Im Tagesspiegel verkündet Sigmar Gabriel die Grünen seien die Liberalen des 21. Jahrhunderts. Eine These, die zwar schön klingt, am Ende jedoch der Logik nicht stand hält. Wahr haben will Gabriel es sicherlich nicht, aber der größte unbeabsichtigte politische Unfall der letzten Jahrzehnte ist: Die neuen Liberalen heißen SPD.
Zum Selbstbild der Sozialdemokraten gehört vieles und sicherlich auch, dass man sich ein bisschen liberal fühlt. Aber ein Liberaler sein, das möchte man nicht. So ist das Label der Liberalen für die Grünen gleichsam Mittel der Freundschaftspflege mit dem Wunschpartner und Angriff gegen die FDP, aber zugleich auch eine vergiftete Spitze gegen die Grünen. Denn schließlich sind – in der Wahrnehmung Gabriels – die Liberalen dann doch stets eine kleine intellektuelle Splittergruppe geblieben.
Aber was ist eigentlich der Liberalismus? Drei Gedanken prägen ihn und machen den Liberalen erst zu dem, wer er ist. Erstens die Negation der Möglichkeit eine richtige Form des Lebens zu definieren. Zweitens der Gedanke, dass jeder gemäß seiner Begabung und seines Fleißes in die Lage versetzt werden muss, politisch Einfluss zu nehmen. Drittens, dass der Erwerb von Bildung und Wirtschaftskraft die verstärkte politische Einflussnahme gestattet. So richtet sich der Liberalismus im Kern gegen Kirche und Monarchie und zielt auf Selbstermächtigung.
Im 19. Jahrhundert bedeutete dies folgerichtig, dass sich die Liberalen gegen die moralische Definitionshoheit der Kirchen zur Wehr setzten und beispielsweise mit der Freimaurerei ein Programm der Selbsterziehung zur Moral ohne ideologisches Korsett erschufen. Logischer Weise trat der Liberalismus auch der Monarchie entgegen, die politische Teilhabe nicht von eigenem Erfolg, sondern von Geburtsrechten her legitimierte. Aber – und das ist zentral für das politische Programm des Liberalismus – eine sozialistische Gleichheitsidee wurde stets abgelehnt.
Will man nun die neuen Liberalen im politischen System der Bundesrepublik aufspüren, so muss das heutige Pendant zur ehemaligen kirchlichen und monarchischen Gewalt gefunden werden. Damit ist die Suche nach dem Liberalismus nicht die Suche nach einer bestimmen Methodik des Politischen oder einzelner Forderungen, sondern die Suche nach einer Position, die maximale Freiheit ermöglicht und gleichermaßen gesellschaftliche Differenz anerkennt.
Die Kirche spielt in unserer heutigen politischen Landschaft nur noch eine Nebenrolle. Mit der Säkularisierung ist vieles verschwunden, jedoch nicht die Idee vom richtigen Leben in der Politik. Diese findet sich in Parteien mit klarem ideologischen Fundament. Namentlich bei den Christdemokraten und den Grünen. Was bei der CDU das „christliche Fundament“ ist, nennt sich bei den Grünen „ökologisch-sozial“. Beiden ist gemein, dass sie davon ausgehen, dass es möglich ist, sich als Person für einen richtigen Lebensstil zu entscheiden: Als frommer Christ, oder als Alternativer.
Die Monarchie ist in Deutschland seit dem Ende des zweiten Weltkrieges Geschichte. Nicht jedoch die Abschottung von Eliten gegenüber dem Aufstieg anderer. Zentral hierfür ist das Erbe. Wurden in Kaiser- und Königszeiten noch ganze Landstriche und Bevölkerungsmassen vererbt, so sind es heute Bankanteile und Firmenimperien, Aktienpakete und Angestelltenmassen. Damit wird nicht nur Kapital, sondern auch Zugang zu Entscheiderkreisen und politische Macht vererbt. Eine Monarchie des Reichtums. Seltene Aufsteiger stehen dieser Analogie nicht entgegen, denn auch zu monarchischen Zeiten gab es den einen oder anderen Aufsteiger wider das System. Es zählt der Trend.
Repräsentiert wird diese monetäre Erbmonarchie heute am stärksten von der FDP, die jeden Einschnitt in die Vermögensmasse der Reichen zu verhindern ersucht und die den Angriff auf das Erbe unter dem Schlagwort „Mehrfachbesteuerung“ als eine denkbar große Ungerechtigkeit geißelt.
Der Gedanke, dass gesellschaftliche Ungleichheit hingenommen werden muss, gehört zum politischen Mainstream in Deutschland. Wer das passende Fach studiert hat, darf deutlich mehr verdienen als andere, wer mehr arbeitet, darf auch ein größeres Haus besitzen. Im Kern stellt sich diesem Mainstream nur DIE LINKE entgegen, indem sie – aus verfassungsrechtlichen Gründen zwar nicht absolut – aber doch intensiv eine Angleichung der Löhne propagiert.
Und wer bleibt übrig? – Die SPD.
Die Sozialdemokraten haben sich schon lange von dem Gedanken verabschiedet, dass die Gleichheit aller Löhne in Deutschland erreicht werden kann. Damit gaben sie zentrale Teile ihrer Ideologie auf. Fragt man einen Sozi nach dem Markenkern der SPD, so kommt allenfalls noch ein „wir sind für die kleinen Leute da“ heraus, jedoch keine geschlossene Konzeption vom richtigen Leben. Autofahren ist in Ordnung, S-Bahn auch, Kirche okay, Atheismus auch.
Kern der sozialdemokratischen Programmatik sind der „Aufstieg durch Bildung“, die Frauenquoten, die Arbeitnehmerrechte gegen über den Eigentümern und dem Management. Ein ganzes Programm, das dazu dient die gesellschaftliche Durchlässigkeit zu erhöhen, nicht jedoch die Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Der Leitsatz „Fördern und Fordern“ der Hartz-Gesetze spiegelt genau diese politische Linie.
Am Ende bleibt nur die SPD als liberale Partei. Das Drama ist jedoch, sie will so etwas gar nicht sein. Das Risiko, das darin liegt ist immer, dass nur die wenigen Aufsteiger in einer starren Gesellschaft die Liberalen wählen, die Masse jedoch die Ideologen. Glück auf!
Bis heute wird sie zitiert, die große Regierungserklärung des neu gewählten Willy Brandt aus dem Oktober 1969. Der sozialdemokratische Kanzler traf damals mit seinen Worten genau die Emotion des Augenblicks. Seine Rede berührte die Menschen, weil sie modern war. Sie berührte, weil sie auf den Punkt brachte, was so viele junge Menschen fühlten.
Es ist schön zu wissen, dass es ein Sozialdemokrat damals schaffte Jugendliche so zu motivieren, dass sie zu Tausenden in die SPD eintraten. Und es ist schön, wenn noch heute in hunderten sozialdemokratischen Bewerbungsreden Brandts entscheidende Zeilen von damals zitiert werden:
„Unser finanz- und wirtschaftspolitisches Sofortprogramm (…) enthält die aktive Mitarbeit der Bundesregierung an einer stärkeren Koordinierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik in den Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft und an der notwendigen Weiterentwicklung des Weltwährungssystems.“
Es müssen diese großen und weitsichtigen Worte gewesen sein, die damals tosenden Applaus auslösten. Wie sehr jene Zeilen die Jugend damals angerührt haben müssen, können wir uns heute kaum noch erdenken. Aber wie sonst ließe sich erklären, dass so viele Sozialdemokraten den Stil dieser Zeilen zu ihrem eigenen machten. Im tiefsten Inneren müssen diese programmatischen Zeilen hinter einem kleinen Spiegelstrich die Menschen damals ergriffen haben. Und so verwundert es kaum, dass jeder sogleich weitere Spiegelstriche des großen Willy Brandt auswendig zu rezitieren weiß:
„Eine Finanzpolitik, die eine graduelle Umorientierung des Güterangebots auf den Binnenmarkt hin fördert“ flüstern sich die Genossen zu, wenn sie vom Willy-Wählen schwärmen und ein nächster ergänzt gerührt die Zeilen „die Fortsetzung und Intensivierung der bewährten Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und Unternehmensverbänden im Rahmen der Konzertierten Aktion, an der in Zukunft auch Vertreter der Landwirtschaft teilnehmen werden“.
Es kann nur dem Alter vieler Genossinnen und Genossen geschuldet sein, dass sich diese Zeilen nicht auf youtube finden. Dort haben kleingeistige und kurzsichtige Phrasendrescher einen anderen Teil der Regierungserklärung eingestellt. Es sind die inhaltsleeren Worte: „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ Es muss schon ein unerhörtes Unverständnis von der Politik dahinter stecken, wenn man glaubt, das vielschichtige Programm der Fakten, Daten, Spiegelstriche des Willy Brandt ließe sich auf solch eine kurze Formel verkürzen. Emotionsduselei, statt echter Programmatik.
Und es blickt der Sozialdemokrat mit Wut im Bauch auf die Friedrich-Ebert-Stiftung und ihre Dokumentation zum Parteijubiläum. In Zitaten, Ton- und Filmausschnitten hat die eigene Stiftung die Sache verraten. Phrasen, und emotionalen Schnick-Schnack statt wahrem Inhalt. Als wenn, zu irgend einem Zeitpunkt, auch nur ein einziger Mensch – bei wachem Verstande – solch Worthülsen zum Anlass genommen hätte, die SPD zu wählen.
Darum beruhigt es mich als Mitglied dieser Partei, dass wir uns nicht beirren lassen, von derartiger Irritation. Wir tun gut daran Wahlprogramme, große Reden, Kandidatenflyer, Newsletter und facebook-Postings in erprobter Weise mit Spiegelstrichen zu befüllen. Denn jene Spiegelstriche, jene großen Inhalte der SPD haben stets und werden wieder Menschen von uns überzeugen. Lasst uns mehr 10-gute-Gründe-Flyer wagen! Glück auf!
Ach, wie es mich nervt. Da ist diese eine Partei, die allen anderen Parteien ständig etwas vor wirft. Da ist diese eine Partei, die für sich selbst die Moral gepachtet hat. Da ist diese eine Partei, die von sich selbst glaubt, sie wäre die große Neuerfindung der Demokratie. Dabei hat sie nur eines erfunden: Das professionalisierte Cybermobbing.
Marina Weisband, ehemalige Bundesgeschäftsführerin der Piratenpartei, bringt mich dieses mal zum bloggen. Warum? Weil sie mal wieder tut, was mir an den Piraten so unglaublich auf die Nerven geht: Sie ist mal wieder selbstgerecht.
„”Chaospartei”… Baut ihr mal in nur drei Jahren ohne Geld und fertige Strukturen neue Modelle demokratischer Beteiligung“ twittert sie hinaus in die Welt. Ja, sicherlich, es ist nicht einfach eine Partei zu gründen. Und ja, es ist nicht einfach ohne Geld eine Organisation aufzubauen. Aber kann dieses Argument alles entschuldigen?
Ich bin Mitglied der SPD. Und nein, ich bilde mir nicht viel darauf ein. Aber wenn ich kommunizieren würde, wie Mariana Weisband, dann müsste ich jetzt wohl im Jahr des Parteijubiläums twittern: „Baut ihr mal ohne demokratischen Staat, mit Verfolgern im Nacken, bei ständigen Verboten und mit Menschen, die kaum etwas zu Essen übrig haben, eine Partei auf.“ Leider kann ich es nicht, denn es sind 164 Zeichen. Das passt nicht in einen tweet. Dann denke ich es mir eben.
Mir geht es nicht darum die Piraten zu bashen. Aber ich habe einfach keine Lust mehr mir ständig anzuhören, unter welch schwierigen Bedingungen diese Partei aufgebaut werden müsste. Ich glaube sogar, dass in Deutschland eine Partei selten so einfach aufzubauen war, wie heute.
Wir leben in sicheren Zeiten. Es gibt keine Straßenschlachten. Es marschieren keine kaiserlichen Truppen auf und es werden nicht massenhaft Veranstaltungen der Demokraten von SA-Gruppen gestürmt, um die Redner tot zu schlagen. Die Leute haben Geld und können spenden, weil sie nicht hungern. Parteien werden einfach zur Wahl zugelassen, wenn sie die formalen Voraussetzungen erfüllen, weil wir in einer Demokratie leben, die meine Partei jahrzehntelang erst erkämpfen musste. Die Menschen haben Zeit für Engagement, weil sie nicht mehr Tag und Nacht pausenlos arbeiten müssen und das Netz erlaubt uns schnell und weitestgehend kostenfrei auch über weite Strecken zu kommunizieren.
Keine Partei – außer DIE LINKE und die PIRATENPARTEI – haben derart traumhafte Bedingungen für ihre Gründung zur Verfügung gehabt. Und beide Parteien sind trotzdem die Meister des gegenseitigen Beschimpfens, des innerparteilichen Hassens und des sich gegenseitig in der Presse Verleumdens geworden. Ich will der Partei DIE LINKE nicht unrecht tun. Gegen die Anfeindungen bei den Piraten ist bei denen noch Sandkastenspiel angesagt.
Ich bringe es mal auf den Punkt: In meiner Partei gibt es weitaus mehr unterschiedliche Positionen, Meinungen und Weltanschauungen, als in der Piratenpartei. Allein schon, weil wir viele tausend Mitglieder mehr sind. Und nein, wir sind uns sicherlich nicht alle einig. Aber wir gehen anders miteinander um – nicht immer nett, nicht immer friedvoll – aber zumindest haben wir uns Regeln gegeben. Regeln, die uns davor bewahren aufeinander los zu gehen.
Die Piraten geben sich solche Regeln nicht. Sie hassen, hetzen, kriegen einfach vor sich hin. Nein, Marina Weisband, das ist in meinen Augen keine Entwicklung neuer Modelle demokratischer Beteiligung, sondern schlicht eine Weiterentwicklung des Cybermobbings.
Ich weiß nicht wie viele Blog-Beiträge und Zeitungsartikel ich in den letzten Monaten und Jahren über die SPD gelesen habe, die stets dem gleichen Muster folgen: Die SPD sei ja mal etwas gewesen, sei es heute nicht mehr, dies wiederum könne nur beklagt werden und man müsse Konsequenzen ziehen. Mal soll die SPD linker, mal pragmatischer, mal netzaffiner, mal liberaler, mal restriktiver, mal jünger oder gewerkschaftsnäher werden.
Ein Tanzen um den heiligen Gral mit den eingravierten Zeilen: „In unserer Vergangenheit waren wir Zukunft“.
Ja stimmt, es war mal so etwas Ähnliches wie en vogue in der SPD zu sein. Nicht so wirklich, aber doch ein bisschen. Damals in den 70ern, als die Partei massiv an Mitgliedern gewann. Viele neue Parteimitglieder, die gerne kritisierten und demonstrierten und die Welt aus den Angeln hebeln wollten. Das mit den Angeln hat dann auch irgendwie geklappt. Man darf heute über Sex und die Nazivergangenheit reden und die Atomkraft wurde aufgegeben. Die Familienbilder wurden auf den Kopf gestellt und die Scheidung ist heute genauso ein normalbiografisches Element wie die Hochzeit. Fein, Haken dran, gut gemacht.
Ich bin jung und ich bin in der SPD. Für mich ist es vollkommen okay, dass die anderen Parteimitglieder so geblieben sind, wie sie in ihrer Jugend waren. Mit teureren Autos und Eigenheimen zwar etwas bürgerlicher, aber immer noch prinzipiell und kritisch. Und ja, es nervt mich auch zuweilen. Weil es eben nicht meiner Sozialisation als junger Mensch entspricht. Mein Kosmos dreht sich um andere Dinge, um andere Ideen und meine Gedankenwelten sind denen der 70er nun wirklich sehr fern. Ist das schlimm? Kein bisschen. Weder für mich, noch für die älteren Parteimitglieder. Wir verstehen uns gut.
Warum das mit uns klappt? Ganz einfach, weil wir uns kaum begegnen. Weil wir nicht in den gleichen Runden sitzen und ich eine eigene Engagementform für mich in dieser Partei gefunden habe. Sie funktioniert anders als die der älteren Mitglieder, ist aber nicht minder wirkungsvoll. Wir ergänzen uns prima und gehen uns dabei nicht gegenseitig auf den Nerv.
Die SPD, wie ich sie täglich erlebe ist eine moderne und professionelle Partei, die an so vielen Stellen noch alles immer ein bisschen mehr so machen sollte, wie ich es mir wünsche. Aber nunja, so ist das in einer Demokratie: Man ist halt nicht allein der Chef.
Ich habe einen inneren Deal mit der SPD gemacht. Er lautet ganz einfach: Ich interessiere mich nicht für Gremien der Partei und die SPD – so erlebe ich es jeden Tag – findet das ganz praktisch. Ich störe nicht, ich pass gut rein und dennoch bewege ich in und mit dieser Partei eine ganze Menge.
Manchmal kollidiert das was ich tue mit den anderen Mitgliedern. Zum Beispiel wenn ich zusammen mit Jonathan Currywurstplakate für die Partei erfinde und niemand versteht, wo da noch der politische Inhalt sei. Dann dauert es ein paar Monate und überall gibt es „Currywurst ist SPD“-Parties auch bei den Älteren. Ist doch mega gelaufen. Und irgendwie auch schön, dass jemand zu Anfang kritische Fragen stellt und dann trotzdem mit geht.
Nein, ich will und kann es nicht mehr hören, wenn junge Menschen über die SPD klagen, weil sie sich in den Gremien nicht wohl fühlen. Als wenn Gremien jemals für uns gemacht gewesen wären. Gremien sind von gestern und dürfen daher auch denen, die früher jung waren gerne gehören. Meine Politik geht anders. Sie ist eine sozialdemokratische Politik, wirksam und macht mich glücklich. Ich mag die SPD. Ich find sie toll. DANKE, alte Tante Sozialdemokratie. Übrigens auch Danke, dass ich als Arbeiterkind studieren durfte, Danke, dass ich dich beraten darf, Danke dass wir jeden Tag so viel Spaß haben und Danke, dass wir uns so schön zoffen können. Bis morgen, liebe SPD.
Mein Blog-Beitrag zur Debatte um Peer Steinbrücks Interview „Wahrheit und Wirklichkeit“ ist der meist gelesene Artikel auf meinem Blog. Er wurde auf facebook geteilt und auf twitter und so manch anderer Blogger verlinkte ihn als Referenz. Dabei richtete sich der Blick aller Kommentatoren nur in die Vergangenheit. Analysen eines möglichen Fehlers Peer Steinbrücks, oder aber der Medien. Dabei ist mein Kommentar viel weniger retrospektiv, denn prospektiv ausgerichtet.
Es ist egal, wer jetzt Recht hat. Es ist sogar egal, ob wirklich jeder das gesamte – im Grunde völlig unspektakuläre – Interview gelesen hat, wie Mathias Richel im Grunde zu Recht fordert. Es ist egal, ob die Forderung berechtigt ist oder unberechtigt, wie Christian Soeder schreibt. Alles das hat keinen Einfluss auf das „und jetzt?“.
Eines ist sicher, die Botschaft kam an. Die Leute glauben mal wieder Peer Steinbrück sei geldgierig. Wer sich in den letzten Tagen in Sozialen Netzwerken bewegt hat, konnte das spüren. Polemik aller Orten und besonders auf allen SPD-Seiten. Auf twitter feierten sich die Pseudo-kreativen mit den #steinbrückfilmen. Eines ist sicher, der geldgierige Peer besitzt gerade eine Wirklichkeit. Er steckt in den Köpfen der Menschen.
Das zweite Prinzip der Relevanztheorie kommt augenblicklich für Peer Steinbrück fatal zum tragen: „The ostensive stimulus ist he most relevant one compatible with the communicator’s abilities and preferences“ (Sperber / Wilson 1995). Die Menschen verstehen, was sie verstehen wollen. Sie verstehen, was sie bereits verstanden haben. Jede Möglichkeit Peer Steinbrück misszuverstehen wird von Journalisten und Bevölkerung aufgegriffen und sofort als generelle Position begriffen. So erklären sich dämliche Überschriften wie die der FAZ: „Bundeskanzler verdient zu wenig Geld“.
Und jetzt? Jammern? Ärgern? Medien beschimpfen? Bevölkerung für dumm erklären? Nein, ich meine es ernst. Was seine Wirklichkeit besitzt kann nicht nieder argumentiert werden. Es ist just eine situative Wahrheit. Situativ und nicht endgültig.
Die Fragen der nächsten Tage müssen lauten:
- Welche Botschaften prozessieren die Menschen aktuell am wahrscheinlichsten? Welche dieser Botschaften sind dienlich, welche nicht?
- Welche kommunikativen no-go-Areas lassen sich definieren, weil sie zu schnell die meist präferierte Verstehensdimension bedienen?
- Wie lässt sich in die aktuelle Geschichte ein neuer Spin bekommen? Was ist die Stärke von Peer Steinbrück just in dieser Konfrontation?
Politische Strategie erschöpft sich nicht in bunten Bildern und ein paar Plakaten. In langweiligen Claims und der Organisation von Veranstaltungen. Politische Strategie gewinnt die kommunikative Oberhand. Sie blickt in die Gedankenwelten der Menschen, versteht, was sie verstehen können und reagiert darauf. Der Job des politischen Strategen für Peer Steinbrück ist schwieriger geworden, aber auch zweifelsohne spannender.
Es gibt Dinge, die sind schlicht wahr: Politiker verdienen keine Unsummen. Sie verdienen nicht schlecht, aber auch nicht übermäßig gut. Aber immerhin besser als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ebenso wahr ist es, dass die Grundsicherung in Deutschland Arbeitslosengeld 2 (ALG II) und nicht Hartz4 heißt, die Praxisgebühr von der Union über den Bundesrat erzwungen wurde und Peer Steinbrück einen wesentlich menschlicheren Umgang mit Mitarbeitern pflegt, als die Kanzlerin. All das ist wahr, ist aber nicht Wirklichkeit.
Und genau im Spannungsfeld von Wahrheit und Wirklichkeit liegt der Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft. Während an Universitäten – im Idealfall – auf der Basis logischer Argumente und Fakten die besten Lösungen für gesellschaftliche oder naturwissenschaftliche Probleme gesucht werden, muss man in der Politik stets mit bedenken, was seine eigene Wirklichkeit besitzt.
Da mag so manches falsche Gerücht, mach verkürzte Vorstellung, manch grobes Missverstehen in der öffentlichen Meinung vorherrschen. Damit kann man nur auf eine Weise erfolgreich umgehen: Indem man diese Wirklichkeit anerkennt. Dies bedeutet nicht zwangsläufig eine Kapitulation vor dem falschen Fakt, aber eine de facto Auseinandersetzung mit dem was für viele Menschen eine aktuelle Wahrheit darstellt.
Was die Menschen in den Zeitungen lesen, was sie im Radio hören oder im Fernsehen sehen ist zumindest für das jeweilige Jetzt die situative Wahrheit – oder schlicht Wirklichkeit – der es sich zu stellen gilt. Und auf Basis dieser Wirklichkeit können eben politische Strategien entwickelt werden. Diese reichen dann von der Befeuerung einer Wirklichkeit, weil sie der eigenen Sache dienlich ist, bis hin zur Strategie ein Thema aus der Öffentlichkeit durch einen neuen Skandal zu drängen.
All das ist nur begrenzt planbar, aber zu einem guten Teil kalkulierbar. Wenn nun also die aktuelle Wirklichkeit des Peer Steinbrück ist, dass er als arrogant empfunden wird, obwohl er herzlich ist und als einer, der nur an seinen eigenen monetären Vorteil denkt, obwohl er sich stets ans Gesetz gehalten hat. Wenn seine Wirklichkeit die eines gierigen Politikers ist, dann kann er – unabhängig von der Wahrheit und unabhängig von den besten Argumenten – nicht über Politikerentlohnung sprechen.
Aufgabe der richtigen Berater, der klugen Strategen und des wohlwollenden Umfeldes ist es demnach nicht nur selbst eine Agenda setzen zu wollen, sondern auch Wirklichkeiten zu erfassen und ausgehend von den Wirklichkeiten, die just gerade existieren, das eigene Sprechen zu kontrollieren und zu justieren.
Diese Berater fehlen dem SPD-Kanzlerkandidaten offenbar.
- Feiertags im Salon Schmitz -
Der Salon Schmitz ist einer der Hotspots in Köln. Das viel gelobte Café in der Aachener Straße lockt mit gutem Frühstück und exzellentem Kaffee. Mit überschwänglicher Freude über den eigenen Besuch muss man hier nicht rechnen. Die professionell-kühle Distanz der Bedienungen ist stadtbekannt. Der Salon insgesamt eine Oase der liebevollen Unliebsamkeit in einer Stadt, die sonst so oft im Sturm der Emotionalitäten zu ertrinken droht.
Am heutigen Feiertag tue ich wohl, was alle Gäste stets im Schmitz tun. Ich störe den Ablauf durch meine Anwesenheit. Im ewigen hin und her der Bedienungen zwischen Metzgerei und Salon ernte ich beim kleinsten Zeichen, dass ich gern bestellen würde, einen genervten Seitenblick, werde alsbald herablassend bedient und erhalte exzellente Qualität. Um Speisen zu bestellen muss ich das Café verlassen, in der Schlange stehen und endlos warten. Es wundert mich nicht, ich bin hier oft zu Gast.
Akribie, Präzision, Langeweile und Distanz. All das macht ihn besonders, den Salon Schmitz und lässt mich wieder kommen. Ich komme, um die Sonnenstrahlen zu genießen, oder nass-kaltes Treiben durch große Scheiben zu betrachten. Entschleunigung mitten im überfüllten Köln.
Ich bestelle und warte. Ich kenne das Spiel. Neben mir nehmen Gäste Platz und beginnen ihre Partie des Schmitz’schen Mensch-ärgere-dich-nicht. Und während um mich und meine Begleitung herum heute in ungewöhnlich schneller Weise die Latte Macchiato Gläser ihre Liebhaber finden, bleiben wir vergessen in unserem Eck. Der Kunde schräg gegenüber, der sich mit einem zweiten Hipster die Brille und das Gesicht, aber nicht den Kleidungsstil teilt, bestellt schon nach und darf auch haben. Ich warte.
Und irgendwann – wie schon so oft zuvor – hebe ich zaghaft die Hand, unterbreche das sinnlose hin und her der Bedienung mit leeren Händen und bitte um eine Sekunde der Beachtung. Keine Gnade, ich warte und spiele. Am Ende gewinnt immer das Schmitz.
Ich bekomme gebracht, was ich nicht bestellt habe, bitte um Korrektur, werde erhört und warte. Warte höflich auf das mit einigen Schritten durch kalten Regen erkämpfte Frühstück, das mein Nebensitzer soeben erhält. Ich warte. Er isst, wir plaudern, ich warte und unser Gespräch wendet sich dem eigentlichen Gegenstand eines jeden Frühstücks hier zu. Das Schmitz gewinnt. Es gewinnt die Oberhand über die Gedanken der Gäste in seiner durchdachten Ignoranz.
Ein zweites Mal durch Regen und Kälte hinüber. Im öffnen der Türe bereits in bekannt abfällig-gestresstem Ton der Ruf ich habe zu warten, es komme doch gleich. Zurück gekehrt hat der Freund neben mir den letzten Bissen verspeist. Ich warte. Und schließlich nach nunmehr beinah einer Stunde erscheint das Mädchen. Sie bringt mir, wonach mir verlangt und sagt, obgleich noch neu, die bekannte Floskel der Selbstentschuldigung auf.
Es mag der voraus gegangen Nacht der Geister, oder Müdigkeit, oder doch der Seltsamkeit des Ortes geschuldet sein, dass meine Begleitung heute die Regeln des Spiels nicht befolgt. Er nickt nicht lächelnd milde und ignoriert den schlechten Ton des alles fressenden Salon. Er spricht sie an, auf jene endlose Weile des Wartens. Bittet darum, man möge sich doch etwas einfallen lassen, um die Ungebührlichkeit des Wartens zu entschädigen. Sie keift aufgewühlt dagegen, er missinterpretiert sich selbst als Gast und stört. Fordert sie auf ihn so nicht zu behandeln, sie schimpft und zieht davon. Er blickt mich an und ist empört.
Auf leisen Tatzen hat sie sich hinein geschlichen. Nie war sie hier gedacht, doch durch die Ritzen kroch die Emotion. Sie infizierte alles um sich her und zeigte schließlich ihre Macht. Der Freund springt auf und geht hinaus in den Regen und drüben hinein. Er wird laut, fragt, ob sie den eigenen Ton für angemessen hielte, die Kollegin springt ihr bei. Ich hätte gern ein neues Glas Kaffee, verzichte jedoch.
Er kehrt zurück und berichtet mir von seiner Tat und unter dem Tisch kichert die Emotion ganz heimlich über ihren kleinen Sieg. Doch dann geschieht das Unerhörte. Die Emotion, die sonst so hilflos vor der Tür des Schmitz erfror, geht ganz zum Angriff über. Mit langen Krakenarmen greift sie um sich, wird selbst zur Spielerin in einem Spiel, das für sie keine Figur auf dem Brett vorgesehen hat.
Mit Wut ergreift sich die Kollegin einen Stuhl an unserem Tisch und fordert von uns Rechtfertigung ein. Die mit der Emotion so ungeübte Kollegin habe sich im Kämmerlein einschließen müssen, um ihre Tränen zu verbergen und Schuld, wie kann es anders sein, hat immer nur der Gast. Sie bebt und tobt, geschüttelt von der Gefühle langem Arm. Das Schmitz verliert.
Sie diktiert die Bedingungen des Aufenthalts und spricht uns alleinige Kriegsschuld zu. Mir mangelt es nun deutlich an Spiegeln im Saal und sie geht fort. Wir bleiben und sprechen über das Schmitz und den Stil, über Gäste und Störenfriede zwischen dem hin und her der leeren Hände. Das Schmitz hat unsere Gedanken wieder.
Später auf der Straße stehen wir noch beieinander im windigen Regen. Das Mädchen kommt vorbei geschritten. Blickt uns nicht an. Dem Freund erwärmt sich befreit von Schmitz’schen Wänden das Herz in der Kälte und er sagt dem jungen Geschöpf, er habe ihr nicht den Tag verderben wollen. Die Hand zum Frieden. Sie blickt kurz auf und stößt ein distanziertes „das hast du aber geschafft“ heraus. Das Schmitz gewinnt.