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Warum hast du nicht studiert?

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Ich lese sie immer wieder. Klagelieder auf die Uni. Zuletzt von Lea Deuber in der Zeit. Sie schreibt „Liebe Uni, dieses Studium hätte ich in 30 Tagen geschafft“ und nennt den Artikel „eine Abrechnung“. Wenn ich ehrlich bin, dann empfinde ich mit der Autorin Mitleid. Nicht über das, was ihr widerfahren ist, sondern über das, was sie sich vorenthalten hat.

Lea Deubers Urteil ist ein hartes, aber treffliches. Wenn sie sagt, sie frage sich, „ob ihr Studium ein Kuhhandel war: Zeit gegen Abschluss“, dann beschreibt sie die Realität sehr vieler Menschen mit denen ich studiert habe. Dieses endlose herum sitzen, das stupide auswendig lernen, dümmliche Referate und alle reden nur von Noten. Ja, es ist furchtbar, aber ihr macht das alles selbst.

Ich habe anders studiert zu Zeiten des Bachelor-Master-Systems. Ich hätte mein Studium niemals in 30 Tagen geschafft. Nicht, weil diese paar putzigen Klausuren und Hausarbeiten nicht problemlos in dieser Zeit zu schaffen gewesen wären. Da bin ich vollkommen d’accord. Sondern, weil mein Studium ein dichtes Gewebe aus Gedankenfetzen hervor gebracht hat, das ich nicht hätte schneller weben wollen.

Der Sinn eines Studiums ist schwer zu beschreiben. Es ist als hätte man ein paar Nadeln und unglaublich viele kurze Stücke Faden und wöbe aus diesen ein Muster. Man verknüpft an mancher Stelle kunstvoll Fäden miteinander und an anderer macht man einen kleinen, brüchigen Knoten. Das Gewebe verheddert sich von Zeit zu Zeit und muss entwirrt werden und es gibt die kurzen Phasen, da konkurrieren die eigenen Muster mit den schönsten Mustern der Vergangenheit. Das Studium gibt kein Muster, das man nachstricken kann. Es fragt zwar allenthalben nach den Mustern der Vergangenheit, aber der Mehrwert liegt eben nicht im referenziellen Denken sondern im kreativen.Wozu zwingt man Studierende, sich mit allerlei Zeugs und Definitionen abzuplagen? Warum springt man von Theorie zu Theorie, ohne sie je zu durchdringen, zu erfassen, zu begreifen? Wenn es darum ginge, das Alte vollumfänglich zu verstehen, ja, dann hätte die Uni versagt. Aber es geht um das Zeigen unterschiedlicher Muster, um den kreativen Geist für neue, eigene Knoten zu begeistern.

Ich werde niemals verstehen können, warum manche Menschen nur referenziell denken und ihren eigenen Gedanken keine Autorität zusprechen. Warum wagen so viele Menschen nicht, selbst zu formulieren, selbst zu schreiben, selbst ein Gebilde zu weben. Warum zeigen sie immer auf die großen Geister der Vergangenheit, als wären diese weniger Mensch gewesen. Warum braucht ein Theologe Augustinus, um zu argumentieren, warum ein Germanist Foucault und ein Politologe Max Weber? All diese Menschen haben großartige Gedanken hervor gebracht, damit wir sie weiter weben, aber doch nicht damit wir darauf stehen bleiben. Jeder dieser Vordenker war arrogant genug, dem eigenen Gedanken etwas zuzutrauen.

Ich erinnere kein einziges Referat, das ich nicht mit Leidenschaft gehalten habe. Nicht für die anderen, sondern für mich, weil ich selbst mit Gedanken spielen wollten. Mancher Dozent fand es furchtbar, andere haben es geliebt. So what? – Ich habe nicht für die studiert. Es gab dieses eine Seminar über linguistische Pragmatik. Die allermeisten haben es gehasst, denn die Dozierenden konnten vieles, nur nicht das Theoriengeflecht in einfachen Worten ausrollen. Gerade dann beginnt doch erst der Spaß! Wenn man selbst die einzelnen Knoten betrachtet, den Linien folgt, Strukturen und Muster erkennt und am Ende die simple Schönheit entwirrt. Aus keinem Seminar habe ich mehr gezogen für meine heutige Arbeit.

Um eines klar zu stellen, ich habe nie viel Zeit an der Uni verbracht. Ich habe in meinem Studium jeden einzelnen Fehltag ausgeschöpft. Zwei Fehlsitzungen pro Kurs und Semester waren für mich essentielle Verschiebemasse, um meinen außeruniversitären Aktivitäten nachzugehen. Ich gehörte nicht zu den Wissenschafts-Zombies, die in der Bibliothek wohnen und keine Perspektive ohne die Universität mehr haben. Ich habe mehr Zeit in Zügen als in Hörsälen verbracht. Immer auf dem Weg zum nächsten Vortrag, zum nächsten Bildungsseminar, zur nächsten Kampagne. Raus aus der Uni in jedem freien Moment – immer mit Gedankenfäden im Gepäck, um sie mit realen Problemen zu verweben.

Damals, kurz vor letzten mündlichen Abschlussprüfung. Die Note war egal, es ging um mehr. Es wurde eine 1,0 und fünf Stunden später sprach ich eine Stunde auf einer Landespressekonferenz über meine Ideen.

Damals, kurz vor letzten mündlichen Abschlussprüfung. Die Note war egal, es ging um mehr. Es wurde eine 1,0 und fünf Stunden später sprach ich eine Stunde auf einer Landespressekonferenz über meine Ideen.

Es gab diese Momente, da mich Kommilitonen anfeindeten. Es waren Sätze wie „es kann ja nicht jedem so zufliegen, wie dir“. Ich schmunzle immer noch darüber, denn wenn man meine Notentabelle anschaut, dann ist mir nicht viel zugeflogen. Ich habe nur immer die Entscheidung getroffen, was ich lernen und verstehen will und welche Klausur mir egal ist. Ich glaubte nie an eine Abschlussnote, sondern daran, dass man etwas können muss, um einen Job zu bekommen. Selten war der Seminargegenstand mein Kerninteresse. Noch seltener war mein Interesse klausurrelevant. Oft schrieb ich einfach auf, was ich dachte und es war für nichts zu gebrauchen, als es an die Wand zu hängen und es lächelnd zu betrachten.

Ich kann bis heute nicht verstehen, wie man einem guten Gedanken nicht folgen kann, nur weil er gerade der Hausarbeit, der Klausur oder dem Referat nicht dienlich ist. Dem schöpferisch-neuen Gedanken muss Raum gegeben werden. Der neue Gedanke hat immer Priorität. Das entscheidet keine Uni für dich – das tust du selbst.

Mich hat es nie in die Forschung gezogen. Meine Fachartikel und Bücher sind Abfallprodukte von Gedankenkonstruktionen, die ich mir ab und an erspielt habe. Heraus gekommen ist eine durchaus beachtliche Publikationsliste. Sie bedeutet mir nicht viel. Man schreibt das Zeug halt, weil … ich weiß nicht warum, ich tu es eben. Es macht selten Spaß. Ganz anders als dozieren. Ich lehre gerne an der Uni. Es ist meine Leidenschaft. Ich werfe mit Fäden um mich und die allermeisten Studierenden genießen diese Seminare oder aber sie heucheln bei der Seminarevaluation. Beides ist möglich, aber auch dort lehre ich im Kern für mich und fordere ein, dass endlich gedacht wird. Selbst, eigenständig, mutig, frei – so wie die Universität sein will.

Lea Deuber, gibt es eine Hausarbeit, die Du erinnerst? – Die eine, für die du nur sechs Stunden gebraucht hast, ohne zu plagiieren, weil du Fäden aus deinem Gedankengewebe von so weit entfernten Enden so kunstvoll miteinander verwoben hast, dass sich der Korrektor danach bei dir bedankt. Die eine Arbeit, für die eine halbe Stunde in der Bibliothek gereicht hat, weil es so gar nichts gab, was zitierenswert war. Es ist die eine Arbeit, bei dir die Note ganz egal war und dich die 1,0 dann selbst überraschte. Sie überraschte dich nicht, weil du nicht wusstest, dass das, was du geschrieben hast, gut war, sondern weil dir die Note so egal war. Du hättest den Gedanken schlicht auch geschrieben ohne Prüfungsdruck, denn er war schön.

Es tut mir so leid, wenn Menschen enttäuscht auf ihr Studium zurück schauen. Es tut mir leid, weil sie all die Fäden als lose Enden mitgenommen haben. Sie haben kein Kunstwerk im Gepäck, von dem sie für immer zehren und an dem sie weiter weben können. Sie haben schlicht Zeit gegen einen Abschluss getauscht.

Betriebliche Jugendgruppen – Chance oder Gefahr für die verbandliche Jugendarbeit?

Erik Flügge

Erik Flügge

Die Ausbildung und Gewinnung von qualifiziertem Nachwuchs wird für immer mehr Unternehmen zur zentralen Zukunftsfrage. Bereits heute ist es in Ostdeutschland nicht mehr ungewöhnlich, dass Azubis mit Dienstwägen von mittelständischen Unternehmen gelockt werden müssen. Der demografische Wandel wird diesen Druck nach ganz Deutschland tragen. Eine logische Konsequenz für Unternehmen ist daher die Schaffung eigener Angebote der Jugendarbeit, um junge Menschen früh an sich zu binden. Ob es Jugendverbänden gelingt diese Prozesse zu gestalten, statt von ihnen überrollt zu werden, ist für sie die eigene entscheidende Zukunftsfrage.

Immer, wenn ich mit meiner Demografiesimulation in einen Verband komme, werden auch für mich neue Fragen aufgeworfen und neue spannende Antworten gegeben. So auch bei der Tagung der Diözesangeschäftsführer des Traditionsverbandes Kolping. Mit ihnen gemeinsam simulierte ich den demografischen Wandel bis ins Jahr 2050 in vier kleinen Dörfern, um aus dem Erlebten neue Perspektiven für die Nachwuchsförderung im Verband zu entwickeln.

Ich habe diese Simulation schon oft durchgeführt und natürlich kommt auch immer die Frage auf, wo in Zukunft die Unternehmen noch ihre Azubis herbekommen sollen. Aber ein Gedanke war auf dieser Veranstaltung neu. Nämlich, dass mittelständische Unternehmen, die sich vor Ort halten wollen, selbstverständlich damit beginnen werden, eigene Angebote der Jugendarbeit zu entwickeln.

Stimmt, aus Sicht der Unternehmen wäre das verdammt schlau. Die Kosten zur Schaffung von Angeboten der Jugendarbeit halten sich in engen Grenzen im Verhältnis zu den Kosten, die durch Fachkräftemangel entstehen. Eine eigene Jugendarbeit von Betrieben böte große Chancen, denn die finanzielle Kraft von mittelständischen Unternehmen reicht problemlos aus, um hochwertige, spannende und im besten Falle pädagogisch wertvolle Angebote für Jugendliche zu schaffen. Schließlich braucht es auch nicht viel Vorstellungskraft, um zu schließen, dass eine Person, mit der man fünf mal auf einer Sommerfreizeit im Zeltlager war, eine große Überzeugungskraft entfalten kann, wenn sie mir schließlich im Jugendalter eine Ausbildung und im Anschluss eine weitergehende Berufsperspektive anbietet.

Junge Menschen, die noch keine eigenen Erfahrungen mit Berufen gewonnen haben, sind auf der Suche nach guten Ratgebern und vertrauten Personen, die Lotsenfunktionen in die Berufswelt übernehmen können. Ein Freizeit- oder Jugendleiter, der einen Jugendlichen seit Kindertagen an kennt und begleitet, ist eine Person, die eine gute Einschätzung über die fachliche Eignung und die Motivation junger Menschen abgeben kann. Gleichzeitig ist eine solche Person auch Vertrauensperson über das Elternhaus hinaus. Ein potentieller Ansprechpartner für die Frage nach dem richtigen Berufswunsch und möglicher Unterstützer für Ausbildungsplatzsuche und Bewerbung.

Gehen wir gedanklich ein paar Jahre voran. Die Anzahl der Jugendlichen hat sich insgesamt verringert. Auf Verbänden, Vereinen und Kirchen lastet ein großer Rekrutierungsdruck. Jeder Jugendliche, der für die eigene Organisation gewonnen werden kann, ist wertvoller geworden. Gleichzeitig verringern höhere Todeszahlen als Neueintritte in Organisationen von Jahr zu Jahr die finanzielle Potenz und damit das Potential, die eigene Arbeit weiter zu professionalisieren.

Stellen wir uns vor, in einer solchen Welt träte ein mittelständisches Unternehmen mit einer eigenen Jugendarbeit auf den Plan. Ein paar gute und charismatische Pädagogen, die den Auftrag haben, Kinder- und Jugendfreizeiten im Sommer zu organisieren. Reisen, die stark bezuschusst oder kostenfrei sind. Reisen, auf denen junge Menschen Spaß haben und vieles miteinander erleben: singen, spielen, Lagerfeuer, ein Burg bauen, Fahnen klauen, das erste Bier, den ersten Kuss und erste eigene Leitungserfahrungen. Das Ganze finanziert aus den Gewinnen eines Maschinenbauers, der weiß, dass diese Form der Jugendarbeit Zugänge ermöglicht, um ganz unterschiedliche Talente für sein Unternehmen zu identifizieren und zu binden.

Die Jugendverbände würden allesamt an den Rand gedrängt. Weder können sie professionelle Strukturen der Jugendarbeit in der kompletten Fläche eines Landes unterhalten, noch können sie mit den Subventionen von mittelständischen Unternehmen mithalten. Ihre Freizeitangebote wären zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit pädagogisch wertvoller, aber auf den ersten Blick weniger spannend und deutlich teurer und damit leider unattraktiver.

Ich bin Jugendverbandler von ganzem Herzen. Ich habe Freizeiten und Jugendgruppen geleitet, wurde in Gremien gewählt und habe für einen Landesjugendring gearbeitet. Ich liebe die Jugendverbandsarbeit und bei dem Gedanken daran, dass der Verband, der mir so viel geschenkt hat, gegen mittelständische Unternehmen im ländlichen Raum nicht bestehen kann, dreht sich mir den Magen um. Darum wage ich eine These, wohlwissend, dass ich mir mit dieser keinen Applaus einfange, sondern viel Kritik und Widerstand: Wollen wir Dienstleister von Unternehmen werden?

Wir aus den Jugendverbänden haben etwas, womit wir handeln treiben können. Wir können das, was wir tun, verdammt gut. Wir können großartige Kinder- und Jugendfreizeiten organisieren. Wir können junge Menschen zu echten Leitungspersonen ausbilden. Wir können Freiräume eröffnen, damit junge Menschen ihren eigenen Weg gehen können. Kein mittelständisches Unternehmen kann das in gleicher Qualität. Kein kommerzieller Anbieter von Jugendreisen kann das auch nur ansatzweise mit der gleichen Leidenschaft. Sollten wir diesen Vorsprung nicht nutzen, solange wir ihn noch haben?

Der Aufbau einer eigenen Jugendarbeit wird nur im Anfang eine Herausforderung für mittelständische Unternehmen werden. Wo bekomme ich gutes Personal her? Wie gestalte ich Angebote, so dass Jugendliche diese genießen können? Wie schaffe ich es, Jugendarbeitsstrukturen so aufzubauen, dass diese nicht von Anfang an verzweckt sind, aber am Ende ihren Zweck für mein Unternehmen erfüllen? Irgendwann aber werden diese Probleme gelöst sein. Gelöst, weil wir uns unsere Bildungsreferenten nicht mehr werden leisten können und weil diese mit ihrem Know How zum Teil auch zu Unternehmen abwandern werden, die besser Löhne bezahlen können. Damit diffundiert unser Wissen über qualitativ hochwertige Jugendarbeit in die Betriebe, aber der Gedanke des Jugendverbandes bleibt auf der Strecke.

Ich denke an den Anfang und schlage hiermit vor, ihn selbst zu machen. Schauen wir auf Dörfer und kleine Städte, in denen einer oder einige mittelständische Unternehmen ihren Sitz haben und von denen wir wissen, dass sie in den nächsten Jahren Rekrutierungsprobleme bekommen werden. Gehen wir dort hin und klopfen an. Bitten wir diesmal nicht um eine Spende für unser neues Zeltmaterial, sondern verhandeln wir auf Augenhöhe: Ihr finanziert uns einen Bildungsreferenten hier vor Ort und sponsert Jugendfreizeitangebote und wir führen diese professionell durch. Wir gehen im Gegenzug in einen engen Austausch mit euren Personalabteilungen, um zu verstehen, welche Eigenschaften junge Menschen mitbringen müssen, um erfolgreich IHREN Weg in diesen Unternehmen gehen zu können. Wir lernen, für welche Jugendliche eine Ausbildung in diesen Unternehmen wirklich passt. Wir lernen, wer der richtige BA-Student für diese Unternehmen sein kann und empfehlen einen solchen Weg an junge Menschen, zu denen dieser Weg gut passt. Wir helfen, werden Lotsen und damit auch Dienstleister, aber wir verstehen uns nicht als Rekrutierungsschmiede. Wir tun schlicht das, was wir seither auch getan haben, wenn wir mit Jugendlichen gearbeitet haben: Wir helfen ihnen eine gute und richtige Berufsentscheidung zu treffen und einen Ausbildungsplatz zu finden. Der Unterschied ist schlicht, wir lassen uns in Zukunft dafür von denen bezahlen, die heute schon von unserer Arbeit profitieren.

Theologie des materialistischen Gegenübers

Simon Petrus

Das Netz des Simon Petrus ist mitten am Tag voller Fische. Ein Wunder, das sich der einfache Fischer nicht hat vorstellen können und das ihm Angst macht. Jesus nimmt ihm die Angst und weist ihm den Weg, ein Menschenfischer zu werden. (Lukas 5, 1-11)

Wer kennt sie nicht die alte Geschichte von den vollen Netzen. Sie kommt wohl früher oder später in jedem christlichen Religionsunterricht vor. Die Botschaft ist einfach. Verlasst den Weg, den ihr seither gegangen seid, und wendet euch Gott und den Menschen zu statt den materiellen Fischen. Seltsam, denn die Geschichte geht völlig anders.

Mir begegnet die Bekehrung des Simon Petrus in den Tiroler Alpen. An der Wand hängt neben einem Holzkreuz eine klassische Petrus-Ikonografie. Sie zeigt den Apostel mit einem Netz voller Fische. Logisch, denn er ist der Schutzpatron der Fischer und Angler. Warum nur ist sein Netz nicht voller Menschen?

Manchmal ist es hilfreich, die Dinge nicht vom Ende her zu denken, sondern sie Schritt für Schritt chronologisch zu durchdenken. Tut man dies im Falle dieser Bibelgeschichte, kann man zu neuen Schlussfolgerungen über einen erfolgreichen Bekehrungsmechanismus kommen.

Am Anfang steht nicht der Menschenfischer. Am Anfang steht nicht eine religiöse Weisheit. Am Anfang steht da schlicht eine Gruppe frustrierter Fischer, die in der Nacht keinen Fisch gefangen haben. Sie sind arm und geplagt von Mangel und Frustration. Zu diesen Menschen tritt Jesus und liefert keine oberschlauen Weisheiten von „Prüfungen Gottes“. Er fordert nicht auf, zu beten, damit es in Zukunft besser werde und er sagt nicht „selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich“. Seine Botschaft ist eine andere. Er schließt sich den Fischern an und zeigt ihnen, wie sie die Netze so voll machen, wie noch nie zuvor.

Stop, halt, so geht das nicht! Der kann doch nicht einfach die materialistische Orientierung der Fischer bedienen! Wieso erklärt er ihnen nichts von nachhaltiger Fischerei und warum sagt er nichts davon, dass der Materialismus nicht das Wesentliche im Leben ist? Warum zeigt er den Fischern nicht, dass Bildung wichtiger ist, als schnell zu Reichtum zu kommen? Ist der denn kein guter Christ und Theologe?

Die Theologie von heute ist antimaterialistisch. Sie hinterfragt kritisch die Konsumgesellschaft, prangert Primark und McDonalds an. Die Kirchen betreiben Fair Trade Shops und die katholischen Bildungshäuser legen großen Wert auf regionales, saisonales und biologisches Essen. Ein Angebot der kritischen Selbstüberprüfung in Form von Exerzitien und Bildungswochen reiht sich an das nächste. Stets gilt es, dass der Intellektuelle mit Hilfe der Kirche noch ein bisschen intellektueller werden kann 

Und Jesus? – Der fischt entgegen allen Prinzipien der Nachhaltigkeit und völlig verantwortungsvergessen einen ganzen See leer. Er schüttet einen Berg von Fischen auf. Er gründet quasi einen eigenen Primark mit integrierter McDonalds-Filiale. Warum?

Gönnen können, ohne selbst zu nehmen. 

Mit diesem „warum?“ bin ich viele Stunden unterwegs. Eine Bergwanderung mit Zeit zum Nachdenken in wilder, rauer Natur. Es dauert lange, bis ich den Mechanismus durchdringe, aber am Ende im Tal bin ich mir sicher, dass man so Menschen überzeugen kann.

Der Mechanismus lässt sich auf eine einfache Formel bringen: „Gönnen können, ohne selbst zu nehmen“. Ein Prinzip, bei dem man anerkennt, dass der Materialismus des Gegenübers eine ernstzunehmendes Bedürfnis ist. Diesem setzt man kein Alternativkonzept entgegen, sondern man nimmt die Perspektive des Gegenübers selbst ein. Man bedient das materialistische Bedürfnis des Anderen, ohne dessen Wert, dessen Sinn, dessen Wirkungen zu hinterfragen. Das Besondere ist, dass man zwar den Materialismus des Gegenübers vollumfänglich bedient, jedoch sich selbst nichts nimmt.

Jesus gibt den frustrierten Fischern einen Berg von Fischen, um sie glücklich zu machen. Er selbst nimmt sich den Berg Fische nicht. Er tritt damit den Beweis an, dass es ihm möglich ist, die materialistische Perspektive anzuerkennen und einzunehmen und zeigt gleichzeitig, dass er dies dennoch nicht übernimmt. Dadurch wird eine Differenz sichtbar. Denn das, was dir so viel bedeutet, bin ich bereit dir zu geben, aber offensichtlich bedeutet es mir nicht dasselbe. Ein guter Grund nachzufragen. 

Der einfache Mechanismus „Gönnen können, ohne selbst zu nehmen“ bewirkt zweierlei. Er schafft Sympathie, weil man als Materialist bekommt, was man sich wünscht und er schafft gleichzeitig Glaubwürdigkeit für die eigene, unterschiedene Perspektive, weil man sich selbst nicht bedient.

Eine Person, die jemanden gibt, was er sich wünscht ohne es sich selbst zu nehmen, löst zwangsläufig eine Irritation aus. Denn es steht die Frage im Raum, wieso jemand, der mir so viele Dinge geben kann, nicht selbst diese Dinge wünscht? – Da lernen das produktive Umgehen mit Irritationen ist, können wir davon ausgehen, dass die Frage auch irgendwann gestellt wird. Und in dem Moment kann die eigene Position in den Vordergrund treten und ihre Überzeugungskraft entfalten.

 Was heißt das für die Kirche von heute?

Die Kirche ist Bannerträgerin der eigenen Perspektive auf die Welt. Sie ist damit aber nur ansprechend für diejenigen, die bereits die selbe Perspektive eingenommen haben. Sie bleibt fremd und ablehnend für jene, die sich noch ganz dem Materiellen hingeben. Denn wieso sollte ich in eine Kirche gehen, in der das, was mir wichtig ist, von Anfang an in Frage gestellt wird?

Unterstellen wir, die Kirche würde konsequent die Bekehrung des Simon Petrus zum Vorbild nehmen. Sie würde mit vollen Händen schenken und selbst in Armut leben. Kostenfreie Kitaplätze, aber ein sehr kleines Gemeindehaus. Stark bezuschusste Mensen für Schülerinnen und Schüler statt Bildungshäuser und Bildungsreisen. Eine Kirche, die gibt und selbst ganz arm ist.

Ein Ansatz, wie ihn der neue Papst übrigens einfordert und der in den deutschen Diözesen einiges an Magengrummeln verursacht. Ja, der meint das ernst mit der armen Kirche, die den Armen Reichtum schenkt und ist gerade darum beliebt.

Schaut man auf die Bekehrung des Simon Petrus und den Berg Fische auf dem Strand, muss einen dies nicht wundern. Der Papst macht sich sympathisch, weil er materielles verschenkt und es sich selbst nicht nimmt. Alsbald gewinnt er dadurch Menschenfischer.

Theologen, sprecht vom Krieg!

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Mein alternatives Wort zum Sonntag

Ich bin entsetzt über die Predigten in Kirchen und im Fernsehen. Im Nordosten taumelt Europa in einen neuen großen Krieg und im Südosten schlachten religiöse Fanatiker die Zivilbevölkerung ab. Die Welt brennt und gestandene Pfarrerinnen und Pfarrer haben nichts zu sagen. NICHTS.

Am meisten bestürzt mich das Wort zum Sonntag. Das bewegt sich zumeist zwischen Belanglosigkeit und Peinlichkeit. Ich bin das gewohnt. Es ist jeden Samstag Abend eine entsetzliche Tradition. Ich kann es sogar verstehen. Da soll man in wenigen Minuten vor einem Millionenpublikum etwas sagen, was der letzte Depp versteht. Es soll sich gut anfühlen und ein positives Bild von Kirche transportieren. Da ist die Ice Bucket Challange doch ein gutes Thema, genauso wie die Frage, ob es schlimm ist, wenn alle anderen in den Urlaub fahren, nur man selber nicht.

WHAT THE FUCK. Dafür braucht es keinen prominenten Sendeplatz am Samstag Abend. Es reicht ein Youtube-Kanal, den – wenn es wirklich gut läuft – 500 Leute abonnieren. Gerade deshalb war ich erfreut, dass sich am 9. August Pfarrer Alfred Buß entschieden hat, vom Frieden zu predigen.

Ich bin beschämt.

Ich bin beschämt über das, was er gesagt hat. Nicht, weil es nicht schön genug war, sondern weil es zu schön war. Eine kleine Geschichte über Kinder, die wissen, wie man Krieg spielt, die aber keine Antwort darauf haben, wie man Frieden spielt. Dann eine kurze Erwähnung des ersten Weltkrieges, um sich darauf hin den aktuellen Konfliktherden zu nähern und zu bemängeln, dass Kriege im Namen Gottes geführt werden. ZEITSPRUNG. Der Augsburger Religionsfriede war wichtig und schön, dass Menschen den Frieden feiern.

WHAT THE FUCK. Dafür braucht es keine Kirche. Wie sinnentleert wollen wir die Theologie noch werden lassen? Unsere Kirchen haben sich in Gräber verwandelt. Das Publikum ist dem Tod genauso nahe, wie die theologische Substanz dessen, was in ihnen gepredigt wird. Wo ist das Existenzielle hin? Wo ist die Theologie?

Ihr macht es euch zu einfach!

Es ist zu einfach, für den Frieden zu beten. Es ist zu einfach, weil wir alle wissen, dass kein Gebet für den Frieden, das Morden beendet. Es ist zu einfach, weil kein Gebet die Wahnsinnigen stoppt. Es ist zu einfach, weil das Gebet für den Frieden aus der sicheren Ferne eine herzlose und sinnfreie Tat ist. Wer wahrhaft glaubt, muss existenzieller denken.

Wenn wir in den Nahen Osten blicken, dann wütet dort eine brutale Miliz. Sie mordet, vergewaltigt, versklavt und schlachtet ab. Da spielen keine Kinder den Krieg, sondern da zerfetzen Kugeln Kindern das Gesicht. Da schneiden vermummte vor laufender Kamera Journalisten den Kopf ab. Da gehen Männer Reihen von Gefangenen entlang und ermorden einen nach den anderen und niemand hält sie auf.

Wie zynisch ist es, das Augsburger Hohe Friedensfest zu zitieren. Das ist kein Hochfest des Friedens, sondern ein Aufatmen, dass das knietiefe Waten im Blut ein Ende hat. Dort wird bis heute gefeiert, dass am Ende des Dreißigjährigen Krieges die Leichenberge des endlosen Hassens und Mordens so hoch geworden waren, dass keine Seite mehr die Kraft hatte, den Krieg weiter zu führen. In Augsburg gewinnt nicht die Menschlichkeit, sondern es scheitert der Krieg nach dreißig Jahren.

Wollen wir in Syrien und im Irak auch auf dieses Fest warten? Wollen wir hoffen, dass wir eines Tages predigen können, dass auf den zertretenen Leichen von Millionen Menschen in Bagdad ein Frieden geschlossen wurde, weil für keinen der Krieg noch zu gewinnen war?

Glaube heißt Verzweifeln!

Die Theologie muss heute Antworten geben auf die Fragen dieser Tage. Diese Fragen heißen nicht „wie spielt man Frieden?“ sondern sie heißen „ermorden lassen, oder kämpfen?“ und „beistehen oder verrecken lassen?“. Diese Fragen tuen weh.

Wer in der Nachfolge Christi steht, der folgt keinem Sieger, sondern einem Verlierer. Wer Christus folgt, folgt dem Geschundenen, dem Gefolterten und dem Ermordeten. Wer Christus folgt, der greift nicht zur Waffe, sondern lässt sich ermorden. Aber können wir allen Ernstes von anderen verlangen, sich ohne Gegenwehr den Verfolgern auszuliefern? Können wir verlangen, dass sich ein Volk in die Sklaverei führen lässt in der Hoffnung, Gott möge sie nach Jahrhunderten erlösen? Dürfen wir den freiwilligen Tod einfordern, ohne uns ebenso wehrlos an ihre Seite zu stellen?

Jesus bittet, nicht einzuschlafen und nicht wegzusehen als er verhaftet wird. Er bittet, ihn nicht zu verleugnen im Angesicht der Gefahr. Er bittet, in seiner Nachfolge selbst zu sterben. Er bittet, den gleichen brutalen Tod nach Folter zu ertragen. Jesus bittet seine Nachfolger, Unrecht zu ertragen. Petrus hat es getan.

Ich kann das nicht. Ich habe diese Größe nicht. Ich bin zu schwach, mich selbst in Gefahr zu begeben. Ich habe nicht den Mut, in ein Flugzeug zu steigen und mich wehrlos einer mordenden Miliz entgegen zu stellen. Ich habe diese Größe nicht.

Dürfen wir töten?

Müssen wir denn den Mördern die Welt überlassen? „Du sollst nicht töten“ lautet eines der zehn Gebote. Handeln also alle, die sich den Milizen entgegen stellen gegen Gottes Wille? Darf ich nicht töten, wenn ein anderer mich und meine ganze Familie auslöschen will? Darf ich mich nicht verteidigen?

Die zehn Gebote stehen nicht allein. Sie haben eine Überschrift und diese ist essentiell. Sie lautet „Ich bin dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit hat“. Freiheit steht den zehn Geboten voran. Nur wo Freiheit herrscht, haben sie Gültigkeit. Wo Krieg herrscht, herrscht keine Freiheit und wo keine Freiheit herrscht, da ist die Selbstverteidigung erlaubt.

Sterben oder kämpfen?

Unsere Religion löst den Widerspruch nicht auf. Gott bittet um den Gewaltverzicht auch um den Preis des eigenen Lebens, aber fordert ihn nicht ein. Die größere Tat ist es, nicht zurück zu schießen. Sie verlangt eine persönliche Größe, die in der Geschichte immer wieder einzelne Menschen aufbringen konnten. Aber es sind wenige. Gott bittet um den Gewaltverzicht, fordert diesen aber nicht ein.

Der in der Bibel offenbarte Glaube fordert von uns, sich für eine Handlung zu entscheiden. Wir können einen gerechten Tod im Gewaltverzicht sterben oder wir können für Freiheit kämpfen. Doch in beiden Fällen geht es um eine Handlung. Sich entscheiden, zu ertragen, oder sich entscheiden, Freiheit zu schaffen.

Ich habe nicht die Größe, das Morden zu ertragen. Darum befürworte ich die militärische Intervention in der Region. Aber selbst das ist keine Größe, denn ich selbst schicke damit andere in den Tod. Ich selbst bin zu feige, mich dem Handeln zu stellen. Mir fehlt die Kraft. Erst an dem Punkt, an dem man das eigene Scheitern an der Aufforderung zur Handlung erkennt, ergibt das Beten einen Sinn. Nicht das Beten dafür, Gott möge einen Krieg stoppen, sondern das beschämte Beten dafür, dass in mir eine Stärke zum Handeln erwächst.

Handy am Küchentisch? – Kein neues Drama.

Das Handy auf dem Küchentisch - kein neues Drama.

Das Handy der pubertierenden Jugendlichen ist ein Dauerthema im heutigen Familienalltag. Wie viel Nutzung ist noch normal, ab wann ist man süchtig und warum kann man das dumme Ding nicht verdammt noch mal einfach mal eine Minute lang weglegen? Eigentlich kein neues Drama. 

Viele Eltern sind verzweifelt, weil ihre Kinder die Smartphones nicht mehr aus der Hand legen. Auf Fachtagungen wird lang und breit besprochen, wie problematisch doch das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen sei und manch einer sieht völlig neue Konflikte durch diese Medien auftreten, die heutige Eltern deutlich mehr fordern, als die Eltern der Vergangenheit. Ach echt? 

In der Pubertät gilt es für Jugendliche eine zentrale Herausforderung zu bearbeiten: Die Konstruktion der eigenen Identität. Ja, verdammt noch mal, die Eltern spielen plötzlich nicht mehr die erste Geige. Wie soll denn eine eigene Identität entstehen, wenn die Eltern einfordern, dass man weiterhin an deren Identität, dem Familienleben, vollumfänglich partizipiert. Da wird jedes Abendessen zur Rückschau auf das Gestern und zum Gegenpol des Morgens, das sich im Freundeskreis materialisiert. 

Dieser Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen ist so alt wie die Menschheit selbst. Er ist das große Drama jeder Familie, aber so vorhersehbar, dass es sich kaum lohnt darüber zu schreiben. Ein Wunder eigentlich, dass es ganze Regalwände mit Romanen über die Pubertät gibt. Das Schöne, in diesen Büchern erfährt man nichts Neues, aber man kann sich auch noch in der eigenen Freizeit im eigenen Familiendrama suhlen. Hach, wat schön.

Es gibt aber tatsächlich eine Sache, die ist anders, seit die Smartphones in die Hände von Jugendlichen geraten sind. Das Neue in unseren Tagen ist, dass der Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen zeitlich entgrenzt wurde. 

Mir erscheint es selbst geradezu grotesk, dass ich einen Satz mit “früher” beginne. Aber nundenn, in diesem Fall kann selbst ich mit meinen 28 Jahren von Früher reden. Denn für die heutigen Pubertierenden gehöre ich ja auch schon längst zu den Alten und Erwachsenen – also zu den Spießern und denen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Stimmt!

Früher, da traf man in der Pubertät seine Freunde. So lange wie es irgendwie nur ging, versuchte man mit seinen Eltern zu verhandeln, wegbleiben zu dürfen. Man traf sich in Kellern, um zu zocken, auf Feldern, um zu saufen und das Ganze nannte man immer “eine Lerngruppe für die Hausaufgaben”. Wenn man dann Zuhause war, dann zog man sich möglichst schnell ins eigene Zimmer zurück – in meinem Fall, knallte ich besonders gern die Türe dabei zu. Das war schön – Türen knallen würde ich heut noch manchmal gern, aber mir ist die Leichtigkeit jener Tage, es einfach durchzuziehen, abhanden gekommen. 

Früher (oh mein Gott, es beginnt schon der zweite Absatz mit diesem Wort), da gab es eine Trennung. Die Freunde dort – da war es toll – und die Eltern hier – da war es … STOP, meine eigenen Eltern lesen diesen Artikel sicherlich … da war es ganz okay. Das Treffen mit den Freunden war das Neue, das Freie, das Spannende, das Eigene. Das Zusammenleben mit den Eltern war das Alte, das Bekannte, das Etablierte, das Uneigene. Die Bewegung zwischen beiden Systemen war physisch, weil die Trennung durch Wände und Haustüren physisch war. 

Heute sind die Freunde immer präsent. Sie schreiben Whatsapp-Nachrichten. WIE GEIL IST DAS DENN! Man muss in seinem Alltag gar nicht mehr darauf verzichten, das Neue, das Freie, das Spannende, das Eigene um sich zu haben, nur weil die Haustüre zu ist. Man kann pausenlos das tun, was man so gerne tun will … UND DANN NEHMEN DIE MIR DAS HANDY WEG! 

Scheiße, Hausarrest. 

Früher, da war Hausarrest eine relativ hohe Eskalationsstufe im Streit mit den Eltern. Im großen Repertoire der Erziehungsmethodik definitiv eine der fiesesten Maßnahmen unter den pädagogisch vertretbaren. Und heute? – Ständig verteilen Eltern Hausarrest – quasi pausenlos. “Du legst jetzt das Handy weg” sagen Eltern oder noch schlimmer, sie nehmen es einfach selbst weg. Der Hausarrest ist omnipräsent geworden. Er ist nicht mehr Eskalation, sondern Alltag. Aber können wir uns in der Erinnerung an die eigene Pubertät auf einen Punkt einigen, liebe Eltern von heute: Hausarrest, war echt gemeine Scheiße. 

Erinnert ihr euch noch daran, wie scheiße Hausarrest war?

Erinnert ihr euch noch daran, wie scheiße Hausarrest war?

Was genau ist der Unterschied zwischen dem alten Hausarrest (dem Verbot die Freunde zu treffen & zu sprechen) und dem Wegnehmen des Smartphones von heute? – Genau, keiner! 

Die Konsequenz kann also für alle heutigen Eltern nur heißen, dass es gilt, die Eskalationsstufe wieder sehr weit nach unten herab zu senken. Und wie ging das noch gleich früher? 

Ah, ja genau, früher, da hat man miteinander verhandelt, wann man nach Hause kommen musste. Wenn man nicht nach Hause kam, dann gab es Ärger. Wenn der Ärger total krass wurde, dann gab es Hausarrest. - Im Übrigen konnte ich damals schon so gut verhandeln, dass ich in meiner gesamten Jugend im Gegensatz zu allen meinen Freunden nie Hausarrest hatte. – Darum gilt es auch heute, dass die Nutzung des Smartphones verhandelt werden muss. Wann treffe ich meine Freunde, wann investiere ich Zeit in meine Familie. Erfolgreiches familiäres Miteinander gelingt ja besonders in den Phasen, in denen man sich nicht zofft, sondern zusammen am Küchentisch sitzt, weil man ausgehandelt hat, dass man das gerade tun muss, um Streit zu vermeiden. Denn – seid doch bitte ganz ehrlich – das gemeinsame Essen am Küchentisch ist in der Pubertät immer höchstens halb so spannend wie die eigenen Freunde. 

Der Konflikt um das Smartphone ist kein neues Drama, es ist das gleiche Drama, das es immer gab. Es ist das Drama zwischen dem Alten und dem Neuen. Lösen wir es, wie wir es schon immer gelöst haben. Machen wir kein Drama draus!

Mobile Seelsorgebeziehungen

Erik Flügge

Erik Flügge

Die jungen Menschen sind mobiler denn je. Sie verlassen ihre Heimatorte für Ausbildung, Studium, Beruf. Sie sammeln Auslandserfahrung und bleiben bereit, immer wieder umzuziehen und anderswo neu anzufangen. Dabei lassen sie Wohnungen, manche Möbelstücke und ihre Kirche zurück.

Eine Seelsorgebeziehung baut auf ein Vertrauensverhältnis. Dieses baut sich nur langsam auf und verstärkt sich im Lauf der Jahre. Es ist wie das Vertrauensverhältnis zum eigenen Hausarzt. Man sucht sich nur ungern einen neuen Arzt in einer fremden Stadt, aber irgendwann kommt eine Grippe und der Husten wird so stark, dass man es wohl oder übel tun muss. In der Seelsorge bleibt diese Notwendigkeit oft aus. In Zeiten akuter Krisen fällt es noch schwerer neu mit jemanden zu beginnen und sich zu öffnen. Da wird der Therapeut oder mancher Freund oder manche Freundin schnell zum Seelsorgerersatz. Eine kirchliche Vertauensperson am neuen Wohnort ist oft nicht bekannt.

Auch ich habe irgendwann einmal meine Kirchengemeinde zurück gelassen. Ich komme vom Dorf und war dort Ministrant und später Oberministrant. Ich hatte einen Schlüssel zur Kirche und verbrachte dort viel freie Zeit. Dann ging es an die Uni in eine fremde Stadt. Anschluss an eine neue Kirchengemeinde habe ich dort nie gefunden oder nie gesucht. Meine Kirche war schließlich die in der Heimat. Aber wie das so ist mit mancher Freundschaft – wenn man sich sehr selten begegnet – dann entfremdet man sich auch zuweilen und so riss auch mein Beziehungsfaden zur Kirchengemeinde zuhause ab.

Ich bin in der glücklichen Lage über verbandliche Jugendarbeit im BDKJ noch neue Beziehungen zur und mit der Kirche aufgebaut zu haben. Wenn ich nun entscheiden müsste, welchen Seelsorger ich im Falle eines Beratungsbedarfs anrufen soll, dann wohnt und wirkt dieser nicht in meinem Heimatdorf, sondern viele Kilometer davon entfernt und noch viel mehr Kilometer von meinem heutigen Zuhause in der Großstadt entfernt. Diese Beziehung ist stabil, obwohl wir uns nur noch alle paar Jahre gegenseitig besuchen, weil es einen Kontakt gibt, der Bestand hat. Manchmal schreiben wir ein paar Nachrichten hin und her. Ab und zu mal eine SMS. Zuweilen begegnen wir uns auf einer Veranstaltung oder besuchen uns bewusst. Die Beziehung hält, weil sie gepflegt wird und ist zur Freundschaft geworden.

Meine Geschichte hat Seltenheitswert. Sie beschreibt, wie über viele Ortswechsel hinweg eine Beziehung zur Kirche und ihrer Seelsorge erhalten bleibt, auch wenn der Anschluss an eine neue lokale Kirchengemeinde nicht gelingt. Sie hat Seltenheitswert, weil der Normalfall schlicht die Entfremdung des umher ziehenden jungen Menschen von der Kirche ist. Ein Fehler, der systematisch in der heutigen Struktur der lokal gebundenen Kirche angelegt ist.

Kirche kann man nicht mitnehmen, sie überbrückt keine Strecken – sie ist von ihrer institutionellen Struktur her immer lokal und territorial. Alle Beziehungen über Gemeinde-, Dekanats- und Diözesangrenzen hinweg sind nicht strukturell angelegt, sondern entstehen beiläufig und initiativ von Einzelpersonen. Warum gelingt es uns in der Kirche nicht, diesen Beziehungen einen Rahmen zu geben? 


Firmunterricht als Initiation einer Weggemeinschaft

Die strukturelle Einbettung der heutigen Mobilität in die kirchlichen Seelsorgebeziehungen ist kein unlösbares Unterfangen. Im Kern ist die Mechanik einer mobilen Beziehung anstatt territorialer Seelsorgehoheit recht einfach. Jede Beziehung beginnt mit einer Begegnung. In der Kirche finden diese Begegnungen oftmals im Jugendalter statt. Kommunion und Firmung sind die Initiationssakramente, in denen sich junge Menschen für die Mitgliedschaft in der Kirche entscheiden. Selbstverständlich ist für viele dieses Ritual sinnentleert, aber für einige eben auch nicht. Sinnig wäre im Anschluss an diese Initiation eine Weggemeinschaft zu bilden. Die zuerst lokal gelebt und dann mit dem weggehen aus beruflichen Gründen einen mobilen Charakter erhält.

Der Seelsorger wird in einer solchen Weggemeinschaft zum Bindeglied. Er schafft Angebote, die zur jeweiligen Lebenssituation der Gemeinschaftmitglieder passen. Er lädt ein-, zweimal pro Jahr ein, sich zu begegnen um über Berufswahl, Abschlussängste, Familiengründung oder die Unterbringung der eigenen Eltern im Pflegeheim miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das mit der Lebensphase der Weggemeinschaftsmitglieder mitwächst.

Dieser Seelsorger bleibt im Kontakt. Egal wo es seine Gemeinde hin verschlägt, er bleibt die Konstante auf dem Lebensweg, selbst wenn Freunde verloren gehen, Familien auseinander brechen oder ein neuer Umzug ansteht. Dieser Seelsorger ist auch der Priester, der ein Paar aus seiner Weggemeinschaft traut, weil er eine persönliche Beziehung zum Brautpaar hat. Er tauft die Kinder, die aus der Ehe hervor gehen, egal wo diese Familie dann ihren Lebensmittelpunkt hat.

Eine lebenslange Beziehung als Alleinstellungsmerkmal von Kirche

Es ist eng auf dem Markt der Sinnagenturen geworden. Kirche steht in Konkurrenz zu esoterischen Angeboten, zu Selbstverwirklichung, Therapie, religiösen Gemeinschaften und allen möglichen Anbietern von Sinn und Unsinn. Ihr fehlt in dieser Welt ein Alleinstellungsmerkmal, das sie stärkt und zum zentralen Ansprechpartner in seelsorgerischen Fragen macht. Dieses Alleinstellungsmerkmal kann eine lebenslange Beziehung werden. In einer Welt, in der sich so vieles auflöst, ist solch eine Beziehung etwas besonderes.

Möglich wird das Management solcher Beziehungen durch moderne Kommunikation. Es braucht nur alle paar Monate einen kurzen Chat, ein kurzes Nachfragen, eine Whatsapp-Nachricht oder einen Anruf. Vielleicht reicht auch ein schneller Kommentar unter dem Facebook-Posting eines anderen. Minimale Kommunikation hält Beziehungen aufrecht und wird damit leistbar. Und trotz dessen, dass es nur seltene Begegnungen miteinander und nur wenig Kommunikation gibt, festigt sich im Lauf der Jahre dadurch eine Beziehung zwischen dem Seelsorger und seinem Gemeindemitglied. Eine feste Beziehung, die den Seelsorger in der schweren Krise zum ersten und besten Ansprechpartner macht.

Eine mobile Seelsorgebeziehung überführt die Kirchengemeinde wieder in das, was sie lange gewesen ist und heute nicht mehr sein kann: Eine dauerhafte Beziehung. Das Konzept der Kirchengemeinde basiert im Kern auf dem Gedanken, dass Menschen am gleichen Ort aufwachsen, leben und sterben. Die Seelsorgebeziehung lebt vom sich gegenseitig kennen lernen und schließlich vom einander kennen. Mit der gesamten Geschichte – ein Leben lang.

Heute leben die Menschen nicht mehr in einem Ort. Sie gehen weg und müssen ihre Kirchengemeinde zurück lassen, weil die Kirche noch nicht bereit ist, sich mit auf den Weg zu machen.

Unterwegs mit einer Grundsatzfrage

Wenn man von einer Universität weg fährt und keine neue Frage im Gepäck hat, dann ist etwas schief gegangen. Ein Glück für mich, ich habe eine, an der ich nun schon seit Stunden grüble. Sie kommt von einem Studenten, dessen Namen ich nicht kenne. Sie lautet grob: „Das klang jetzt alles nach einem großen harmonischen Konsens. Hätte dieser Beteiligungsprozess auch in einer fraktionierten Gruppe funktioniert?“

Ich kalkuliere beruflich Emotionen. Versuche bestimmte Dinge auszulösen und Atmosphären zu erschaffen, die einem bestimmten Zweck dienlich sind. Gruppendynamik kann ich wirklich gut. Damit verdiene ich mein Geld. Wenn ich an eine Universität fahre, dann will ich lernen und das tue ich anders als andere Leute. Am liebsten sogar in der völligen Konfrontation. Daher ist meine Spezialität die Provokation. Ein bewusstes Mittel um die Gruppenatmosphäre ein paar Grad herabzukühlen, damit die Konsenssoße nicht alles überdeckt. Provozierte Menschen fühlen sich zur Kritik ermuntert. Sie hinterfragen härter, massiver, grundsätzlicher und daraus entsteht oft mehr. Nur wenn die Situation entgleitet – wenn der letzte Beziehungsfaden reißt – dann wird Kritik fundamental, argumentlos und damit nutzlos. Das gilt es zu vermeiden, gelingt aber nicht immer.

Jetzt sitze ich hier mit dem Ergebnis. Ich bin zufrieden, ich habe gelernt. Nur diese eine Frage lässt mich leider – oder zum Glück – nicht mehr los. Vielleicht hat sie dem Fragenden weniger bedeutet als mir. Für mich ist sie Anlass ein paar Dinge grundsätzlicher zu Überlegen. Schön übrigens, dass just in diesem Zug und in diesem Moment ein paar Idioten rumschreien und saufen, das hilft beim Denken. Wir haben einen Dissenz über die Gestaltung unserer gemeinsamen Reisezeit. Ich habe Lust mich zu streiten, aber Angst den Gedanken zu verlieren und verzichte. Kopfhörer rein und laute Musik. Eine absurde Kombination aus pubertären Schlägen gegen eine Zugzwischentür und Silent Snow.

Ich hatte zum Mittagessen meinen alten Freund Marcus Syring getroffen. Ein Mensch, der schlauer ist als ich – auf jeden Fall wissenschaftlicher. Ich berichtete ihm von dieser Frage und natürlich kannte er auswendig den richtigen Text. Er handelt von Fehlkonzeptionen von Politik, die Jugendliche im Kopf haben. Peinlicherweise steht er in unserem eigenen Buch und ich hatte es mal wieder nicht auf dem Schirm.

Aber nun zur Sache und das Ganze von vorn. Ich hatte den Studierenden der Universität Tübingen von unserem Jugendbeteiligungsprojekt in Biberach berichtet. Ein Haus, das 2,4 Millionen Euro kostet und das wir mit der Stadt und hunderten Jugendlichen zusammen geplant haben. Ein komplexer Prozess, der vielerorts als best practice Beispiel gilt. Eine der schönsten Erfahrungen, die wir in diesem Prozess gemacht haben, war, dass Stadt, Rat, Jugendliche und das Fachkolloquium aus Bauexperten zu den gleichen analytischen Bewertungen kamen. Experten und Nicht-Experten waren in gleichem Maße mündig, ein fachliches Urteil in gegenseitiger Wertschätzung und Konsens zu fällen. Das ist für mich immer ein großes Traumziel gewesen. Hier hatte ich es erreicht. Vielleicht, weil ich am Ende provozierte oder schlicht, weil dieser Student schlau ist, fragte er mich jedoch im Anschluss, ob das ohne Konsens funktioniert hätte. Die Anwort ist einfach: Nein.

Was diese Frage aber beinhaltet ist grundsätzlicher, fundamentaler, irritierender. Jede offene Beteiligungsform, die ich moderiere, endet im Konsens. Nie stehen am Ende gegensätzliche Grundsatzforderungen gegeneinander. Keiner meiner Beteiligungsprozesse endet mit einer Kampfabstimmung. Es bleibt alles immer im Konsens. Warum eigentlich? Marcus Syring greift Petrik auf. Der schreibt, dass es ein jugendliches Fehlkonzept von Politik ist, dass immer ein Konsens gefunden werden muss. Ich zitiere ihn nun, weil irgendjemand behauptet hat, dass man das so macht. War das ein Konsens oder eine Mehrheitsentscheidung? – Wahrscheinlich weiß das niemand mehr:
„Die Illusion der Homogenität: Sie ist getragen von einem privaten Harmoniewunsch und Wahrheitsanspruch: Gemeinsame Interessen und Grundüberzeugungen werden selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Werte-Konsens ist kein mögliches Verhandlungsergebnis, sondern a priori gegeben.“ (Petrik, Andreas (2013): Manche nehmen das Dorf zu ernst. Die Fehlkonzeption „Illusion der Autonomie“ als Hürde zur politischen Kompetenzbildung in den Dorfgründungssimulationen zweier 8. Klassen. In Flügge / Syring (Hrsg.): Die Erstbegegnung mit dem Politischen).

Marcus und ich beginnen unsere üblichen Diskursschleifen zu drehen. Wir beleuchten die gleiche Frage aus allen Richtungen. Unser üblicher Modus zweier Menschen, die seit Jahren miteinander arbeiten und nicht zueinander passen. Er der FDPler, ich der Sozi, er der Wissenschaftler, ich der Showmaster, er promoviert, ich referiere, er der Ordnungsfanatiker, ich der Chaot und am Ende haben wir wieder beide gelernt. Wir spielen Fälle durch und immer zeigt sich das gleiche Muster: Alles im Jugendalter dreht sich um den Zwang zum Konsens oder zur Unterordnung. Es gibt keine Mehrheitsentscheidungen und es gibt keinen Konsens über den Dissenz. In Elternhäusern erleben Jugendliche keine Abstimmungen. In der Schule kann eine noch so große Klasse nicht den Lehrer überstimmen. In der pädagogischen Arbeit wird eingefordert mit anderen eine gemeinsame Lösung zu finden, wenn Erwachsene längst beschlossen hätten, einfach keinen Kontakt mehr miteinander unterhalten zu wollen. Selbst im Freundeskreis muss die Entscheidung für die richtige Party einvernehmlich – zumindest von allen mitgetragen getroffen werden, denn sich aufteilen ist keine Option in der Pubertät. Und Beteiligungsprojekte? – Die großen, die neuen, die spannenden setzen wieder auf Konsens. Sie verklären Politik zum Kuschelkurs. Verdammt, war diese Frage schlau.

Mir kommt eine alte Streitfrage in den Sinn. 2008 erzählte mir sie Peter Martin Thomas beläufig in einem Gespräch auf den Weg in einen Speisesaal. Jetzt krame ich sie aus einem Haufen alter Gedanken hervor. Ich erinnere mich noch, dass ich damals dachte, dass ich diese Frage noch mal brauchen werde. Nun ist wohl dieser Moment gekommen. Die Streitfrage wurde vor Jahren geführt zwischen Maria Haller-Kindler und ebendiesem Peter. Beide waren sie Diözesanleiter des BDKJ in Rottenburg-Stuttgart und fragten sich, ob die mit ehrenamtlichen Jugendlichen besetzte Diözesanversammlung eigentlich eine politische Versammlung oder eine politische Bildungsveranstaltung sei. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, denn sie hat grundunterschiedene Konsequenzen. Folgt man Peter Martin Thomas und versteht diese Versammlung als einen Ort echter Politik, dann bedeutet das als Leitung die gesamte Klaviatur der Machtpolitik zu bespielen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Dann obliegt es der politischen Opposition sich entweder so zu organisieren, dass sie Widerstand leisten kann, oder sie setzt sich nicht durch.

Folgt man Maria Haller-Kindler und betrachtet die Versammlung als einen Ort der politischen Bildung, dann muss man den Delegierten auch die Chance lassen, dass sie eigene positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen können. Sie müssen – wie in einem geschützten Raum – sich ausprobieren können, ohne dass die Fehler Konsequenzen zeitigen.

Wer hatte Recht? – ich weiß es nicht. Aber nun stelle ich mir diese Frage selbst. Was ist eigentlich ein Jugendbeteiligungsprozess? – Eine Spielwiese für politische Beteiligung, die geschützt und mit ganz sanften Bandagen bespielt wird, oder ein Raum für echte politische Beteiligung, bei der mich das politische Gegenüber als veritablen Gegner oder veritablen Verbündeten betrachtet?

Folge ich dem Gedanken der politischen Bildung, so liegt auf der Hand, dass diese fehlkonzipiert ist. In einem politischen System, in dem die Mehrheitsentscheidung der Standard ist, kann man doch nicht auf ein konsensuales Entscheidungsmodell hin bilden. Am Ende des Jugendzeitalters steht – wie Petrik nachweist – die Illusion, es könnte immer so weiter gehen mit dem netten gemeinsamen Entscheiden. Ein Ansatz, der definitiv nicht mit dem politischen System, in dem wir leben, kompatibel ist. Wenn dem so ist, dann machen wir in der Jugendbeteiligung mit den offenen Formen etwas falsch. Es ist die Position, die Marcus Syring einnimmt. Er ist Pädagoge. Er stellt sich Fragen nach der Organisation von Bildungsprozessen, die in die bestehende Ordnung hinein integrieren. Darum fragt er mich „wie müsstet ihr einen Beteiligungsprozess aufbauen, dass Jugendliche lernen, dass es in einer Gesellschaft politischen Streit gibt?“ – Ich habe noch keine Antwort.

Folge ich dem Gedanken, dass Jugendbeteiligung bereits gelebte Politik ist, dann stellt diese einen interessanten Widerspruch zu sonstigen Formen der politischen Beteiligung dar. Jugendliche, die ihre eigenen Interessen erarbeiten, artikulieren und mit Politik diskutieren erheben ihre Forderung nicht über die des Jugendlichen nebendran. So scheint doch der natürliche Modus menschlicher Entscheidungsfindung eben nicht dem Mehrheitsprinzip zu folgen. Es gilt also vielmehr das politische System der Abstimmungen in Frage zu stellen. Denn diese entwerten allzu schnell das Argument, wenn sich Mehrheiten institutionalisieren, wie es in unseren Parlamenten passiert. Was aus der falschen Ecke kommt, ist per se falsch. Es ist die Position, die ich einnehme. Ich bin Politiker. Ich stelle die Frage nach der Organisation des Gemeinwesens, um die bestehende Ordnung zu verändern. Darum frage ich „sind Jugendbeteiligungsprozesse vielleicht das Vehikel, um zu besseren Wegen der Entscheidungsfindung zu kommen?“

In diesem Moment sind wir nur zu zweit. Wir können keine Mehrheitsentscheidung treffen und sind beide zu alt, um unsere argumentative Position einem Konsens zu opfern. Uns bleibt also nur das gemeinschaftliche Feststellen unserer unterschiedenen Positionen und das freudige Lächeln über einen neuen Gedanken. DANKE, Uni Tübingen.

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