und steht wieder von den Toten auf, sondern er bleibt tot. Nicht Stunden, sondern Tage. Er bleibt so lange tot, bis sich in die Gemüter seiner Jünger die Gewissheit eingebrannt hat, dass ihr Messias verloren ist – für immer. Er bleibt tot, bis sich die engsten Vertrauen wegwenden, während die Welt um sie herum ihre Verzweiflung nicht zur Kenntnis nimmt.

Erst in dem Moment, da niemand mehr an Jesus als Messias glaubt, wird er von den Toten erweckt. Seine Auferstehung offenbart sich nicht den Jüngern, sondern den Frauen am Grab. Ihrem Bericht schenken die Freunde Jesu kein Vertrauen. Sie glauben nicht, denn für sie ist Jesus ein toter Mensch.

Warum nun offenbart sich Gott in solcher Weise? Warum vollbringt er nicht sein Wunder der Auferstehung vor den Augen der Welt? Warum zwingt seine Allmacht den Menschen nicht die Gottesfürchtigkeit auf, sondern bittet geradezu demütig um unseren Glauben?

- Ostern ist das Fest der Wegwendung des Menschen von Gott und der gleichzeitigen Hinwendung Gottes zum Menschen- 

Ein Gott, der solches tut, will mehr verkünden, als nur seine eigene Allmacht. Ein solcher Gott erzählt von der Gnade nicht glauben zu müssen. Im Osterfest – und insbesondere im Karfreitag – liegt Gottes Versprechen verborgen, dass der Mensch sich abwenden darf von Gott. Sein Versprechen, dass der Mensch Gott sogar tot schlagen kann, ohne dass Gott mit der Welt bricht. Es gibt keine Verpflichtung dazu, sich auf Gott zu richten. Der Mensch darf ganz bei sich sein, bei seiner Freude, bei seiner Trauer. Der Mensch darf ganz auf die Welt gerichtet sein und in diese Welt wird Gott ein Zeichen geben, das groß genug ist, es zu erkennen, aber das einfordert, es glauben zu wollen.

Das Tanzverbot an Karfreitag greift die Botschaft Gottes im Kern an. 

Kann denn das Tanzverbot in Gottes Sinne sein? Kann es richtig sein, dass staatliche Gewalt die Menschen zwingt um Jesus zu trauern? Kann es richtig sein, dass die gesellschaftliche Ordnung mit erhobenem Finger aufs Grab zeigt und ruft „wendet euren Blick nicht ab, auf dass ihr die Auferstehung nicht verpasst“?

Im Garten Gethsemane bittet Jesus um den Beistand seiner Jünger. Sie sollen mit ihm wachen und beten. Er zwingt sie nicht und so schlafen sie ein.

Auch an Karfreitag bittet Gott darum, ihm – dem ängstlich-schwachen Menschen – beizustehen. Er bittet darum, nicht allein gelassen zu sein im Todeskampf. Doch er zwingt die Menschen nicht – auch auf das Risiko hin, dass viele von ihnen einschlafen und ihn alleine sterben lassen.

Kamelle! Kamelle! – Nur für welche Kinder?

Am Rosenmontag ist das ganze Rheinland auf den Beinen. Die Menschen stehen am Straßenrand und schauen auf ihren Karnevalsumzug. Besonders für die kleinen Jecken jedes Jahr ein Highlight, denn es wird mit Süßwaren geworfen. Eine schöne Tradition, die nur einen schalen Beigeschmack hat: Deutsche Kinder kriegen mehr.

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Zu Anfang war es nur eine seltsame Ahnung, als ich am Rosenmontag 2013 in Köln am Straßenrand stand und neben mir in der ersten Reihe direkt ganz vorne zwei blonde Kinder ohne Migrationshintergrund und zwei dunkelhaarige mit einem solchen standen. Mir fiel auf, dass die beiden dunkelhaarigen Kinder insgesamt deutlich weniger Süßigkeiten abbekamen.

“Kamelle! Kamelle!” riefen alle vier ganz tapfer und natürlich bekamen auch alle vier Süßigkeiten zugeworfen, dennoch im Lauf der Stunden stellte sich ein Ungleichgewicht ein. Die Taschen der beiden blonden Kinder waren Rand voll, die der dunkelhaarigen nicht mal zur Hälfte gefüllt.

Ein Phänomen, auf das ich nach einer Weile meinen Begleiter aufmerksam machte. Auch er begann zu beobachten. Wir beide kamen schließlich nach mehreren Stunden Umzug zu einem eindeutigen Urteil: Was hier passiert, ist leider Alltagsrassismus.

Einer Einzelperson lässt sich in diesem Fall wohl kaum ein Vorwurf machen. Denn da stehen schlicht einzelne Jecken hoch auf dem Wagen und werfen Gummibärchen und Schokolade in die Masse und oftmals gezielt in Kinderhände. Die Fußgruppen drücken strahlenden kleinen Jecken direkt die Leckereien in die Hand. Ich bin überzeugt, dass die Einzelnen gar keinen Unterschied machen wollen, welche Kinder etwas bekommen. Ich bin mir sicher, dass niemand Kinder mit Migrationshintergrund diskriminieren möchte – dennoch, es passiert.

Bei fast jeder Gruppe oder jedem Wagen, der an uns vorüber zog, beobachteten wir stets das gleiche Phänomen. Alle Kinder bekamen etwas, aber die gezielten Würfe und das direkte Zugehen auf die Kinder erreichte die beiden blonden Kinder in merklich erhöhter Frequenz. Scheinbar zogen die beiden die Süßigkeiten verteilenden Jecken stärker an, als die anderen.

Da nun der Rosenmontagszug in Köln über Stunden durch die Stadt zieht, fügten sich all die kleinen Zufälle, all die einzelnen Handlungen zu einem großen Ganzen zusammen. Bemerkbar für mich, bemerkbar für meine Begleitung und auch eindeutig bemerkbar für die beiden kleinen dunkelhaarigen Kinder, die ihre Mutter immer wieder fragten, warum die anderen mehr bekommen haben.

Mein Begleiter und ich reagierten kurzerhand und teilten unsere Kamelle-Beute mit den beiden Kindern. Wir machten ihre Taschen auch randvoll. Dennoch – ein Gefühl der Ohnmacht bleibt bestehen. Niemand will diskriminieren, doch es passiert.

2014 mein Wunsch: JECKEN, ÄNDERT DAS.

CSU-Strategie: Verdammt, es klappt.

- ein brutales Lehrstück mit diversen toten Hasen -

Es macht mich wütend und ich fühle mich ohnmächtig angesichts der aktuellen Argumentation der CSU. Im Sommer die Maut und jetzt „wer betrügt, der fliegt“. Eine Kommunikation, die Ressentiments schürt, fachlicher Quatsch ist und das Schlimmste: Es funktioniert!

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die CSU-Politikern unterstellen, sie seien tumbe Bauern aus dem Bayernland. Einer meiner prägendsten ehemaligen Professoren ist ein leitender Stratege bei dieser Partei. Ich weiß wie sie arbeiten, ich weiß was sie können und es kotzt mich an. Warum? Weil die aktuelle Strategie des CSU Rumgebrülle so einfach, so klar und so durchdacht schlau ist.

Ein schlauer Satz meines Professors war immer: „Im Wahlkampf musst du bestimmen, worüber die Menschen reden.“ Eine Regel, die ich in meinen eigenen politischen Strategien immer beherzigt habe. Halte dem Gegner ein Stöckchen hin und lass ihn drüber springen. Weil ich das Stöckchen halte, weiß ich selbst vor dem Opponenten, worüber wir nun streiten werden. Ich bin besser vorbereitet und meine Kommunikation ist genauer auf dem Punkt, weil besser und schon länger geplant.

Eine solche Strategie funktioniert wie eine Treibjagd. Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Im Sommer rief die CSU nach eigenen Verwandtschafts- und Justizskandalen plötzlich zur Treibjagd. Wohl geplant und lange vorbereitet präsentierte sie die „Ausländermaut“. Eine Politik, von der von Anfang an klar war, dass sie entweder nicht erfolgreich einführt werden kann, oder aber zu massiven finanziellen Verschiebungen zu Ungunsten der Kleinwägen führen wird. Alles egal, es war das Stöckchen, das sie der Opposition hinhielt, damit sie drüber springt und sie sprang.

Während die Jäger aus Umfragen wussten, dass wenig die Bayern so sehr ärgert wie die Österreichische Vignette, waren die Hasen gezwungen von europarechtlichen Bedenken zu sprechen. Niemand mag Europa, weil es in Europa immer Bedenken gibt, gegen das, was die Menschen wütend macht.

Im Wahlkampfbudget der CSU war die Maut von Anfang an eingeplant. Sie war strategisch entwickelter Höhepunkt. Über Jahre vorbereitet und mit Material und gut geschriebenen Pseudoargumenten unterlegt. Die Hasen in diesem Spiel mussten erst einmal die eigenen Finanzplanungen umstricken, um gegen halten zu können. Die passende Gegenargumentation mit einigem Hin und Her erst aufgebaut werden. Der Spielraum eng, Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Es liegt in der Natur der Sache, dass eine solche Falle funktioniert. Sie ist das Resultat langfristiger Planung und sie konnte nur von der CSU aus der Regierung heraus gelegt werden. Der Vorwurf gilt also nicht der Opposition, sondern das Kompliment der Regierung. Hat die Treibjagd erst begonnen, bist du als Gegner machtlos.

Leidvoll hat die Opposition in Bayern das erlebt und leidvoll die CDU/CSU während den Koalitionsverhandlungen. Sigmar Gabriel hatte zur Treibjagd auf die Konservativen mit einem Mitgliedervotum geblasen.

Das Schönste an der politischen Treibjagd ist, zu sehen, wie der Gegner sich genau wie geplant verhält. Zu hören, wie es plötzlich lärmt und wie es zu Kurzschlussreaktionen kommt. Da kritisieren die einen die Verfassungsmäßigkeit von Mitgliedervoten, in München tobt Seehofer, die SPD-Führung sei nicht souverän und im Lauf der Tage merken sie alle, wie eng es um sie geworden ist und wie schlau die Falle war. Wie immer zu spät.

Das Schlimmste an der politischen Treibjagd ist, zu sehen, wie wir uns genau wie geplant verhalten. Zu hören, wie es plötzlich lärmt und wie es zu Kurzschlussreaktionen kommt. Da unterstellen wir Ausländerfeindlichkeit, während die Menschen sagen, dass Betrüger zu bestrafen, doch nicht feindlich, sondern gerecht sei. Da werfen wir mit Fakten um uns, die keinen interessieren, weil die Emotion obsiegt. Das innere Unbehagen gegen das Fremde ist wirkmächtiger, als die Arbeitsmarktstatistik.

Ich weiß genau, in welche Falle wir gerade rennen. Ich ahne, hinter welchen Büschen die Jäger sich verbergen. Ich bin schon wieder der Hase – Verdammt, es klappt.

Die CSU braucht aktuell ein Upgrade für ihr Image als Lokalpartei, die sich als Bollwerk gegen die Außenwelt präsentiert und sich allein um Bayern kümmert. Für die Landtagswahl hat sie dieses Image aufgebaut. Die Partei wollte mit nichts anderem, als mit dem Bayerischen Klein-Klein – oder um es Bayerischer zu sagen – Groß-Groß assoziiert werden. In der Landtagswahl hat dieses Bayerische Profil mit Maut und Flut zur absoluten Mehrheit gereicht. Doch jetzt kommt die Europawahl und die CSU ist dabei denkbar irrelevant. Wie klein wirkt doch die bayerische Regionalpartei angesichts der gigantischen Europäischen Union.

Nichts desto trotz, es gilt die Regel: „Im Wahlkampf musst du bestimmen, worüber die Menschen reden“. Und dabei ist es erstmal egal, wie laut geschimpft wird. Die CSU hat es geschafft. Sie hat erneut eine Politik ins Spiel gebracht, die dafür sorgt, dass alle Welt über die Positionen dieser Partei spricht, streitet, wütet. Es scheint beinahe, als sei die CSU die einzige Partei mit einer europapolitischen Forderung. Die einzige, die sich für dieses Thema interessiert. Alle anderen blicken nur auf Berlin.

Die CSU hat sich zum Mittelpunkt gemacht. Sie lockt den Gegner an und treibt ihn zusammen. Wir reagieren laut und hysterisch. Wir verlassen nicht den Wald, wir stürmen hinein. Leider auch ich selbst. Verdammt, es klappt – Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Sprachbildersturm: Über eine Kirche, die man versteht

Mein Vortrag auf der Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Jugend in Deutschland anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums am 22.11.2013 in Berlin. 

Erik Flügge

Vielen Dank, dass ich heute hier als Katholik bei der Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend sprechen darf. Normalerweise kommen wir Agenturmenschen ja mit Powerpoint-Präsentationen. Dann gibt es bunte Bilder und die große Show und am Ende haben Sie nichts verstanden, wollen aber alle etwas kaufen.

Wenn Theologen kommen, dann gibt es normalerweise keine Powerpoint-Präsentationen, es hat auch niemand etwas verstanden, aber immerhin wollte auch keiner etwas kaufen. Das gilt dann als die große Differenz: Kirche ist nicht-kommerziell ausgerichtet.

Ich will heute einen anderen Versuch unternehmen und bin dankbar, dass meine theologische Vorrednerin vom Predigtzentrum Wittenberg den Part mit der Powerpoint-Präsentation bereits übernommen hat. Vielleicht konnte Sie ja vom „Kauf“ eines neuen Predigtstils überzeugen. Denn ich habe heute keine bunten Bilder dabei, sondern – ungewöhnlich für einen Agenturchef – eine Predigt.

Die habe ich, wie es sich gehört aufgeschrieben. Weil nun aber mein eigenes Theologie-Studium schon eine Weile her ist und ich das am Ende auch nie abgeschlossen habe, habe ich mir für diesen Text auch den Rat von befreundeten Christen eingeholt. Ich habe sie per Twitter gebeten, mir besonders christliche Sätze zu schicken. Die habe ich dann aneinander gefügt und trage ich jetzt einfach vor:

Ihr habt mich eingeladen, um heute über eine Sprache zu sprechen, die von Jugendlichen verstanden wird. Über eine Sprache, die evangelischer Jugendarbeit Wege eröffnet, um von Jugendlichen gehört zu werden. Das ist eine gute und wichtige Frage, denn die Frage nach unserem Sprechen ist zutiefst theologisch.

- Ich glaube, wenn ich jetzt am Anfang so ein bisschen bedächtig klinge, dann hat das mehr Wert, was ich sage. -

Es ist die Frage ob wir als Christen in Vertrauen auf das Pfingstereignis hinaus gehen und den Menschen das Feuer der Botschaft Gottes bringen. Hinaus in die Welt zu den Menschen, deren Hoffnung auf Erlösung in Jesus Christus liegt. Nicht bei uns stehen zu bleiben, sondern in Bewegung zu den Menschen zu sein.

Wir wollen als Kirche die Menschen berühren mit den Flammen unserer Worte, die wir auf unseren Zungen tragen. So wie die Apostel durch den Geist bemächtigt wurden in allen Sprachen zu sprechen, sind wir heute aufgefordert die Botschaft Gottes in der ganzen Welt zu verkünden.

- Auf den nächsten Teil bin ich besonders stolz, den haben mir Freunde aus der katholischen Jungen Gemeinde zugeschickt -

Fürchtet euch nicht vor dem Kontakt mit den Menschen, denn wir sind das Volk Gottes, das verstanden werden wird, weil der Herr als Hirte behütend den Stab über uns hält und uns den Weg zu jenen weist, die Erlösung suchen.

Darum werden wir in der christlichen Jugendarbeit nicht müßig, jungen Menschen zu ermöglichen, sich selbst als Teil der göttlichen Schöpfung zu erfahren. Wir ermöglichen die innere Einkehr, das Sich-Selbst-Finden, das Bei-Sich-Sein, damit jungen Christen zu dem innersten Kern dessen Zugänge eröffnet werden, was sie wahrhaftig sind: Geschöpfe Gottes, in denen das kleinste Senfkorn Hoffnung zum stolzen Baum eines erfüllten Lebens im Glauben heran wächst.

Is ja alles theologisch richtig, aber sprachlich und rhetorisch einfach fürchterlich scheiße. – Meine Frage an meine christlichen Freunde lautete auch in Wirklichkeit: „Brauche Hilfe: schickt mir bitte typisch religiöse Sätze wie “Jesus lädt dich in seine Gemeinschaft ein, ja auch dich.” Es muss triefen.“

Sie haben mich eingeladen zur Frage, wie man sprachlich wieder näher an Jugendliche heran kommt. Ich glaube die Antwort ist ganz einfach: Werdet wieder Reformatoren!

Martin Luther ist einst angetreten, um das Christentum verständlich zu machen. Weg vom Latein, hin zur vom Volk gesprochen Sprache. Martin Luther ist einst angetreten, um die Kirche wieder auf den rechten Weg zu führen. Weg vom Prunk hin zur Armut.

Was haben wir daraus gemacht? Die Idee der Verständlichkeit haben wir mit einem neuen Latein in deutscher Sprache tot gesprochen. Wer versteht denn heute das Gerede von den Senfkörnern? Wer denkt auf einer Party „huch, wir sind zwei oder drei, da ist jetzt Gott mitten unter uns“? Wer von Ihnen wohnt in einem Land, in dem Senfbäume wachsen? Und wann ist Ihnen die letzte Schafherde begegnet?

Unsere Kirchen sind nicht mehr voller Prunk und Pracht aus Gold und Silber, aber sie sind bis zur Decke gefüllt mit schwülstig-barocken Worten. Verschwurbelte Unverständlichkeit. Im Grunde brauchen wir einen neuen Bildersturm. Dieses Mal reißen wir keine Heiligenportraits von den Wänden, sondern die ganzen goldenen Sprachbilder.

Es ist das Eine im Lutherjahr zu feiern, dass es eine theologische Erneuerung gab und dabei zu glauben, diese hätte die evangelische Kirche begründet. Konsequenter wäre ein Anderes: Zu feiern, dass die erfolgreiche Spaltung der Kirche natürlich durch Macht, aber vor allem durch rhetorischer Übermacht möglich wurde.

Macht in dem Sinne, dass Fürsten sich kirchlichen Besitz und das kirchliche Verwaltungsmonopol einverleiben wollten.

Ein Akt, der die komplette Neuordnung der politischen Welt zur Folge hatte und im Grunde unser heutiges Staatsverständnis begründete. Das war ganz attraktiv für diejenigen Fürsten, die nicht ganz so gläubig waren und daher weniger Angst vor dem Fegefeuer hatten. Die konnten ihren Besitz durch die Reformation gewaltig mehren.

Aber viel spannender ist die rhetorische Übermacht der Reformation. Die frühen Reformatoren hatten verstanden, dass sprachliche Radikalität, Verständlichkeit und Vulgarität den Schlüssel zur Massenbewegung darstellen. Eine Erkenntnis, deren theoretische Entwicklung, aber vor allem flächendeckende praktische Verbreitung durch Philipp Melanchthon in Tübingen organisiert wurde.

Sie zweifeln, dass die Reformatoren radikal gesprochen haben?

„An den Bock zu Köln“ adressiert Martin Luther einen Brief an den katholischen Erzbischof und Kurfürsten zu Köln. Wollten wir in gleicher Weise heute formulieren, so müsste diese Versammlung ein Schreiben an Kardinal Meisner verfassen und von der Anrede „Schlampe“ Gebrauch machen. Umgangssprachliche Vulgarität aufgegriffen in der formal-institutionellen Kommunikation. Eine brillant einfache Idee.

Natürlich würde eine solche Anrede heute nicht zu den gepflegten Beziehungen zwischen evangelischer und katholischer Kirche passen. Im Kern dient dieses Beispiel auch nicht als Aufforderung, sich daneben zu benehmen, aber durchaus als Appell die eigene Langweiligkeit im Sprechen zu überwinden – Umgangssprachlichkeit zu wagen und sich aller kirchlichen Spießigkeit zum trotz auch vor den vulgärsten Ausdrücken nicht zu zieren.

Jugendliche werden nicht davon beeindruckt, dass wir uns so klug und erwachsen ausdrücken können. Nicht von einer Sprache, die nur Distanz aufbaut, weil sie in einem normalen Alltag niemals vorkommt. Noch weniger werden sie von emotionstriefendem theologischen Geschwätz begeistert. Ja, ich nenne diese „ins Wasser fällt ein Stein“ und „Jesus läd dich ein“-Phrasen Geschwätz, weil sie den Kern der reformatorischen Sache verschleiern: DAS BEGREIFEN.

Denn der Kern der Reformation ist das Zutrauen in die Menschen, dass sie selbst ohne Bildung, jung oder alt, Bauer oder Fürst, wenn sie denn nur selbst in der Bibel lesen und nachdenken, schon gottgefällige Schlüsse werden ziehen können. Lest es selbst und lasst euch nicht nur belehren!

Kein einlullen mit süßen Phrasen, sondern ein emotionales Berühren der Menschen dadurch, dass sie die Botschaft Gottes selbst verstehen.

Überzeugung durch das Hochgefühl, es selbst kapiert zu haben. Selbst sich etwas zu erschließen und für sich selbst zugänglich zu machen. Im Grunde nichts anders als der große Klassiker der Lerntheorie: Wenn ich mir etwas selbst erschließe, dann lerne ich es nachhaltig und bin gleichzeitig motiviert, mehr begreifen zu wollen.

Bei beidem geht es um Emotionalität. Bei der esoterischen Analogie-Suche nach immer neuen Sprachbildern, genauso wie im Hochgefühl etwas begriffen zu haben. Während erstere Emotion nur von den bereits über-Überzeugten geliebt wird, ist die Emotion der Erkenntnis durchaus geeignet Kontakt zu unüberzeugten Menschen herzustellen.

Ich will nicht missverstanden werden. Ich fordere keine kompliziert-logischen Texte und Sätze ein. Oder noch schlimmer: Irgendwelche schrecklichen „10-gute-Gründe-Flyer“ oder Schüler-Bibelkreise. Ganz im Gegenteil. Mir geht es um den emotionalen Kern.

Unser Gehirn ist so aufgebaut, dass unsere Entscheidungen nicht auf Vernunft und Argumentation, sondern auf positiven oder negativen Emotionen basieren. Was sich richtig anfühlt, ist subjektiv wahr.

– ABER: wahrhaft nachhaltige Emotionalität basiert nicht auf Übervorteilung durch Teelichter, Nora Jones Musik und salbungsvolle Worte, oder durch das auswendig Lernen von Bibelstellen,  sondern basiert darauf, dass Menschen das positive Hochgefühl haben, etwas verstanden zu haben. Ein Prozess der umso wahrscheinlicher wird, umso einfacher, konkreter und umgangssprachlicher wir etwas erklären.

Beweis gefällig?

Ich finde Helmut Schmidt toll, dabei fand ich ihn über viele Jahre hinweg so richtig bescheuert. Ein alter Mann, der ständig raucht. Ohje, was für eine schlimme Karikatur von Souveränität. Seht her, meine Zigarette – oh wie toll, ich kann sie selbst in Talkshows rauchen. Mir war das immer zu billig, zu analogisch und am Ende war mir der ganze Typ einfach zu blöd.

Diese emotionale Ablehnung hielt lange an, bis ich irgendwann mal wieder eine Talkshow mit ihm sah. Er rauchte, wusste alles besser und nervte wie immer. Bis er grob Folgendes sagte: „Wie unüberlegt ist es, dass wir uns freuen, dass wir einen so hohen Außenhandelsüberschuss haben. Es gibt ein deutsches und nicht nur ein europäisches Interesse an einer ausgeglichenen Außenhandelsbilanz. Denn im Grunde bedeutet der Überschuss Deutschlands nichts anderes, als dass wir Waren, Dinge, also Luxusgüter in die Welt verschicken und dafür Geld, also Papier erhalten. Das heißt wir geben Wohlstand an andere ab und tauschen diesen gegen Geld. Geld aber bietet an sich keinen Mehrwert und entwertet sich selbst durch Inflation, wenn wir nicht im gleichen Umfang wieder Waren – also Wohlstand und Luxus – aus dem Ausland einführen und damit unsere Außenhandelsbilanz ausgleichen.“

Im Original hat es etwas länger gedauert, weil er noch ca. 200 mal an seiner Zigarette ziehen musste, aber in mir war etwas passiert. Ich liebte diesen Mann, fand ihn plötzlich toll und empfinde es bis heute. Zwischen ihm und mir ist eine emotionale Bindung entstanden, die auf einer ganz einfachen Tatsache beruht: In meiner Schulzeit habe ich immer wieder, wenn wir das lernen mussten, unsere Lehrer gefragt, warum es denn ein Problem sei, wenn wir Außenhandelsüberschüsse machen. Und ich bekam über Jahre hinweg irgendwelche verschwurbelten Antworten, dass die ausgeglichene Außenhandelsbilanz ja eine Zieldimension der deutschen Wirtschaftspolitik sei und damit wichtig … mehr bekomme ich ehrlich gesagt heute nicht mehr von diesen Antworten zusammen. Selbst verstanden hatte ich es jedoch nie, bis zu jenem Talkshow-Auftritt von Helmut Schmitt.

Ich war positiv emotional berührt davon, dass ich etwas verstanden hatte. Schlicht: Gut gelaunt.

Niemand hat eine positive Emotion davon, dass unsere Predigten unverständlich sind – dass sie Vergleiche aufmachen, die mehrere Semester Theologiestudium erfordern. Niemand ist beeindruckt davon, wenn sich die Kirche ihre eigene sprachliche Welt erschafft und die eigenen Kirchentüren mit dieser Sprache so lange vernagelt, bis kein Mensch mehr verstehen kann, warum da jemals jemand rein gegangen ist.

Wer junge Menschen erreichen will, der muss die komplexesten Dinge ohne Schnörkel und Senfkörner erklären können und wollen. Im Grund gilt es nur einem Satz von Melanchthon in ganzer Konsequenz zu folgen: „Wer Christus hat, hat alles und kann alles“.

Ein Satz, der alles sagt, weil er adressiert, dass wir nichts Besonderes brauchen, um andere Menschen zu überzeugen. Keine Texte, keine Bibeln, keine Veranstaltungsformate. Wir brauchen keine besondere Musik und keine neuen Flyer, wir brauchen keine theologische Sprache, sondern wir brauchen schlicht uns, so wie wir waren, bevor wir innerhalb der Kirche anfingen anders zu sprechen, als wir es sonst taten. Wir brauchen uns und unsere Sprache, die noch so klingt, als hätten wir nicht Theologie studiert und als wollten wir mit unseren Freunden über Fußball reden. Erst wenn das Sprechen von Gott klingt wie das Sprechen von der Fußball-WM, dann sind wir in Luthers Sinne wieder sprachlich ganz nah bei den Menschen.

Wir brauchen schlicht uns mit unseren klaren Gedanken, die wir ohne Sprachbilder auf den Punkt bringen. So sehr auf den Punkt, dass unser Gegenüber zu denken beginnt und in der positiven Erfahrung der Selbst-Erkenntnis Motivation für die tiefere Auseinandersetzung mit sich und mit Gott schöpft. Ein wahrhaftiger Sprachbildersturm.

Unternehmen wir doch einfach mal den gleichen Versuch wie Jesus, die Menschen zu überzeugen. Nicht durch die Wiederholung der alten Texte, sondern indem wir unseren Glauben so erklären, dass er verstehbar wird. Wagen wir Verständlichkeit!

Verständlichkeit heute erfordert, dass wir die Bibel bei Seite legen. Nicht als Quelle von Gedanken, aber als Quelle von Zitaten. Denn die Welt der Bibel ist 2000 Jahre alt und hat keine passenden Vergleiche und Geschichten für mein Leben in der Mitte einer Großstadt.

Als Katholik habe ich es da einfach. Ich kann sagen, dass ich die Tradition der Kirche haben, die auch in Großstädten stattfindet und diese ist genauso heilig wie die Bibel.

Aber heute stehe ich vor Protestanten und muss eine Antwort auf die Aufforderung Luthers finden: „Solange ich nicht durch Zeugnisse der Schrift überzeugt werde“, glaube ich hier gar nix.

Und ich glaube, dass in der Bibel steht, dass wir sie nicht wörtlich, sondern nur inhaltlich zitieren sollen, um Menschen zu überzeugen. Denn die Bibel gibt uns den entscheidenden Hinweis:

Gott selbst hat nicht genug rhetorisches Talent gehabt, alle Menschen zu überzeugen. Warum sollten wir also seine genauen Worte wiederholen?

Weder konnte Gott den Pharao in Ägypten durch Mose überzeugen. Auf den ließ er einreden, dann hat er ihn erfolglos mit Fröschen beworfen – nur um schlussendlich keinen Ausweg mehr zu sehen, als ein Kindermord-Massaker anzurichten, das übrigens nicht sonderlich nachhaltig überzeugte.

Wir könnten es auf die begrenzten Fähigkeiten von Mose schieben – schließlich konnte der nicht mal seine Leute vom goldenen Kalb basteln abhalten.

Doch unser Gott, als er selbst Mensch wurde,  konnte allerdings kaum besser überzeugen. Ja, Tausende lauschten der Bergpredigt, aber damit sie nicht wegliefen mussten die Zuhörer auch mit einem durchaus beachtlichen Buffet versorgt werden. Simon folgt Jesus als sein Vertrauter Petrus nicht nach, bevor er nicht einen durchweg materialistischen Haufen Fische aus dem See gezogen bekommt, der nun wirklich mit nachhaltiger Fischerei wenig zu tun hat und auch nicht wirklich als theologisch fundierte Argumentation anerkannt werden kann.

Die Mächtigen haben ihn ans Kreuz nageln lassen, weil Gott selbst keiner die Nummer mit dem Gottessohn, der wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich ist, glauben wollte. Seine eigenen Jünger saßen nach der Kreuzigung zusammen und waren verzweifelt darüber, dass sie offenbar nicht dem Messias, sondern einem gekreuzigten Loser gefolgt waren. Nicht mal von seiner eigenen Auferstehung konnte Gott vollumfänglich überzeugen.

Thomas wollte Wunden checken, bevor er hier irgendwas glaubt und zu guter Letzt braucht es noch ein Motivationstraining und ein recht intensives Fremdsprachencoaching durch den heiligen Geist in den Pfingstferien, um diesen ganzen Apostel-Haufen irgendwie dazu zu bewegen die größte Geschichte der Welt irgendwem erzählen zu wollen.

Ich glaube nicht, dass Gott die Menschen nicht mit Worten überzeugen könnte, wenn er uns denn diese Worte hätten sagen wollen. Ein allmächtiger Gott kann sicherlich rhetorisch so brillieren, dass alle im folgen und bei der Rezitation jedes einzelnen Satzes sofort eine Bekehrung eintritt.

Doch wir als Christen vertrauen darauf, dass Gott uns in der Bibel den Weg zum gerechten Leben weist, dass sich in diesem einen Buch Gott selbst offenbart. Als guter Theologe kann und darf ich dann aber auch nur zu einem analytischen Schluss kommen:

Gott wollte uns keine Worte geben, die von alleine funktionieren. Die Worte Gottes zu kopieren, um andere Menschen zu überzeugen, ist echt keine gute Idee. Wenn Gott selbst zu einer Zeit, als die ganzen sprachlichen Bilder noch nahe an der Lebensrealität der Menschen waren, nur mäßige Erfolge mit dieser Sprache erzielte, dann sollen wir in einer neuen Zeit diese nun wirklich nicht rezitieren.

Dem Pfingstereignis gehen Tod und Auferstehung voraus. Dem Pfingsereignis geht voraus, dass Gott selbst nicht überzeugen konnte. Es geht dem Ereignis voraus, dass seine engsten Vertrauten Beweise einforderten und zweifelten. Das sind keine Annahmen oder Vermutungen, sondern all dies ist explizit ausgesprochener Bestandteil der heiligen Schrift.

Im Pfingstereignis selbst fallen keine Bibeln in allen Sprachen der Welt vom Himmel, sondern es brennen Flammen auf den Zungen unterschiedlicher Sprecher. Ihnen wird die Barriere der Fremdsprache genommen, aber keiner der Sprecher wird auf die Worte Gottes verpflichtet. Es sind die Apostel, die aufgefordert sind selbst von den großen Taten Gottes in der Welt zu sprechen. Mit ihren eigenen Worten über eigenen Glauben – ohne Schnörkel.

„Wer Christus hat, hat alles und kann alles“.

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