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Theologie des materialistischen Gegenübers

Simon Petrus

Das Netz des Simon Petrus ist mitten am Tag voller Fische. Ein Wunder, das sich der einfache Fischer nicht hat vorstellen können und das ihm Angst macht. Jesus nimmt ihm die Angst und weist ihm den Weg, ein Menschenfischer zu werden. (Lukas 5, 1-11)

Wer kennt sie nicht die alte Geschichte von den vollen Netzen. Sie kommt wohl früher oder später in jedem christlichen Religionsunterricht vor. Die Botschaft ist einfach. Verlasst den Weg, den ihr seither gegangen seid, und wendet euch Gott und den Menschen zu statt den materiellen Fischen. Seltsam, denn die Geschichte geht völlig anders.

Mir begegnet die Bekehrung des Simon Petrus in den Tiroler Alpen. An der Wand hängt neben einem Holzkreuz eine klassische Petrus-Ikonografie. Sie zeigt den Apostel mit einem Netz voller Fische. Logisch, denn er ist der Schutzpatron der Fischer und Angler. Warum nur ist sein Netz nicht voller Menschen?

Manchmal ist es hilfreich, die Dinge nicht vom Ende her zu denken, sondern sie Schritt für Schritt chronologisch zu durchdenken. Tut man dies im Falle dieser Bibelgeschichte, kann man zu neuen Schlussfolgerungen über einen erfolgreichen Bekehrungsmechanismus kommen.

Am Anfang steht nicht der Menschenfischer. Am Anfang steht nicht eine religiöse Weisheit. Am Anfang steht da schlicht eine Gruppe frustrierter Fischer, die in der Nacht keinen Fisch gefangen haben. Sie sind arm und geplagt von Mangel und Frustration. Zu diesen Menschen tritt Jesus und liefert keine oberschlauen Weisheiten von „Prüfungen Gottes“. Er fordert nicht auf, zu beten, damit es in Zukunft besser werde und er sagt nicht „selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich“. Seine Botschaft ist eine andere. Er schließt sich den Fischern an und zeigt ihnen, wie sie die Netze so voll machen, wie noch nie zuvor.

Stop, halt, so geht das nicht! Der kann doch nicht einfach die materialistische Orientierung der Fischer bedienen! Wieso erklärt er ihnen nichts von nachhaltiger Fischerei und warum sagt er nichts davon, dass der Materialismus nicht das Wesentliche im Leben ist? Warum zeigt er den Fischern nicht, dass Bildung wichtiger ist, als schnell zu Reichtum zu kommen? Ist der denn kein guter Christ und Theologe?

Die Theologie von heute ist antimaterialistisch. Sie hinterfragt kritisch die Konsumgesellschaft, prangert Primark und McDonalds an. Die Kirchen betreiben Fair Trade Shops und die katholischen Bildungshäuser legen großen Wert auf regionales, saisonales und biologisches Essen. Ein Angebot der kritischen Selbstüberprüfung in Form von Exerzitien und Bildungswochen reiht sich an das nächste. Stets gilt es, dass der Intellektuelle mit Hilfe der Kirche noch ein bisschen intellektueller werden kann 

Und Jesus? – Der fischt entgegen allen Prinzipien der Nachhaltigkeit und völlig verantwortungsvergessen einen ganzen See leer. Er schüttet einen Berg von Fischen auf. Er gründet quasi einen eigenen Primark mit integrierter McDonalds-Filiale. Warum?

Gönnen können, ohne selbst zu nehmen. 

Mit diesem „warum?“ bin ich viele Stunden unterwegs. Eine Bergwanderung mit Zeit zum Nachdenken in wilder, rauer Natur. Es dauert lange, bis ich den Mechanismus durchdringe, aber am Ende im Tal bin ich mir sicher, dass man so Menschen überzeugen kann.

Der Mechanismus lässt sich auf eine einfache Formel bringen: „Gönnen können, ohne selbst zu nehmen“. Ein Prinzip, bei dem man anerkennt, dass der Materialismus des Gegenübers eine ernstzunehmendes Bedürfnis ist. Diesem setzt man kein Alternativkonzept entgegen, sondern man nimmt die Perspektive des Gegenübers selbst ein. Man bedient das materialistische Bedürfnis des Anderen, ohne dessen Wert, dessen Sinn, dessen Wirkungen zu hinterfragen. Das Besondere ist, dass man zwar den Materialismus des Gegenübers vollumfänglich bedient, jedoch sich selbst nichts nimmt.

Jesus gibt den frustrierten Fischern einen Berg von Fischen, um sie glücklich zu machen. Er selbst nimmt sich den Berg Fische nicht. Er tritt damit den Beweis an, dass es ihm möglich ist, die materialistische Perspektive anzuerkennen und einzunehmen und zeigt gleichzeitig, dass er dies dennoch nicht übernimmt. Dadurch wird eine Differenz sichtbar. Denn das, was dir so viel bedeutet, bin ich bereit dir zu geben, aber offensichtlich bedeutet es mir nicht dasselbe. Ein guter Grund nachzufragen. 

Der einfache Mechanismus „Gönnen können, ohne selbst zu nehmen“ bewirkt zweierlei. Er schafft Sympathie, weil man als Materialist bekommt, was man sich wünscht und er schafft gleichzeitig Glaubwürdigkeit für die eigene, unterschiedene Perspektive, weil man sich selbst nicht bedient.

Eine Person, die jemanden gibt, was er sich wünscht ohne es sich selbst zu nehmen, löst zwangsläufig eine Irritation aus. Denn es steht die Frage im Raum, wieso jemand, der mir so viele Dinge geben kann, nicht selbst diese Dinge wünscht? – Da lernen das produktive Umgehen mit Irritationen ist, können wir davon ausgehen, dass die Frage auch irgendwann gestellt wird. Und in dem Moment kann die eigene Position in den Vordergrund treten und ihre Überzeugungskraft entfalten.

 Was heißt das für die Kirche von heute?

Die Kirche ist Bannerträgerin der eigenen Perspektive auf die Welt. Sie ist damit aber nur ansprechend für diejenigen, die bereits die selbe Perspektive eingenommen haben. Sie bleibt fremd und ablehnend für jene, die sich noch ganz dem Materiellen hingeben. Denn wieso sollte ich in eine Kirche gehen, in der das, was mir wichtig ist, von Anfang an in Frage gestellt wird?

Unterstellen wir, die Kirche würde konsequent die Bekehrung des Simon Petrus zum Vorbild nehmen. Sie würde mit vollen Händen schenken und selbst in Armut leben. Kostenfreie Kitaplätze, aber ein sehr kleines Gemeindehaus. Stark bezuschusste Mensen für Schülerinnen und Schüler statt Bildungshäuser und Bildungsreisen. Eine Kirche, die gibt und selbst ganz arm ist.

Ein Ansatz, wie ihn der neue Papst übrigens einfordert und der in den deutschen Diözesen einiges an Magengrummeln verursacht. Ja, der meint das ernst mit der armen Kirche, die den Armen Reichtum schenkt und ist gerade darum beliebt.

Schaut man auf die Bekehrung des Simon Petrus und den Berg Fische auf dem Strand, muss einen dies nicht wundern. Der Papst macht sich sympathisch, weil er materielles verschenkt und es sich selbst nicht nimmt. Alsbald gewinnt er dadurch Menschenfischer.

Theologen, sprecht vom Krieg!

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Mein alternatives Wort zum Sonntag

Ich bin entsetzt über die Predigten in Kirchen und im Fernsehen. Im Nordosten taumelt Europa in einen neuen großen Krieg und im Südosten schlachten religiöse Fanatiker die Zivilbevölkerung ab. Die Welt brennt und gestandene Pfarrerinnen und Pfarrer haben nichts zu sagen. NICHTS.

Am meisten bestürzt mich das Wort zum Sonntag. Das bewegt sich zumeist zwischen Belanglosigkeit und Peinlichkeit. Ich bin das gewohnt. Es ist jeden Samstag Abend eine entsetzliche Tradition. Ich kann es sogar verstehen. Da soll man in wenigen Minuten vor einem Millionenpublikum etwas sagen, was der letzte Depp versteht. Es soll sich gut anfühlen und ein positives Bild von Kirche transportieren. Da ist die Ice Bucket Challange doch ein gutes Thema, genauso wie die Frage, ob es schlimm ist, wenn alle anderen in den Urlaub fahren, nur man selber nicht.

WHAT THE FUCK. Dafür braucht es keinen prominenten Sendeplatz am Samstag Abend. Es reicht ein Youtube-Kanal, den – wenn es wirklich gut läuft – 500 Leute abonnieren. Gerade deshalb war ich erfreut, dass sich am 9. August Pfarrer Alfred Buß entschieden hat, vom Frieden zu predigen.

Ich bin beschämt.

Ich bin beschämt über das, was er gesagt hat. Nicht, weil es nicht schön genug war, sondern weil es zu schön war. Eine kleine Geschichte über Kinder, die wissen, wie man Krieg spielt, die aber keine Antwort darauf haben, wie man Frieden spielt. Dann eine kurze Erwähnung des ersten Weltkrieges, um sich darauf hin den aktuellen Konfliktherden zu nähern und zu bemängeln, dass Kriege im Namen Gottes geführt werden. ZEITSPRUNG. Der Augsburger Religionsfriede war wichtig und schön, dass Menschen den Frieden feiern.

WHAT THE FUCK. Dafür braucht es keine Kirche. Wie sinnentleert wollen wir die Theologie noch werden lassen? Unsere Kirchen haben sich in Gräber verwandelt. Das Publikum ist dem Tod genauso nahe, wie die theologische Substanz dessen, was in ihnen gepredigt wird. Wo ist das Existenzielle hin? Wo ist die Theologie?

Ihr macht es euch zu einfach!

Es ist zu einfach, für den Frieden zu beten. Es ist zu einfach, weil wir alle wissen, dass kein Gebet für den Frieden, das Morden beendet. Es ist zu einfach, weil kein Gebet die Wahnsinnigen stoppt. Es ist zu einfach, weil das Gebet für den Frieden aus der sicheren Ferne eine herzlose und sinnfreie Tat ist. Wer wahrhaft glaubt, muss existenzieller denken.

Wenn wir in den Nahen Osten blicken, dann wütet dort eine brutale Miliz. Sie mordet, vergewaltigt, versklavt und schlachtet ab. Da spielen keine Kinder den Krieg, sondern da zerfetzen Kugeln Kindern das Gesicht. Da schneiden vermummte vor laufender Kamera Journalisten den Kopf ab. Da gehen Männer Reihen von Gefangenen entlang und ermorden einen nach den anderen und niemand hält sie auf.

Wie zynisch ist es, das Augsburger Hohe Friedensfest zu zitieren. Das ist kein Hochfest des Friedens, sondern ein Aufatmen, dass das knietiefe Waten im Blut ein Ende hat. Dort wird bis heute gefeiert, dass am Ende des Dreißigjährigen Krieges die Leichenberge des endlosen Hassens und Mordens so hoch geworden waren, dass keine Seite mehr die Kraft hatte, den Krieg weiter zu führen. In Augsburg gewinnt nicht die Menschlichkeit, sondern es scheitert der Krieg nach dreißig Jahren.

Wollen wir in Syrien und im Irak auch auf dieses Fest warten? Wollen wir hoffen, dass wir eines Tages predigen können, dass auf den zertretenen Leichen von Millionen Menschen in Bagdad ein Frieden geschlossen wurde, weil für keinen der Krieg noch zu gewinnen war?

Glaube heißt Verzweifeln!

Die Theologie muss heute Antworten geben auf die Fragen dieser Tage. Diese Fragen heißen nicht „wie spielt man Frieden?“ sondern sie heißen „ermorden lassen, oder kämpfen?“ und „beistehen oder verrecken lassen?“. Diese Fragen tuen weh.

Wer in der Nachfolge Christi steht, der folgt keinem Sieger, sondern einem Verlierer. Wer Christus folgt, folgt dem Geschundenen, dem Gefolterten und dem Ermordeten. Wer Christus folgt, der greift nicht zur Waffe, sondern lässt sich ermorden. Aber können wir allen Ernstes von anderen verlangen, sich ohne Gegenwehr den Verfolgern auszuliefern? Können wir verlangen, dass sich ein Volk in die Sklaverei führen lässt in der Hoffnung, Gott möge sie nach Jahrhunderten erlösen? Dürfen wir den freiwilligen Tod einfordern, ohne uns ebenso wehrlos an ihre Seite zu stellen?

Jesus bittet, nicht einzuschlafen und nicht wegzusehen als er verhaftet wird. Er bittet, ihn nicht zu verleugnen im Angesicht der Gefahr. Er bittet, in seiner Nachfolge selbst zu sterben. Er bittet, den gleichen brutalen Tod nach Folter zu ertragen. Jesus bittet seine Nachfolger, Unrecht zu ertragen. Petrus hat es getan.

Ich kann das nicht. Ich habe diese Größe nicht. Ich bin zu schwach, mich selbst in Gefahr zu begeben. Ich habe nicht den Mut, in ein Flugzeug zu steigen und mich wehrlos einer mordenden Miliz entgegen zu stellen. Ich habe diese Größe nicht.

Dürfen wir töten?

Müssen wir denn den Mördern die Welt überlassen? „Du sollst nicht töten“ lautet eines der zehn Gebote. Handeln also alle, die sich den Milizen entgegen stellen gegen Gottes Wille? Darf ich nicht töten, wenn ein anderer mich und meine ganze Familie auslöschen will? Darf ich mich nicht verteidigen?

Die zehn Gebote stehen nicht allein. Sie haben eine Überschrift und diese ist essentiell. Sie lautet „Ich bin dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit hat“. Freiheit steht den zehn Geboten voran. Nur wo Freiheit herrscht, haben sie Gültigkeit. Wo Krieg herrscht, herrscht keine Freiheit und wo keine Freiheit herrscht, da ist die Selbstverteidigung erlaubt.

Sterben oder kämpfen?

Unsere Religion löst den Widerspruch nicht auf. Gott bittet um den Gewaltverzicht auch um den Preis des eigenen Lebens, aber fordert ihn nicht ein. Die größere Tat ist es, nicht zurück zu schießen. Sie verlangt eine persönliche Größe, die in der Geschichte immer wieder einzelne Menschen aufbringen konnten. Aber es sind wenige. Gott bittet um den Gewaltverzicht, fordert diesen aber nicht ein.

Der in der Bibel offenbarte Glaube fordert von uns, sich für eine Handlung zu entscheiden. Wir können einen gerechten Tod im Gewaltverzicht sterben oder wir können für Freiheit kämpfen. Doch in beiden Fällen geht es um eine Handlung. Sich entscheiden, zu ertragen, oder sich entscheiden, Freiheit zu schaffen.

Ich habe nicht die Größe, das Morden zu ertragen. Darum befürworte ich die militärische Intervention in der Region. Aber selbst das ist keine Größe, denn ich selbst schicke damit andere in den Tod. Ich selbst bin zu feige, mich dem Handeln zu stellen. Mir fehlt die Kraft. Erst an dem Punkt, an dem man das eigene Scheitern an der Aufforderung zur Handlung erkennt, ergibt das Beten einen Sinn. Nicht das Beten dafür, Gott möge einen Krieg stoppen, sondern das beschämte Beten dafür, dass in mir eine Stärke zum Handeln erwächst.

Handy am Küchentisch? – Kein neues Drama.

Das Handy auf dem Küchentisch - kein neues Drama.

Das Handy der pubertierenden Jugendlichen ist ein Dauerthema im heutigen Familienalltag. Wie viel Nutzung ist noch normal, ab wann ist man süchtig und warum kann man das dumme Ding nicht verdammt noch mal einfach mal eine Minute lang weglegen? Eigentlich kein neues Drama. 

Viele Eltern sind verzweifelt, weil ihre Kinder die Smartphones nicht mehr aus der Hand legen. Auf Fachtagungen wird lang und breit besprochen, wie problematisch doch das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen sei und manch einer sieht völlig neue Konflikte durch diese Medien auftreten, die heutige Eltern deutlich mehr fordern, als die Eltern der Vergangenheit. Ach echt? 

In der Pubertät gilt es für Jugendliche eine zentrale Herausforderung zu bearbeiten: Die Konstruktion der eigenen Identität. Ja, verdammt noch mal, die Eltern spielen plötzlich nicht mehr die erste Geige. Wie soll denn eine eigene Identität entstehen, wenn die Eltern einfordern, dass man weiterhin an deren Identität, dem Familienleben, vollumfänglich partizipiert. Da wird jedes Abendessen zur Rückschau auf das Gestern und zum Gegenpol des Morgens, das sich im Freundeskreis materialisiert. 

Dieser Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen ist so alt wie die Menschheit selbst. Er ist das große Drama jeder Familie, aber so vorhersehbar, dass es sich kaum lohnt darüber zu schreiben. Ein Wunder eigentlich, dass es ganze Regalwände mit Romanen über die Pubertät gibt. Das Schöne, in diesen Büchern erfährt man nichts Neues, aber man kann sich auch noch in der eigenen Freizeit im eigenen Familiendrama suhlen. Hach, wat schön.

Es gibt aber tatsächlich eine Sache, die ist anders, seit die Smartphones in die Hände von Jugendlichen geraten sind. Das Neue in unseren Tagen ist, dass der Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen zeitlich entgrenzt wurde. 

Mir erscheint es selbst geradezu grotesk, dass ich einen Satz mit “früher” beginne. Aber nundenn, in diesem Fall kann selbst ich mit meinen 28 Jahren von Früher reden. Denn für die heutigen Pubertierenden gehöre ich ja auch schon längst zu den Alten und Erwachsenen – also zu den Spießern und denen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Stimmt!

Früher, da traf man in der Pubertät seine Freunde. So lange wie es irgendwie nur ging, versuchte man mit seinen Eltern zu verhandeln, wegbleiben zu dürfen. Man traf sich in Kellern, um zu zocken, auf Feldern, um zu saufen und das Ganze nannte man immer “eine Lerngruppe für die Hausaufgaben”. Wenn man dann Zuhause war, dann zog man sich möglichst schnell ins eigene Zimmer zurück – in meinem Fall, knallte ich besonders gern die Türe dabei zu. Das war schön – Türen knallen würde ich heut noch manchmal gern, aber mir ist die Leichtigkeit jener Tage, es einfach durchzuziehen, abhanden gekommen. 

Früher (oh mein Gott, es beginnt schon der zweite Absatz mit diesem Wort), da gab es eine Trennung. Die Freunde dort – da war es toll – und die Eltern hier – da war es … STOP, meine eigenen Eltern lesen diesen Artikel sicherlich … da war es ganz okay. Das Treffen mit den Freunden war das Neue, das Freie, das Spannende, das Eigene. Das Zusammenleben mit den Eltern war das Alte, das Bekannte, das Etablierte, das Uneigene. Die Bewegung zwischen beiden Systemen war physisch, weil die Trennung durch Wände und Haustüren physisch war. 

Heute sind die Freunde immer präsent. Sie schreiben Whatsapp-Nachrichten. WIE GEIL IST DAS DENN! Man muss in seinem Alltag gar nicht mehr darauf verzichten, das Neue, das Freie, das Spannende, das Eigene um sich zu haben, nur weil die Haustüre zu ist. Man kann pausenlos das tun, was man so gerne tun will … UND DANN NEHMEN DIE MIR DAS HANDY WEG! 

Scheiße, Hausarrest. 

Früher, da war Hausarrest eine relativ hohe Eskalationsstufe im Streit mit den Eltern. Im großen Repertoire der Erziehungsmethodik definitiv eine der fiesesten Maßnahmen unter den pädagogisch vertretbaren. Und heute? – Ständig verteilen Eltern Hausarrest – quasi pausenlos. “Du legst jetzt das Handy weg” sagen Eltern oder noch schlimmer, sie nehmen es einfach selbst weg. Der Hausarrest ist omnipräsent geworden. Er ist nicht mehr Eskalation, sondern Alltag. Aber können wir uns in der Erinnerung an die eigene Pubertät auf einen Punkt einigen, liebe Eltern von heute: Hausarrest, war echt gemeine Scheiße. 

Erinnert ihr euch noch daran, wie scheiße Hausarrest war?

Erinnert ihr euch noch daran, wie scheiße Hausarrest war?

Was genau ist der Unterschied zwischen dem alten Hausarrest (dem Verbot die Freunde zu treffen & zu sprechen) und dem Wegnehmen des Smartphones von heute? – Genau, keiner! 

Die Konsequenz kann also für alle heutigen Eltern nur heißen, dass es gilt, die Eskalationsstufe wieder sehr weit nach unten herab zu senken. Und wie ging das noch gleich früher? 

Ah, ja genau, früher, da hat man miteinander verhandelt, wann man nach Hause kommen musste. Wenn man nicht nach Hause kam, dann gab es Ärger. Wenn der Ärger total krass wurde, dann gab es Hausarrest. - Im Übrigen konnte ich damals schon so gut verhandeln, dass ich in meiner gesamten Jugend im Gegensatz zu allen meinen Freunden nie Hausarrest hatte. – Darum gilt es auch heute, dass die Nutzung des Smartphones verhandelt werden muss. Wann treffe ich meine Freunde, wann investiere ich Zeit in meine Familie. Erfolgreiches familiäres Miteinander gelingt ja besonders in den Phasen, in denen man sich nicht zofft, sondern zusammen am Küchentisch sitzt, weil man ausgehandelt hat, dass man das gerade tun muss, um Streit zu vermeiden. Denn – seid doch bitte ganz ehrlich – das gemeinsame Essen am Küchentisch ist in der Pubertät immer höchstens halb so spannend wie die eigenen Freunde. 

Der Konflikt um das Smartphone ist kein neues Drama, es ist das gleiche Drama, das es immer gab. Es ist das Drama zwischen dem Alten und dem Neuen. Lösen wir es, wie wir es schon immer gelöst haben. Machen wir kein Drama draus!

Mobile Seelsorgebeziehungen

Erik Flügge

Erik Flügge

Die jungen Menschen sind mobiler denn je. Sie verlassen ihre Heimatorte für Ausbildung, Studium, Beruf. Sie sammeln Auslandserfahrung und bleiben bereit, immer wieder umzuziehen und anderswo neu anzufangen. Dabei lassen sie Wohnungen, manche Möbelstücke und ihre Kirche zurück.

Eine Seelsorgebeziehung baut auf ein Vertrauensverhältnis. Dieses baut sich nur langsam auf und verstärkt sich im Lauf der Jahre. Es ist wie das Vertrauensverhältnis zum eigenen Hausarzt. Man sucht sich nur ungern einen neuen Arzt in einer fremden Stadt, aber irgendwann kommt eine Grippe und der Husten wird so stark, dass man es wohl oder übel tun muss. In der Seelsorge bleibt diese Notwendigkeit oft aus. In Zeiten akuter Krisen fällt es noch schwerer neu mit jemanden zu beginnen und sich zu öffnen. Da wird der Therapeut oder mancher Freund oder manche Freundin schnell zum Seelsorgerersatz. Eine kirchliche Vertauensperson am neuen Wohnort ist oft nicht bekannt.

Auch ich habe irgendwann einmal meine Kirchengemeinde zurück gelassen. Ich komme vom Dorf und war dort Ministrant und später Oberministrant. Ich hatte einen Schlüssel zur Kirche und verbrachte dort viel freie Zeit. Dann ging es an die Uni in eine fremde Stadt. Anschluss an eine neue Kirchengemeinde habe ich dort nie gefunden oder nie gesucht. Meine Kirche war schließlich die in der Heimat. Aber wie das so ist mit mancher Freundschaft – wenn man sich sehr selten begegnet – dann entfremdet man sich auch zuweilen und so riss auch mein Beziehungsfaden zur Kirchengemeinde zuhause ab.

Ich bin in der glücklichen Lage über verbandliche Jugendarbeit im BDKJ noch neue Beziehungen zur und mit der Kirche aufgebaut zu haben. Wenn ich nun entscheiden müsste, welchen Seelsorger ich im Falle eines Beratungsbedarfs anrufen soll, dann wohnt und wirkt dieser nicht in meinem Heimatdorf, sondern viele Kilometer davon entfernt und noch viel mehr Kilometer von meinem heutigen Zuhause in der Großstadt entfernt. Diese Beziehung ist stabil, obwohl wir uns nur noch alle paar Jahre gegenseitig besuchen, weil es einen Kontakt gibt, der Bestand hat. Manchmal schreiben wir ein paar Nachrichten hin und her. Ab und zu mal eine SMS. Zuweilen begegnen wir uns auf einer Veranstaltung oder besuchen uns bewusst. Die Beziehung hält, weil sie gepflegt wird und ist zur Freundschaft geworden.

Meine Geschichte hat Seltenheitswert. Sie beschreibt, wie über viele Ortswechsel hinweg eine Beziehung zur Kirche und ihrer Seelsorge erhalten bleibt, auch wenn der Anschluss an eine neue lokale Kirchengemeinde nicht gelingt. Sie hat Seltenheitswert, weil der Normalfall schlicht die Entfremdung des umher ziehenden jungen Menschen von der Kirche ist. Ein Fehler, der systematisch in der heutigen Struktur der lokal gebundenen Kirche angelegt ist.

Kirche kann man nicht mitnehmen, sie überbrückt keine Strecken – sie ist von ihrer institutionellen Struktur her immer lokal und territorial. Alle Beziehungen über Gemeinde-, Dekanats- und Diözesangrenzen hinweg sind nicht strukturell angelegt, sondern entstehen beiläufig und initiativ von Einzelpersonen. Warum gelingt es uns in der Kirche nicht, diesen Beziehungen einen Rahmen zu geben? 


Firmunterricht als Initiation einer Weggemeinschaft

Die strukturelle Einbettung der heutigen Mobilität in die kirchlichen Seelsorgebeziehungen ist kein unlösbares Unterfangen. Im Kern ist die Mechanik einer mobilen Beziehung anstatt territorialer Seelsorgehoheit recht einfach. Jede Beziehung beginnt mit einer Begegnung. In der Kirche finden diese Begegnungen oftmals im Jugendalter statt. Kommunion und Firmung sind die Initiationssakramente, in denen sich junge Menschen für die Mitgliedschaft in der Kirche entscheiden. Selbstverständlich ist für viele dieses Ritual sinnentleert, aber für einige eben auch nicht. Sinnig wäre im Anschluss an diese Initiation eine Weggemeinschaft zu bilden. Die zuerst lokal gelebt und dann mit dem weggehen aus beruflichen Gründen einen mobilen Charakter erhält.

Der Seelsorger wird in einer solchen Weggemeinschaft zum Bindeglied. Er schafft Angebote, die zur jeweiligen Lebenssituation der Gemeinschaftmitglieder passen. Er lädt ein-, zweimal pro Jahr ein, sich zu begegnen um über Berufswahl, Abschlussängste, Familiengründung oder die Unterbringung der eigenen Eltern im Pflegeheim miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das mit der Lebensphase der Weggemeinschaftsmitglieder mitwächst.

Dieser Seelsorger bleibt im Kontakt. Egal wo es seine Gemeinde hin verschlägt, er bleibt die Konstante auf dem Lebensweg, selbst wenn Freunde verloren gehen, Familien auseinander brechen oder ein neuer Umzug ansteht. Dieser Seelsorger ist auch der Priester, der ein Paar aus seiner Weggemeinschaft traut, weil er eine persönliche Beziehung zum Brautpaar hat. Er tauft die Kinder, die aus der Ehe hervor gehen, egal wo diese Familie dann ihren Lebensmittelpunkt hat.

Eine lebenslange Beziehung als Alleinstellungsmerkmal von Kirche

Es ist eng auf dem Markt der Sinnagenturen geworden. Kirche steht in Konkurrenz zu esoterischen Angeboten, zu Selbstverwirklichung, Therapie, religiösen Gemeinschaften und allen möglichen Anbietern von Sinn und Unsinn. Ihr fehlt in dieser Welt ein Alleinstellungsmerkmal, das sie stärkt und zum zentralen Ansprechpartner in seelsorgerischen Fragen macht. Dieses Alleinstellungsmerkmal kann eine lebenslange Beziehung werden. In einer Welt, in der sich so vieles auflöst, ist solch eine Beziehung etwas besonderes.

Möglich wird das Management solcher Beziehungen durch moderne Kommunikation. Es braucht nur alle paar Monate einen kurzen Chat, ein kurzes Nachfragen, eine Whatsapp-Nachricht oder einen Anruf. Vielleicht reicht auch ein schneller Kommentar unter dem Facebook-Posting eines anderen. Minimale Kommunikation hält Beziehungen aufrecht und wird damit leistbar. Und trotz dessen, dass es nur seltene Begegnungen miteinander und nur wenig Kommunikation gibt, festigt sich im Lauf der Jahre dadurch eine Beziehung zwischen dem Seelsorger und seinem Gemeindemitglied. Eine feste Beziehung, die den Seelsorger in der schweren Krise zum ersten und besten Ansprechpartner macht.

Eine mobile Seelsorgebeziehung überführt die Kirchengemeinde wieder in das, was sie lange gewesen ist und heute nicht mehr sein kann: Eine dauerhafte Beziehung. Das Konzept der Kirchengemeinde basiert im Kern auf dem Gedanken, dass Menschen am gleichen Ort aufwachsen, leben und sterben. Die Seelsorgebeziehung lebt vom sich gegenseitig kennen lernen und schließlich vom einander kennen. Mit der gesamten Geschichte – ein Leben lang.

Heute leben die Menschen nicht mehr in einem Ort. Sie gehen weg und müssen ihre Kirchengemeinde zurück lassen, weil die Kirche noch nicht bereit ist, sich mit auf den Weg zu machen.

Unterwegs mit einer Grundsatzfrage

Wenn man von einer Universität weg fährt und keine neue Frage im Gepäck hat, dann ist etwas schief gegangen. Ein Glück für mich, ich habe eine, an der ich nun schon seit Stunden grüble. Sie kommt von einem Studenten, dessen Namen ich nicht kenne. Sie lautet grob: „Das klang jetzt alles nach einem großen harmonischen Konsens. Hätte dieser Beteiligungsprozess auch in einer fraktionierten Gruppe funktioniert?“

Ich kalkuliere beruflich Emotionen. Versuche bestimmte Dinge auszulösen und Atmosphären zu erschaffen, die einem bestimmten Zweck dienlich sind. Gruppendynamik kann ich wirklich gut. Damit verdiene ich mein Geld. Wenn ich an eine Universität fahre, dann will ich lernen und das tue ich anders als andere Leute. Am liebsten sogar in der völligen Konfrontation. Daher ist meine Spezialität die Provokation. Ein bewusstes Mittel um die Gruppenatmosphäre ein paar Grad herabzukühlen, damit die Konsenssoße nicht alles überdeckt. Provozierte Menschen fühlen sich zur Kritik ermuntert. Sie hinterfragen härter, massiver, grundsätzlicher und daraus entsteht oft mehr. Nur wenn die Situation entgleitet – wenn der letzte Beziehungsfaden reißt – dann wird Kritik fundamental, argumentlos und damit nutzlos. Das gilt es zu vermeiden, gelingt aber nicht immer.

Jetzt sitze ich hier mit dem Ergebnis. Ich bin zufrieden, ich habe gelernt. Nur diese eine Frage lässt mich leider – oder zum Glück – nicht mehr los. Vielleicht hat sie dem Fragenden weniger bedeutet als mir. Für mich ist sie Anlass ein paar Dinge grundsätzlicher zu Überlegen. Schön übrigens, dass just in diesem Zug und in diesem Moment ein paar Idioten rumschreien und saufen, das hilft beim Denken. Wir haben einen Dissenz über die Gestaltung unserer gemeinsamen Reisezeit. Ich habe Lust mich zu streiten, aber Angst den Gedanken zu verlieren und verzichte. Kopfhörer rein und laute Musik. Eine absurde Kombination aus pubertären Schlägen gegen eine Zugzwischentür und Silent Snow.

Ich hatte zum Mittagessen meinen alten Freund Marcus Syring getroffen. Ein Mensch, der schlauer ist als ich – auf jeden Fall wissenschaftlicher. Ich berichtete ihm von dieser Frage und natürlich kannte er auswendig den richtigen Text. Er handelt von Fehlkonzeptionen von Politik, die Jugendliche im Kopf haben. Peinlicherweise steht er in unserem eigenen Buch und ich hatte es mal wieder nicht auf dem Schirm.

Aber nun zur Sache und das Ganze von vorn. Ich hatte den Studierenden der Universität Tübingen von unserem Jugendbeteiligungsprojekt in Biberach berichtet. Ein Haus, das 2,4 Millionen Euro kostet und das wir mit der Stadt und hunderten Jugendlichen zusammen geplant haben. Ein komplexer Prozess, der vielerorts als best practice Beispiel gilt. Eine der schönsten Erfahrungen, die wir in diesem Prozess gemacht haben, war, dass Stadt, Rat, Jugendliche und das Fachkolloquium aus Bauexperten zu den gleichen analytischen Bewertungen kamen. Experten und Nicht-Experten waren in gleichem Maße mündig, ein fachliches Urteil in gegenseitiger Wertschätzung und Konsens zu fällen. Das ist für mich immer ein großes Traumziel gewesen. Hier hatte ich es erreicht. Vielleicht, weil ich am Ende provozierte oder schlicht, weil dieser Student schlau ist, fragte er mich jedoch im Anschluss, ob das ohne Konsens funktioniert hätte. Die Anwort ist einfach: Nein.

Was diese Frage aber beinhaltet ist grundsätzlicher, fundamentaler, irritierender. Jede offene Beteiligungsform, die ich moderiere, endet im Konsens. Nie stehen am Ende gegensätzliche Grundsatzforderungen gegeneinander. Keiner meiner Beteiligungsprozesse endet mit einer Kampfabstimmung. Es bleibt alles immer im Konsens. Warum eigentlich? Marcus Syring greift Petrik auf. Der schreibt, dass es ein jugendliches Fehlkonzept von Politik ist, dass immer ein Konsens gefunden werden muss. Ich zitiere ihn nun, weil irgendjemand behauptet hat, dass man das so macht. War das ein Konsens oder eine Mehrheitsentscheidung? – Wahrscheinlich weiß das niemand mehr:
„Die Illusion der Homogenität: Sie ist getragen von einem privaten Harmoniewunsch und Wahrheitsanspruch: Gemeinsame Interessen und Grundüberzeugungen werden selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Werte-Konsens ist kein mögliches Verhandlungsergebnis, sondern a priori gegeben.“ (Petrik, Andreas (2013): Manche nehmen das Dorf zu ernst. Die Fehlkonzeption „Illusion der Autonomie“ als Hürde zur politischen Kompetenzbildung in den Dorfgründungssimulationen zweier 8. Klassen. In Flügge / Syring (Hrsg.): Die Erstbegegnung mit dem Politischen).

Marcus und ich beginnen unsere üblichen Diskursschleifen zu drehen. Wir beleuchten die gleiche Frage aus allen Richtungen. Unser üblicher Modus zweier Menschen, die seit Jahren miteinander arbeiten und nicht zueinander passen. Er der FDPler, ich der Sozi, er der Wissenschaftler, ich der Showmaster, er promoviert, ich referiere, er der Ordnungsfanatiker, ich der Chaot und am Ende haben wir wieder beide gelernt. Wir spielen Fälle durch und immer zeigt sich das gleiche Muster: Alles im Jugendalter dreht sich um den Zwang zum Konsens oder zur Unterordnung. Es gibt keine Mehrheitsentscheidungen und es gibt keinen Konsens über den Dissenz. In Elternhäusern erleben Jugendliche keine Abstimmungen. In der Schule kann eine noch so große Klasse nicht den Lehrer überstimmen. In der pädagogischen Arbeit wird eingefordert mit anderen eine gemeinsame Lösung zu finden, wenn Erwachsene längst beschlossen hätten, einfach keinen Kontakt mehr miteinander unterhalten zu wollen. Selbst im Freundeskreis muss die Entscheidung für die richtige Party einvernehmlich – zumindest von allen mitgetragen getroffen werden, denn sich aufteilen ist keine Option in der Pubertät. Und Beteiligungsprojekte? – Die großen, die neuen, die spannenden setzen wieder auf Konsens. Sie verklären Politik zum Kuschelkurs. Verdammt, war diese Frage schlau.

Mir kommt eine alte Streitfrage in den Sinn. 2008 erzählte mir sie Peter Martin Thomas beläufig in einem Gespräch auf den Weg in einen Speisesaal. Jetzt krame ich sie aus einem Haufen alter Gedanken hervor. Ich erinnere mich noch, dass ich damals dachte, dass ich diese Frage noch mal brauchen werde. Nun ist wohl dieser Moment gekommen. Die Streitfrage wurde vor Jahren geführt zwischen Maria Haller-Kindler und ebendiesem Peter. Beide waren sie Diözesanleiter des BDKJ in Rottenburg-Stuttgart und fragten sich, ob die mit ehrenamtlichen Jugendlichen besetzte Diözesanversammlung eigentlich eine politische Versammlung oder eine politische Bildungsveranstaltung sei. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, denn sie hat grundunterschiedene Konsequenzen. Folgt man Peter Martin Thomas und versteht diese Versammlung als einen Ort echter Politik, dann bedeutet das als Leitung die gesamte Klaviatur der Machtpolitik zu bespielen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Dann obliegt es der politischen Opposition sich entweder so zu organisieren, dass sie Widerstand leisten kann, oder sie setzt sich nicht durch.

Folgt man Maria Haller-Kindler und betrachtet die Versammlung als einen Ort der politischen Bildung, dann muss man den Delegierten auch die Chance lassen, dass sie eigene positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen können. Sie müssen – wie in einem geschützten Raum – sich ausprobieren können, ohne dass die Fehler Konsequenzen zeitigen.

Wer hatte Recht? – ich weiß es nicht. Aber nun stelle ich mir diese Frage selbst. Was ist eigentlich ein Jugendbeteiligungsprozess? – Eine Spielwiese für politische Beteiligung, die geschützt und mit ganz sanften Bandagen bespielt wird, oder ein Raum für echte politische Beteiligung, bei der mich das politische Gegenüber als veritablen Gegner oder veritablen Verbündeten betrachtet?

Folge ich dem Gedanken der politischen Bildung, so liegt auf der Hand, dass diese fehlkonzipiert ist. In einem politischen System, in dem die Mehrheitsentscheidung der Standard ist, kann man doch nicht auf ein konsensuales Entscheidungsmodell hin bilden. Am Ende des Jugendzeitalters steht – wie Petrik nachweist – die Illusion, es könnte immer so weiter gehen mit dem netten gemeinsamen Entscheiden. Ein Ansatz, der definitiv nicht mit dem politischen System, in dem wir leben, kompatibel ist. Wenn dem so ist, dann machen wir in der Jugendbeteiligung mit den offenen Formen etwas falsch. Es ist die Position, die Marcus Syring einnimmt. Er ist Pädagoge. Er stellt sich Fragen nach der Organisation von Bildungsprozessen, die in die bestehende Ordnung hinein integrieren. Darum fragt er mich „wie müsstet ihr einen Beteiligungsprozess aufbauen, dass Jugendliche lernen, dass es in einer Gesellschaft politischen Streit gibt?“ – Ich habe noch keine Antwort.

Folge ich dem Gedanken, dass Jugendbeteiligung bereits gelebte Politik ist, dann stellt diese einen interessanten Widerspruch zu sonstigen Formen der politischen Beteiligung dar. Jugendliche, die ihre eigenen Interessen erarbeiten, artikulieren und mit Politik diskutieren erheben ihre Forderung nicht über die des Jugendlichen nebendran. So scheint doch der natürliche Modus menschlicher Entscheidungsfindung eben nicht dem Mehrheitsprinzip zu folgen. Es gilt also vielmehr das politische System der Abstimmungen in Frage zu stellen. Denn diese entwerten allzu schnell das Argument, wenn sich Mehrheiten institutionalisieren, wie es in unseren Parlamenten passiert. Was aus der falschen Ecke kommt, ist per se falsch. Es ist die Position, die ich einnehme. Ich bin Politiker. Ich stelle die Frage nach der Organisation des Gemeinwesens, um die bestehende Ordnung zu verändern. Darum frage ich „sind Jugendbeteiligungsprozesse vielleicht das Vehikel, um zu besseren Wegen der Entscheidungsfindung zu kommen?“

In diesem Moment sind wir nur zu zweit. Wir können keine Mehrheitsentscheidung treffen und sind beide zu alt, um unsere argumentative Position einem Konsens zu opfern. Uns bleibt also nur das gemeinschaftliche Feststellen unserer unterschiedenen Positionen und das freudige Lächeln über einen neuen Gedanken. DANKE, Uni Tübingen.

Die Regeln des Konsens

Der Senator wird am dem Futur II vorgängigen Abend zuvor des Brunnenfestes 2.0 im Jahre des Herrn 2014 aufgefordert gewesen sein werden, die im Konsens unabgesprochen beschlosse Ordnung des Senates ausformuliert gehabt zu haben. Der Senator wird dem nachgekommen sein:

Die heilige Gesellschaft der besten Kinder ihrer Eltern zu Altenberg – der KJG*-Senat – wird das höchste nicht beschließende aber im Konsens entscheidende Gremium aller Gremien sein. Er wird auf alle Zeit das letzte Wort gehabt haben werden.

Mitglied kann gewesen sein werden, wer auf der Bundeskonferenz der KJG* ein dem Futur II vorgängiges Stimmrecht gehabt und aufgegeben haben wird oder per advokatischem Winkelzug deutlich zu machen in der Lage gewesen sein wird, dass er eben jenes Stimmrecht de facto gehabt haben wird, ohne es je zu haben und dies nun nicht mehr haben wird.
Mitglied im Senat wird geworden sein werden, wer die genannten Bedingungen erfüllt haben wird und von Senatoren zum Brunnenfeste 2.0 geladen gewesen sein wird, um dort das Lied erklingen gelassen gehabt zu haben.
Der Senat wird stets im Futur II gesprochen und getrunken gehabt haben werden und alle seine Worte werden bereits gegendert gewesen sein werden. Der Senat wird nie geirrt gehabt haben.
Niemals wird der Senat eine Debatte vor einer Entscheidung geführt gehabt haben werden müssen, denn der Senat handelt stets und immerdar im immer währenden und wahrhaftigen Konsens.
Ein Senator wird nie allein getrunken gehabt haben werden, denn wo ein Senator getrunken gehabt haben wird, werden stets aus rein statistisch-konsensualen Gründen zwei oder drei Senatoren ebenfalls mindestens andernorts oder bestenfalls selbenorts in seinem Namen getrunken gehabt haben werden.
Diese Ordnung wird einstimmig und im Konsens beschlossen gewesen sein werden und wird bis in alle Ewigkeit unveränderlich geblieben sein werden, weil auch der Konsens immer unverändert fortbestanden gehabt haben wird, außer er wird geändert geworden sein werden.

*Anm. d. TAZ-Redaktion vom 21.05.2005: “Kampftrinkende junge Gemeinde”

Wider die Demokratieverächter

Beinahe täglich lese ich irgendwo im Netz die Kommentare dummer Personen. Sie kotzen ihren Hass auf Politik und die Demokratie vermittels ihrer Tastaturen in die Welt. Sie alle kennzeichnet eine engagementlose Anspruchshaltung und eine ich-bezogene Kompromisslosigkeit.

Es ist schon beinahe egal, zu welchem Thema sich eine Partei oder ein Politiker äußert. Irgendwo in den Antwortkommentaren wird sich schon einer finden, der sagt „habt ihr keine wichtigeren Themen“ und ein zweiter, der schreibt „ihr seid doch eh alles Volksverräter und Verbrecher“. Klar, das sind Idioten und Deppen wird es wohl immer geben. Menschen, die nicht realisieren, dass das System, das sie beschimpfen ihnen überhaupt erst die Freiheit gibt, ihren Quatsch zu verzapfen. Was mich stört ist nicht, dass es einzelne Idioten gibt, sondern dass die Politikverachtung bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht.

Gerade jetzt, da in sieben Bundesländern Kommunalwahlen sind, stehen tausende ehrenamtliche Ratsläute auf den Marktplätzen, um sich beschimpfen zu lassen, sie würden sich nur selbst bereichern – was ein Quatsch, wenn Menschen ihre ganze Freizeit opfern. Jeder wird von jemand anderem angemault, der jeweils sein ganz besonderes Thema mitgebracht hat und nicht verstehen kann, warum sich nicht die ganze Welt um ihn selbst dreht. Jeder schreit „ich-ich-ich“ und fragt gleichzeitig aggressiv nach, warum die anderen nicht „ja-ja-ja“ rufen. Scheinbar ist in Vergessenheit geraten, dass eine Gesellschaft immer ein Wir ist und dass dummerweise eine Gemeinschaft immer Kompromisse erfordert.

Wie oft ist man mit Freunden unterwegs und die einen wollen Kaffee trinken, die anderen jetzt kurz stehen bleiben und wieder die nächsten endlich das Museum aufsuchen. – Ich gebe zu, das mit dem Museum kommt selbst in meinem intellektuellen Freundeskreis eher selten vor. Am Ende mache ich irgendetwas mit, was nur weitestehend meinen Vorstellungen entspricht, aber eben nicht vollumfänglich. Warum sollte es in der Politik anders funktionieren?

Ich störe mich an dem Anspruch, etwas absolut und kompromisslos umsetzen zu wollen, weil ein solcher Anspruch dem Totalitarismus erneut den Boden bereitet. Der Totalitarismus geht keine Kompromisse ein, er setzt ein bestimmtes Programm kompromisslos durch. Das gefällt durchaus einigen und diejenigen, die keinen Gefallen daran finden können, werden schlicht zum Nicht-Teil der Gesellschaft erklärt.

Ich habe Sorge, dass die zunehmende Anspruchshaltung weiter ums sich greift, immer nur dasjenige zu bekommen, was man selbst will. Absolut und exakt sich selbst durchzusetzen, wie wir es vom Shopping gewohnt sind, am Ende auch denjenigen Kräften wieder zur Macht verhelfen kann, die ankündigen kompromisslos zu handeln. Ein Wiedererstarken einer Idee, die von zwei Richtungen unterstützt wird. Erstens von dem Wunsch, dass man möge sich doch endlich mal wieder durchsetzen und der ignoranten Haltung weil man sich selbst eben nicht komplett mit einem Kompromiss identifizieren kann, nicht mehr an der Wahl teil zu nehmen.

In den Zeiten, da wir die technischen Möglichkeiten geschaffen haben, eine totale Überwachung, wie sie noch nie zuvor dagewesen ist, zu realisieren, sollten wir mehr denn je darauf bedacht sein, dass unser Staat nicht in die Hände derer gerät, die im Kompromiss das eigentliche Übel sehen und die zur Durchsetzung ihres totalen Anspruchs auf Wahrheit eben alle Widersprechenden mundtot zu machen gedenken.

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