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Mobile Seelsorgebeziehungen

Erik Flügge

Erik Flügge

Die jungen Menschen sind mobiler denn je. Sie verlassen ihre Heimatorte für Ausbildung, Studium, Beruf. Sie sammeln Auslandserfahrung und bleiben bereit, immer wieder umzuziehen und anderswo neu anzufangen. Dabei lassen sie Wohnungen, manche Möbelstücke und ihre Kirche zurück.

Eine Seelsorgebeziehung baut auf ein Vertrauensverhältnis. Dieses baut sich nur langsam auf und verstärkt sich im Lauf der Jahre. Es ist wie das Vertrauensverhältnis zum eigenen Hausarzt. Man sucht sich nur ungern einen neuen Arzt in einer fremden Stadt, aber irgendwann kommt eine Grippe und der Husten wird so stark, dass man es wohl oder übel tun muss. In der Seelsorge bleibt diese Notwendigkeit oft aus. In Zeiten akuter Krisen fällt es noch schwerer neu mit jemanden zu beginnen und sich zu öffnen. Da wird der Therapeut oder mancher Freund oder manche Freundin schnell zum Seelsorgerersatz. Eine kirchliche Vertauensperson am neuen Wohnort ist oft nicht bekannt.

Auch ich habe irgendwann einmal meine Kirchengemeinde zurück gelassen. Ich komme vom Dorf und war dort Ministrant und später Oberministrant. Ich hatte einen Schlüssel zur Kirche und verbrachte dort viel freie Zeit. Dann ging es an die Uni in eine fremde Stadt. Anschluss an eine neue Kirchengemeinde habe ich dort nie gefunden oder nie gesucht. Meine Kirche war schließlich die in der Heimat. Aber wie das so ist mit mancher Freundschaft – wenn man sich sehr selten begegnet – dann entfremdet man sich auch zuweilen und so riss auch mein Beziehungsfaden zur Kirchengemeinde zuhause ab.

Ich bin in der glücklichen Lage über verbandliche Jugendarbeit im BDKJ noch neue Beziehungen zur und mit der Kirche aufgebaut zu haben. Wenn ich nun entscheiden müsste, welchen Seelsorger ich im Falle eines Beratungsbedarfs anrufen soll, dann wohnt und wirkt dieser nicht in meinem Heimatdorf, sondern viele Kilometer davon entfernt und noch viel mehr Kilometer von meinem heutigen Zuhause in der Großstadt entfernt. Diese Beziehung ist stabil, obwohl wir uns nur noch alle paar Jahre gegenseitig besuchen, weil es einen Kontakt gibt, der Bestand hat. Manchmal schreiben wir ein paar Nachrichten hin und her. Ab und zu mal eine SMS. Zuweilen begegnen wir uns auf einer Veranstaltung oder besuchen uns bewusst. Die Beziehung hält, weil sie gepflegt wird und ist zur Freundschaft geworden.

Meine Geschichte hat Seltenheitswert. Sie beschreibt, wie über viele Ortswechsel hinweg eine Beziehung zur Kirche und ihrer Seelsorge erhalten bleibt, auch wenn der Anschluss an eine neue lokale Kirchengemeinde nicht gelingt. Sie hat Seltenheitswert, weil der Normalfall schlicht die Entfremdung des umher ziehenden jungen Menschen von der Kirche ist. Ein Fehler, der systematisch in der heutigen Struktur der lokal gebundenen Kirche angelegt ist.

Kirche kann man nicht mitnehmen, sie überbrückt keine Strecken – sie ist von ihrer institutionellen Struktur her immer lokal und territorial. Alle Beziehungen über Gemeinde-, Dekanats- und Diözesangrenzen hinweg sind nicht strukturell angelegt, sondern entstehen beiläufig und initiativ von Einzelpersonen. Warum gelingt es uns in der Kirche nicht, diesen Beziehungen einen Rahmen zu geben? 


Firmunterricht als Initiation einer Weggemeinschaft

Die strukturelle Einbettung der heutigen Mobilität in die kirchlichen Seelsorgebeziehungen ist kein unlösbares Unterfangen. Im Kern ist die Mechanik einer mobilen Beziehung anstatt territorialer Seelsorgehoheit recht einfach. Jede Beziehung beginnt mit einer Begegnung. In der Kirche finden diese Begegnungen oftmals im Jugendalter statt. Kommunion und Firmung sind die Initiationssakramente, in denen sich junge Menschen für die Mitgliedschaft in der Kirche entscheiden. Selbstverständlich ist für viele dieses Ritual sinnentleert, aber für einige eben auch nicht. Sinnig wäre im Anschluss an diese Initiation eine Weggemeinschaft zu bilden. Die zuerst lokal gelebt und dann mit dem weggehen aus beruflichen Gründen einen mobilen Charakter erhält.

Der Seelsorger wird in einer solchen Weggemeinschaft zum Bindeglied. Er schafft Angebote, die zur jeweiligen Lebenssituation der Gemeinschaftmitglieder passen. Er lädt ein-, zweimal pro Jahr ein, sich zu begegnen um über Berufswahl, Abschlussängste, Familiengründung oder die Unterbringung der eigenen Eltern im Pflegeheim miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das mit der Lebensphase der Weggemeinschaftsmitglieder mitwächst.

Dieser Seelsorger bleibt im Kontakt. Egal wo es seine Gemeinde hin verschlägt, er bleibt die Konstante auf dem Lebensweg, selbst wenn Freunde verloren gehen, Familien auseinander brechen oder ein neuer Umzug ansteht. Dieser Seelsorger ist auch der Priester, der ein Paar aus seiner Weggemeinschaft traut, weil er eine persönliche Beziehung zum Brautpaar hat. Er tauft die Kinder, die aus der Ehe hervor gehen, egal wo diese Familie dann ihren Lebensmittelpunkt hat.

Eine lebenslange Beziehung als Alleinstellungsmerkmal von Kirche

Es ist eng auf dem Markt der Sinnagenturen geworden. Kirche steht in Konkurrenz zu esoterischen Angeboten, zu Selbstverwirklichung, Therapie, religiösen Gemeinschaften und allen möglichen Anbietern von Sinn und Unsinn. Ihr fehlt in dieser Welt ein Alleinstellungsmerkmal, das sie stärkt und zum zentralen Ansprechpartner in seelsorgerischen Fragen macht. Dieses Alleinstellungsmerkmal kann eine lebenslange Beziehung werden. In einer Welt, in der sich so vieles auflöst, ist solch eine Beziehung etwas besonderes.

Möglich wird das Management solcher Beziehungen durch moderne Kommunikation. Es braucht nur alle paar Monate einen kurzen Chat, ein kurzes Nachfragen, eine Whatsapp-Nachricht oder einen Anruf. Vielleicht reicht auch ein schneller Kommentar unter dem Facebook-Posting eines anderen. Minimale Kommunikation hält Beziehungen aufrecht und wird damit leistbar. Und trotz dessen, dass es nur seltene Begegnungen miteinander und nur wenig Kommunikation gibt, festigt sich im Lauf der Jahre dadurch eine Beziehung zwischen dem Seelsorger und seinem Gemeindemitglied. Eine feste Beziehung, die den Seelsorger in der schweren Krise zum ersten und besten Ansprechpartner macht.

Eine mobile Seelsorgebeziehung überführt die Kirchengemeinde wieder in das, was sie lange gewesen ist und heute nicht mehr sein kann: Eine dauerhafte Beziehung. Das Konzept der Kirchengemeinde basiert im Kern auf dem Gedanken, dass Menschen am gleichen Ort aufwachsen, leben und sterben. Die Seelsorgebeziehung lebt vom sich gegenseitig kennen lernen und schließlich vom einander kennen. Mit der gesamten Geschichte – ein Leben lang.

Heute leben die Menschen nicht mehr in einem Ort. Sie gehen weg und müssen ihre Kirchengemeinde zurück lassen, weil die Kirche noch nicht bereit ist, sich mit auf den Weg zu machen.

Unterwegs mit einer Grundsatzfrage

Wenn man von einer Universität weg fährt und keine neue Frage im Gepäck hat, dann ist etwas schief gegangen. Ein Glück für mich, ich habe eine, an der ich nun schon seit Stunden grüble. Sie kommt von einem Studenten, dessen Namen ich nicht kenne. Sie lautet grob: „Das klang jetzt alles nach einem großen harmonischen Konsens. Hätte dieser Beteiligungsprozess auch in einer fraktionierten Gruppe funktioniert?“

Ich kalkuliere beruflich Emotionen. Versuche bestimmte Dinge auszulösen und Atmosphären zu erschaffen, die einem bestimmten Zweck dienlich sind. Gruppendynamik kann ich wirklich gut. Damit verdiene ich mein Geld. Wenn ich an eine Universität fahre, dann will ich lernen und das tue ich anders als andere Leute. Am liebsten sogar in der völligen Konfrontation. Daher ist meine Spezialität die Provokation. Ein bewusstes Mittel um die Gruppenatmosphäre ein paar Grad herabzukühlen, damit die Konsenssoße nicht alles überdeckt. Provozierte Menschen fühlen sich zur Kritik ermuntert. Sie hinterfragen härter, massiver, grundsätzlicher und daraus entsteht oft mehr. Nur wenn die Situation entgleitet – wenn der letzte Beziehungsfaden reißt – dann wird Kritik fundamental, argumentlos und damit nutzlos. Das gilt es zu vermeiden, gelingt aber nicht immer.

Jetzt sitze ich hier mit dem Ergebnis. Ich bin zufrieden, ich habe gelernt. Nur diese eine Frage lässt mich leider – oder zum Glück – nicht mehr los. Vielleicht hat sie dem Fragenden weniger bedeutet als mir. Für mich ist sie Anlass ein paar Dinge grundsätzlicher zu Überlegen. Schön übrigens, dass just in diesem Zug und in diesem Moment ein paar Idioten rumschreien und saufen, das hilft beim Denken. Wir haben einen Dissenz über die Gestaltung unserer gemeinsamen Reisezeit. Ich habe Lust mich zu streiten, aber Angst den Gedanken zu verlieren und verzichte. Kopfhörer rein und laute Musik. Eine absurde Kombination aus pubertären Schlägen gegen eine Zugzwischentür und Silent Snow.

Ich hatte zum Mittagessen meinen alten Freund Marcus Syring getroffen. Ein Mensch, der schlauer ist als ich – auf jeden Fall wissenschaftlicher. Ich berichtete ihm von dieser Frage und natürlich kannte er auswendig den richtigen Text. Er handelt von Fehlkonzeptionen von Politik, die Jugendliche im Kopf haben. Peinlicherweise steht er in unserem eigenen Buch und ich hatte es mal wieder nicht auf dem Schirm.

Aber nun zur Sache und das Ganze von vorn. Ich hatte den Studierenden der Universität Tübingen von unserem Jugendbeteiligungsprojekt in Biberach berichtet. Ein Haus, das 2,4 Millionen Euro kostet und das wir mit der Stadt und hunderten Jugendlichen zusammen geplant haben. Ein komplexer Prozess, der vielerorts als best practice Beispiel gilt. Eine der schönsten Erfahrungen, die wir in diesem Prozess gemacht haben, war, dass Stadt, Rat, Jugendliche und das Fachkolloquium aus Bauexperten zu den gleichen analytischen Bewertungen kamen. Experten und Nicht-Experten waren in gleichem Maße mündig, ein fachliches Urteil in gegenseitiger Wertschätzung und Konsens zu fällen. Das ist für mich immer ein großes Traumziel gewesen. Hier hatte ich es erreicht. Vielleicht, weil ich am Ende provozierte oder schlicht, weil dieser Student schlau ist, fragte er mich jedoch im Anschluss, ob das ohne Konsens funktioniert hätte. Die Anwort ist einfach: Nein.

Was diese Frage aber beinhaltet ist grundsätzlicher, fundamentaler, irritierender. Jede offene Beteiligungsform, die ich moderiere, endet im Konsens. Nie stehen am Ende gegensätzliche Grundsatzforderungen gegeneinander. Keiner meiner Beteiligungsprozesse endet mit einer Kampfabstimmung. Es bleibt alles immer im Konsens. Warum eigentlich? Marcus Syring greift Petrik auf. Der schreibt, dass es ein jugendliches Fehlkonzept von Politik ist, dass immer ein Konsens gefunden werden muss. Ich zitiere ihn nun, weil irgendjemand behauptet hat, dass man das so macht. War das ein Konsens oder eine Mehrheitsentscheidung? – Wahrscheinlich weiß das niemand mehr:
„Die Illusion der Homogenität: Sie ist getragen von einem privaten Harmoniewunsch und Wahrheitsanspruch: Gemeinsame Interessen und Grundüberzeugungen werden selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Werte-Konsens ist kein mögliches Verhandlungsergebnis, sondern a priori gegeben.“ (Petrik, Andreas (2013): Manche nehmen das Dorf zu ernst. Die Fehlkonzeption „Illusion der Autonomie“ als Hürde zur politischen Kompetenzbildung in den Dorfgründungssimulationen zweier 8. Klassen. In Flügge / Syring (Hrsg.): Die Erstbegegnung mit dem Politischen).

Marcus und ich beginnen unsere üblichen Diskursschleifen zu drehen. Wir beleuchten die gleiche Frage aus allen Richtungen. Unser üblicher Modus zweier Menschen, die seit Jahren miteinander arbeiten und nicht zueinander passen. Er der FDPler, ich der Sozi, er der Wissenschaftler, ich der Showmaster, er promoviert, ich referiere, er der Ordnungsfanatiker, ich der Chaot und am Ende haben wir wieder beide gelernt. Wir spielen Fälle durch und immer zeigt sich das gleiche Muster: Alles im Jugendalter dreht sich um den Zwang zum Konsens oder zur Unterordnung. Es gibt keine Mehrheitsentscheidungen und es gibt keinen Konsens über den Dissenz. In Elternhäusern erleben Jugendliche keine Abstimmungen. In der Schule kann eine noch so große Klasse nicht den Lehrer überstimmen. In der pädagogischen Arbeit wird eingefordert mit anderen eine gemeinsame Lösung zu finden, wenn Erwachsene längst beschlossen hätten, einfach keinen Kontakt mehr miteinander unterhalten zu wollen. Selbst im Freundeskreis muss die Entscheidung für die richtige Party einvernehmlich – zumindest von allen mitgetragen getroffen werden, denn sich aufteilen ist keine Option in der Pubertät. Und Beteiligungsprojekte? – Die großen, die neuen, die spannenden setzen wieder auf Konsens. Sie verklären Politik zum Kuschelkurs. Verdammt, war diese Frage schlau.

Mir kommt eine alte Streitfrage in den Sinn. 2008 erzählte mir sie Peter Martin Thomas beläufig in einem Gespräch auf den Weg in einen Speisesaal. Jetzt krame ich sie aus einem Haufen alter Gedanken hervor. Ich erinnere mich noch, dass ich damals dachte, dass ich diese Frage noch mal brauchen werde. Nun ist wohl dieser Moment gekommen. Die Streitfrage wurde vor Jahren geführt zwischen Maria Haller-Kindler und ebendiesem Peter. Beide waren sie Diözesanleiter des BDKJ in Rottenburg-Stuttgart und fragten sich, ob die mit ehrenamtlichen Jugendlichen besetzte Diözesanversammlung eigentlich eine politische Versammlung oder eine politische Bildungsveranstaltung sei. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, denn sie hat grundunterschiedene Konsequenzen. Folgt man Peter Martin Thomas und versteht diese Versammlung als einen Ort echter Politik, dann bedeutet das als Leitung die gesamte Klaviatur der Machtpolitik zu bespielen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Dann obliegt es der politischen Opposition sich entweder so zu organisieren, dass sie Widerstand leisten kann, oder sie setzt sich nicht durch.

Folgt man Maria Haller-Kindler und betrachtet die Versammlung als einen Ort der politischen Bildung, dann muss man den Delegierten auch die Chance lassen, dass sie eigene positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen können. Sie müssen – wie in einem geschützten Raum – sich ausprobieren können, ohne dass die Fehler Konsequenzen zeitigen.

Wer hatte Recht? – ich weiß es nicht. Aber nun stelle ich mir diese Frage selbst. Was ist eigentlich ein Jugendbeteiligungsprozess? – Eine Spielwiese für politische Beteiligung, die geschützt und mit ganz sanften Bandagen bespielt wird, oder ein Raum für echte politische Beteiligung, bei der mich das politische Gegenüber als veritablen Gegner oder veritablen Verbündeten betrachtet?

Folge ich dem Gedanken der politischen Bildung, so liegt auf der Hand, dass diese fehlkonzipiert ist. In einem politischen System, in dem die Mehrheitsentscheidung der Standard ist, kann man doch nicht auf ein konsensuales Entscheidungsmodell hin bilden. Am Ende des Jugendzeitalters steht – wie Petrik nachweist – die Illusion, es könnte immer so weiter gehen mit dem netten gemeinsamen Entscheiden. Ein Ansatz, der definitiv nicht mit dem politischen System, in dem wir leben, kompatibel ist. Wenn dem so ist, dann machen wir in der Jugendbeteiligung mit den offenen Formen etwas falsch. Es ist die Position, die Marcus Syring einnimmt. Er ist Pädagoge. Er stellt sich Fragen nach der Organisation von Bildungsprozessen, die in die bestehende Ordnung hinein integrieren. Darum fragt er mich „wie müsstet ihr einen Beteiligungsprozess aufbauen, dass Jugendliche lernen, dass es in einer Gesellschaft politischen Streit gibt?“ – Ich habe noch keine Antwort.

Folge ich dem Gedanken, dass Jugendbeteiligung bereits gelebte Politik ist, dann stellt diese einen interessanten Widerspruch zu sonstigen Formen der politischen Beteiligung dar. Jugendliche, die ihre eigenen Interessen erarbeiten, artikulieren und mit Politik diskutieren erheben ihre Forderung nicht über die des Jugendlichen nebendran. So scheint doch der natürliche Modus menschlicher Entscheidungsfindung eben nicht dem Mehrheitsprinzip zu folgen. Es gilt also vielmehr das politische System der Abstimmungen in Frage zu stellen. Denn diese entwerten allzu schnell das Argument, wenn sich Mehrheiten institutionalisieren, wie es in unseren Parlamenten passiert. Was aus der falschen Ecke kommt, ist per se falsch. Es ist die Position, die ich einnehme. Ich bin Politiker. Ich stelle die Frage nach der Organisation des Gemeinwesens, um die bestehende Ordnung zu verändern. Darum frage ich „sind Jugendbeteiligungsprozesse vielleicht das Vehikel, um zu besseren Wegen der Entscheidungsfindung zu kommen?“

In diesem Moment sind wir nur zu zweit. Wir können keine Mehrheitsentscheidung treffen und sind beide zu alt, um unsere argumentative Position einem Konsens zu opfern. Uns bleibt also nur das gemeinschaftliche Feststellen unserer unterschiedenen Positionen und das freudige Lächeln über einen neuen Gedanken. DANKE, Uni Tübingen.

Die Regeln des Konsens

Der Senator wird am dem Futur II vorgängigen Abend zuvor des Brunnenfestes 2.0 im Jahre des Herrn 2014 aufgefordert gewesen sein werden, die im Konsens unabgesprochen beschlosse Ordnung des Senates ausformuliert gehabt zu haben. Der Senator wird dem nachgekommen sein:

Die heilige Gesellschaft der besten Kinder ihrer Eltern zu Altenberg – der KJG*-Senat – wird das höchste nicht beschließende aber im Konsens entscheidende Gremium aller Gremien sein. Er wird auf alle Zeit das letzte Wort gehabt haben werden.

Mitglied kann gewesen sein werden, wer auf der Bundeskonferenz der KJG* ein dem Futur II vorgängiges Stimmrecht gehabt und aufgegeben haben wird oder per advokatischem Winkelzug deutlich zu machen in der Lage gewesen sein wird, dass er eben jenes Stimmrecht de facto gehabt haben wird, ohne es je zu haben und dies nun nicht mehr haben wird.
Mitglied im Senat wird geworden sein werden, wer die genannten Bedingungen erfüllt haben wird und von Senatoren zum Brunnenfeste 2.0 geladen gewesen sein wird, um dort das Lied erklingen gelassen gehabt zu haben.
Der Senat wird stets im Futur II gesprochen und getrunken gehabt haben werden und alle seine Worte werden bereits gegendert gewesen sein werden. Der Senat wird nie geirrt gehabt haben.
Niemals wird der Senat eine Debatte vor einer Entscheidung geführt gehabt haben werden müssen, denn der Senat handelt stets und immerdar im immer währenden und wahrhaftigen Konsens.
Ein Senator wird nie allein getrunken gehabt haben werden, denn wo ein Senator getrunken gehabt haben wird, werden stets aus rein statistisch-konsensualen Gründen zwei oder drei Senatoren ebenfalls mindestens andernorts oder bestenfalls selbenorts in seinem Namen getrunken gehabt haben werden.
Diese Ordnung wird einstimmig und im Konsens beschlossen gewesen sein werden und wird bis in alle Ewigkeit unveränderlich geblieben sein werden, weil auch der Konsens immer unverändert fortbestanden gehabt haben wird, außer er wird geändert geworden sein werden.

*Anm. d. TAZ-Redaktion vom 21.05.2005: “Kampftrinkende junge Gemeinde”

Wider die Demokratieverächter

Beinahe täglich lese ich irgendwo im Netz die Kommentare dummer Personen. Sie kotzen ihren Hass auf Politik und die Demokratie vermittels ihrer Tastaturen in die Welt. Sie alle kennzeichnet eine engagementlose Anspruchshaltung und eine ich-bezogene Kompromisslosigkeit.

Es ist schon beinahe egal, zu welchem Thema sich eine Partei oder ein Politiker äußert. Irgendwo in den Antwortkommentaren wird sich schon einer finden, der sagt „habt ihr keine wichtigeren Themen“ und ein zweiter, der schreibt „ihr seid doch eh alles Volksverräter und Verbrecher“. Klar, das sind Idioten und Deppen wird es wohl immer geben. Menschen, die nicht realisieren, dass das System, das sie beschimpfen ihnen überhaupt erst die Freiheit gibt, ihren Quatsch zu verzapfen. Was mich stört ist nicht, dass es einzelne Idioten gibt, sondern dass die Politikverachtung bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht.

Gerade jetzt, da in sieben Bundesländern Kommunalwahlen sind, stehen tausende ehrenamtliche Ratsläute auf den Marktplätzen, um sich beschimpfen zu lassen, sie würden sich nur selbst bereichern – was ein Quatsch, wenn Menschen ihre ganze Freizeit opfern. Jeder wird von jemand anderem angemault, der jeweils sein ganz besonderes Thema mitgebracht hat und nicht verstehen kann, warum sich nicht die ganze Welt um ihn selbst dreht. Jeder schreit „ich-ich-ich“ und fragt gleichzeitig aggressiv nach, warum die anderen nicht „ja-ja-ja“ rufen. Scheinbar ist in Vergessenheit geraten, dass eine Gesellschaft immer ein Wir ist und dass dummerweise eine Gemeinschaft immer Kompromisse erfordert.

Wie oft ist man mit Freunden unterwegs und die einen wollen Kaffee trinken, die anderen jetzt kurz stehen bleiben und wieder die nächsten endlich das Museum aufsuchen. – Ich gebe zu, das mit dem Museum kommt selbst in meinem intellektuellen Freundeskreis eher selten vor. Am Ende mache ich irgendetwas mit, was nur weitestehend meinen Vorstellungen entspricht, aber eben nicht vollumfänglich. Warum sollte es in der Politik anders funktionieren?

Ich störe mich an dem Anspruch, etwas absolut und kompromisslos umsetzen zu wollen, weil ein solcher Anspruch dem Totalitarismus erneut den Boden bereitet. Der Totalitarismus geht keine Kompromisse ein, er setzt ein bestimmtes Programm kompromisslos durch. Das gefällt durchaus einigen und diejenigen, die keinen Gefallen daran finden können, werden schlicht zum Nicht-Teil der Gesellschaft erklärt.

Ich habe Sorge, dass die zunehmende Anspruchshaltung weiter ums sich greift, immer nur dasjenige zu bekommen, was man selbst will. Absolut und exakt sich selbst durchzusetzen, wie wir es vom Shopping gewohnt sind, am Ende auch denjenigen Kräften wieder zur Macht verhelfen kann, die ankündigen kompromisslos zu handeln. Ein Wiedererstarken einer Idee, die von zwei Richtungen unterstützt wird. Erstens von dem Wunsch, dass man möge sich doch endlich mal wieder durchsetzen und der ignoranten Haltung weil man sich selbst eben nicht komplett mit einem Kompromiss identifizieren kann, nicht mehr an der Wahl teil zu nehmen.

In den Zeiten, da wir die technischen Möglichkeiten geschaffen haben, eine totale Überwachung, wie sie noch nie zuvor dagewesen ist, zu realisieren, sollten wir mehr denn je darauf bedacht sein, dass unser Staat nicht in die Hände derer gerät, die im Kompromiss das eigentliche Übel sehen und die zur Durchsetzung ihres totalen Anspruchs auf Wahrheit eben alle Widersprechenden mundtot zu machen gedenken.

Ich glaube: Das Tanzverbot ist theologisch falsch.

„Wenn ein Freund von mir stirbt, dann ist mir nicht nach Feiern zu Mute“ antwortete der Pastoraltheologe Prof. Matthias Sellmann vor ein paar Jahren auf einen Facebook-Post von mir. Ich hatte mich kritisch zum Tanzverbot geäußert.

Bis heute beschäftigt mich die Frage des Tanzverbotes jedes Jahr an Karfreitag. Vielleicht auch gerade wegen des Disputes mit Matthias Sellmann, den ich sonst sehr für seine theologischen Perspektiven schätze. So emotional verständlich seine Aussage für mich war, so halte ich daran fest, dass das Tanzverbot theologisch falsch ist.

Viel kann man dieser Tage wieder darüber lesen, dass das Tanzverbot in das Leben derjenigen eingreift, die keine Bindung zum christlichen Gott haben. Und analog zum Sterben jedes anderen Menschen lässt sich durchaus fragen, warum die Welt nicht nur für die Trauernden still stehen soll, sondern auch für jene, die keinen Bezug zum Toten haben. Es sind die Fragen einer sich immer stärker säkularisierenden Welt, in der die Herrschaft religiösen Denkens – vielleicht zu Recht – zur Disposition gestellt wird.

Dieser Diskurs lässt sich trefflich führen, aber mein Interesse gilt einer anderen Frage. Ich will nicht wissen, ob das Tanzverbot für den nicht glaubenden Menschen eine Zumutung ist, sondern ob das Tanzverbot mit der österlichen Botschaft überein zu bringen ist.

Stimmen das Tanzverbot und die Botschaft des Osterfestes überein? 

Das Osterfest bildet den Mittelpunkt des Christentums. Tod und Auferstehung sind das Gravitationszentrum des Glaubens an den Gott, der Mensch wurde. Die Menschwerdung unterscheidet das Christentum von anderen Weltreligionen. Sie stellt eine neue Form der Offenbarung Gottes gegenüber dem Menschen dar. Anstatt des Diktates göttlicher Weisungen in Form einer heiligen Schrift, die einen Propheten zum Medium der Selbstoffenbarung Gottes macht, wird im Christentum Gott selbst zum menschlichen Medium seiner Offenbarung. Ein wahrer Gott, der wahrer, verletzlicher, scheiternder, gekreuzigter Mensch zugleich ist.

Das Osterfest ist nicht die Krönungsfeier eines Christus König, sondern ist Dokumentation des Scheiterns Gottes als Mensch und des Scheiterns des Menschen. Gott als Mensch überzeugt kaum. Er tobt durch den Tempel, aber löst das dortige Wuchern nicht auf. Gott redet zu tausenden Menschen, kann aber doch nur wenige für seine Nachfolge erwärmen. Gott steht vor Gericht und kann seine Unschuld nicht beweisen. Der Gott-Mensch stirbt machtlos.

Seine Jünger erkennen in seinem Tod kein Opfer. Sie ziehen sich in Verzweiflung zurück. Verzweiflung über den verloren Freund und Verzweiflung darüber, dass ihr Messias doch nur Mensch gewesen ist. Um sie herum lebt die Welt weiter. Das geschäftige Treiben in Jerusalem hält nicht inne. Niemand nimmt Rücksicht auf ihr Trauergefühl. Die Auseinandersetzung der Jünger mit dem Sterben Jesu findet allein und einsam statt.

Dieser Moment des Zweifels ist von Dauer. Jesus stirbt nicht und steht wieder von den Toten auf, sondern er bleibt tot. Nicht Stunden, sondern Tage. Er bleibt so lange tot, bis sich in die Gemüter seiner Jünger die Gewissheit eingebrannt hat, dass ihr Messias verloren ist – für immer. Er bleibt tot, bis sich die engsten Vertrauen wegwenden, während die Welt um sie herum ihre Verzweiflung nicht zur Kenntnis nimmt.

Erst in dem Moment, da niemand mehr an Jesus als Messias glaubt, wird er von den Toten erweckt. Seine Auferstehung offenbart sich nicht den Jüngern, sondern den Frauen am Grab. Ihrem Bericht schenken die Freunde Jesu kein Vertrauen. Sie glauben nicht, denn für sie ist Jesus ein toter Mensch.

Warum nun offenbart sich Gott in solcher Weise? Warum vollbringt er nicht sein Wunder der Auferstehung vor den Augen der Welt? Warum zwingt seine Allmacht den Menschen nicht die Gottesfürchtigkeit auf, sondern bittet geradezu demütig um unseren Glauben?

- Ostern ist das Fest der Wegwendung des Menschen von Gott und der gleichzeitigen Hinwendung Gottes zum Menschen- 

Ein Gott, der solches tut, will mehr verkünden, als nur seine eigene Allmacht. Ein solcher Gott erzählt von der Gnade nicht glauben zu müssen. Im Osterfest – und insbesondere im Karfreitag – liegt Gottes Versprechen verborgen, dass der Mensch sich abwenden darf von Gott. Sein Versprechen, dass der Mensch Gott sogar tot schlagen kann, ohne dass Gott mit der Welt bricht. Es gibt keine Verpflichtung dazu, sich auf Gott zu richten. Der Mensch darf ganz bei sich sein, bei seiner Freude, bei seiner Trauer. Der Mensch darf ganz auf die Welt gerichtet sein und in diese Welt wird Gott ein Zeichen geben, das groß genug ist, es zu erkennen, aber das einfordert, es glauben zu wollen.

Das Tanzverbot an Karfreitag greift die Botschaft Gottes im Kern an. 

Kann denn das Tanzverbot in Gottes Sinne sein? Kann es richtig sein, dass staatliche Gewalt die Menschen zwingt um Jesus zu trauern? Kann es richtig sein, dass die gesellschaftliche Ordnung mit erhobenem Finger aufs Grab zeigt und ruft „wendet euren Blick nicht ab, auf dass ihr die Auferstehung nicht verpasst“?

Im Garten Gethsemane bittet Jesus um den Beistand seiner Jünger. Sie sollen mit ihm wachen und beten. Er zwingt sie nicht und so schlafen sie ein.

Auch an Karfreitag bittet Gott darum, ihm – dem ängstlich-schwachen Menschen – beizustehen. Er bittet darum, nicht allein gelassen zu sein im Todeskampf. Doch er zwingt die Menschen nicht – auch auf das Risiko hin, dass viele von ihnen einschlafen und ihn alleine sterben lassen.

Kamelle! Kamelle! – Nur für welche Kinder?

Am Rosenmontag ist das ganze Rheinland auf den Beinen. Die Menschen stehen am Straßenrand und schauen auf ihren Karnevalsumzug. Besonders für die kleinen Jecken jedes Jahr ein Highlight, denn es wird mit Süßwaren geworfen. Eine schöne Tradition, die nur einen schalen Beigeschmack hat: Deutsche Kinder kriegen mehr.

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Zu Anfang war es nur eine seltsame Ahnung, als ich am Rosenmontag 2013 in Köln am Straßenrand stand und neben mir in der ersten Reihe direkt ganz vorne zwei blonde Kinder ohne Migrationshintergrund und zwei dunkelhaarige mit einem solchen standen. Mir fiel auf, dass die beiden dunkelhaarigen Kinder insgesamt deutlich weniger Süßigkeiten abbekamen.

“Kamelle! Kamelle!” riefen alle vier ganz tapfer und natürlich bekamen auch alle vier Süßigkeiten zugeworfen, dennoch im Lauf der Stunden stellte sich ein Ungleichgewicht ein. Die Taschen der beiden blonden Kinder waren Rand voll, die der dunkelhaarigen nicht mal zur Hälfte gefüllt.

Ein Phänomen, auf das ich nach einer Weile meinen Begleiter aufmerksam machte. Auch er begann zu beobachten. Wir beide kamen schließlich nach mehreren Stunden Umzug zu einem eindeutigen Urteil: Was hier passiert, ist leider Alltagsrassismus.

Einer Einzelperson lässt sich in diesem Fall wohl kaum ein Vorwurf machen. Denn da stehen schlicht einzelne Jecken hoch auf dem Wagen und werfen Gummibärchen und Schokolade in die Masse und oftmals gezielt in Kinderhände. Die Fußgruppen drücken strahlenden kleinen Jecken direkt die Leckereien in die Hand. Ich bin überzeugt, dass die Einzelnen gar keinen Unterschied machen wollen, welche Kinder etwas bekommen. Ich bin mir sicher, dass niemand Kinder mit Migrationshintergrund diskriminieren möchte – dennoch, es passiert.

Bei fast jeder Gruppe oder jedem Wagen, der an uns vorüber zog, beobachteten wir stets das gleiche Phänomen. Alle Kinder bekamen etwas, aber die gezielten Würfe und das direkte Zugehen auf die Kinder erreichte die beiden blonden Kinder in merklich erhöhter Frequenz. Scheinbar zogen die beiden die Süßigkeiten verteilenden Jecken stärker an, als die anderen.

Da nun der Rosenmontagszug in Köln über Stunden durch die Stadt zieht, fügten sich all die kleinen Zufälle, all die einzelnen Handlungen zu einem großen Ganzen zusammen. Bemerkbar für mich, bemerkbar für meine Begleitung und auch eindeutig bemerkbar für die beiden kleinen dunkelhaarigen Kinder, die ihre Mutter immer wieder fragten, warum die anderen mehr bekommen haben.

Mein Begleiter und ich reagierten kurzerhand und teilten unsere Kamelle-Beute mit den beiden Kindern. Wir machten ihre Taschen auch randvoll. Dennoch – ein Gefühl der Ohnmacht bleibt bestehen. Niemand will diskriminieren, doch es passiert.

2014 mein Wunsch: JECKEN, ÄNDERT DAS.

CSU-Strategie: Verdammt, es klappt.

- ein brutales Lehrstück mit diversen toten Hasen -

Es macht mich wütend und ich fühle mich ohnmächtig angesichts der aktuellen Argumentation der CSU. Im Sommer die Maut und jetzt „wer betrügt, der fliegt“. Eine Kommunikation, die Ressentiments schürt, fachlicher Quatsch ist und das Schlimmste: Es funktioniert!

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die CSU-Politikern unterstellen, sie seien tumbe Bauern aus dem Bayernland. Einer meiner prägendsten ehemaligen Professoren ist ein leitender Stratege bei dieser Partei. Ich weiß wie sie arbeiten, ich weiß was sie können und es kotzt mich an. Warum? Weil die aktuelle Strategie des CSU Rumgebrülle so einfach, so klar und so durchdacht schlau ist.

Ein schlauer Satz meines Professors war immer: „Im Wahlkampf musst du bestimmen, worüber die Menschen reden.“ Eine Regel, die ich in meinen eigenen politischen Strategien immer beherzigt habe. Halte dem Gegner ein Stöckchen hin und lass ihn drüber springen. Weil ich das Stöckchen halte, weiß ich selbst vor dem Opponenten, worüber wir nun streiten werden. Ich bin besser vorbereitet und meine Kommunikation ist genauer auf dem Punkt, weil besser und schon länger geplant.

Eine solche Strategie funktioniert wie eine Treibjagd. Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Im Sommer rief die CSU nach eigenen Verwandtschafts- und Justizskandalen plötzlich zur Treibjagd. Wohl geplant und lange vorbereitet präsentierte sie die „Ausländermaut“. Eine Politik, von der von Anfang an klar war, dass sie entweder nicht erfolgreich einführt werden kann, oder aber zu massiven finanziellen Verschiebungen zu Ungunsten der Kleinwägen führen wird. Alles egal, es war das Stöckchen, das sie der Opposition hinhielt, damit sie drüber springt und sie sprang.

Während die Jäger aus Umfragen wussten, dass wenig die Bayern so sehr ärgert wie die Österreichische Vignette, waren die Hasen gezwungen von europarechtlichen Bedenken zu sprechen. Niemand mag Europa, weil es in Europa immer Bedenken gibt, gegen das, was die Menschen wütend macht.

Im Wahlkampfbudget der CSU war die Maut von Anfang an eingeplant. Sie war strategisch entwickelter Höhepunkt. Über Jahre vorbereitet und mit Material und gut geschriebenen Pseudoargumenten unterlegt. Die Hasen in diesem Spiel mussten erst einmal die eigenen Finanzplanungen umstricken, um gegen halten zu können. Die passende Gegenargumentation mit einigem Hin und Her erst aufgebaut werden. Der Spielraum eng, Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Es liegt in der Natur der Sache, dass eine solche Falle funktioniert. Sie ist das Resultat langfristiger Planung und sie konnte nur von der CSU aus der Regierung heraus gelegt werden. Der Vorwurf gilt also nicht der Opposition, sondern das Kompliment der Regierung. Hat die Treibjagd erst begonnen, bist du als Gegner machtlos.

Leidvoll hat die Opposition in Bayern das erlebt und leidvoll die CDU/CSU während den Koalitionsverhandlungen. Sigmar Gabriel hatte zur Treibjagd auf die Konservativen mit einem Mitgliedervotum geblasen.

Das Schönste an der politischen Treibjagd ist, zu sehen, wie der Gegner sich genau wie geplant verhält. Zu hören, wie es plötzlich lärmt und wie es zu Kurzschlussreaktionen kommt. Da kritisieren die einen die Verfassungsmäßigkeit von Mitgliedervoten, in München tobt Seehofer, die SPD-Führung sei nicht souverän und im Lauf der Tage merken sie alle, wie eng es um sie geworden ist und wie schlau die Falle war. Wie immer zu spät.

Das Schlimmste an der politischen Treibjagd ist, zu sehen, wie wir uns genau wie geplant verhalten. Zu hören, wie es plötzlich lärmt und wie es zu Kurzschlussreaktionen kommt. Da unterstellen wir Ausländerfeindlichkeit, während die Menschen sagen, dass Betrüger zu bestrafen, doch nicht feindlich, sondern gerecht sei. Da werfen wir mit Fakten um uns, die keinen interessieren, weil die Emotion obsiegt. Das innere Unbehagen gegen das Fremde ist wirkmächtiger, als die Arbeitsmarktstatistik.

Ich weiß genau, in welche Falle wir gerade rennen. Ich ahne, hinter welchen Büschen die Jäger sich verbergen. Ich bin schon wieder der Hase – Verdammt, es klappt.

Die CSU braucht aktuell ein Upgrade für ihr Image als Lokalpartei, die sich als Bollwerk gegen die Außenwelt präsentiert und sich allein um Bayern kümmert. Für die Landtagswahl hat sie dieses Image aufgebaut. Die Partei wollte mit nichts anderem, als mit dem Bayerischen Klein-Klein – oder um es Bayerischer zu sagen – Groß-Groß assoziiert werden. In der Landtagswahl hat dieses Bayerische Profil mit Maut und Flut zur absoluten Mehrheit gereicht. Doch jetzt kommt die Europawahl und die CSU ist dabei denkbar irrelevant. Wie klein wirkt doch die bayerische Regionalpartei angesichts der gigantischen Europäischen Union.

Nichts desto trotz, es gilt die Regel: „Im Wahlkampf musst du bestimmen, worüber die Menschen reden“. Und dabei ist es erstmal egal, wie laut geschimpft wird. Die CSU hat es geschafft. Sie hat erneut eine Politik ins Spiel gebracht, die dafür sorgt, dass alle Welt über die Positionen dieser Partei spricht, streitet, wütet. Es scheint beinahe, als sei die CSU die einzige Partei mit einer europapolitischen Forderung. Die einzige, die sich für dieses Thema interessiert. Alle anderen blicken nur auf Berlin.

Die CSU hat sich zum Mittelpunkt gemacht. Sie lockt den Gegner an und treibt ihn zusammen. Wir reagieren laut und hysterisch. Wir verlassen nicht den Wald, wir stürmen hinein. Leider auch ich selbst. Verdammt, es klappt – Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

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