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Ich glaube: Das Tanzverbot ist theologisch falsch.

„Wenn ein Freund von mir stirbt, dann ist mir nicht nach Feiern zu Mute“ antwortete der Pastoraltheologe Prof. Matthias Sellmann vor ein paar Jahren auf einen Facebook-Post von mir. Ich hatte mich kritisch zum Tanzverbot geäußert.

Bis heute beschäftigt mich die Frage des Tanzverbotes jedes Jahr an Karfreitag. Vielleicht auch gerade wegen des Disputes mit Matthias Sellmann, den ich sonst sehr für seine theologischen Perspektiven schätze. So emotional verständlich seine Aussage für mich war, so halte ich daran fest, dass das Tanzverbot theologisch falsch ist.

Viel kann man dieser Tage wieder darüber lesen, dass das Tanzverbot in das Leben derjenigen eingreift, die keine Bindung zum christlichen Gott haben. Und analog zum Sterben jedes anderen Menschen lässt sich durchaus fragen, warum die Welt nicht nur für die Trauernden still stehen soll, sondern auch für jene, die keinen Bezug zum Toten haben. Es sind die Fragen einer sich immer stärker säkularisierenden Welt, in der die Herrschaft religiösen Denkens – vielleicht zu Recht – zur Disposition gestellt wird.

Dieser Diskurs lässt sich trefflich führen, aber mein Interesse gilt einer anderen Frage. Ich will nicht wissen, ob das Tanzverbot für den nicht glaubenden Menschen eine Zumutung ist, sondern ob das Tanzverbot mit der österlichen Botschaft überein zu bringen ist.

Stimmen das Tanzverbot und die Botschaft des Osterfestes überein? 

Das Osterfest bildet den Mittelpunkt des Christentums. Tod und Auferstehung sind das Gravitationszentrum des Glaubens an den Gott, der Mensch wurde. Die Menschwerdung unterscheidet das Christentum von anderen Weltreligionen. Sie stellt eine neue Form der Offenbarung Gottes gegenüber dem Menschen dar. Anstatt des Diktates göttlicher Weisungen in Form einer heiligen Schrift, die einen Propheten zum Medium der Selbstoffenbarung Gottes macht, wird im Christentum Gott selbst zum menschlichen Medium seiner Offenbarung. Ein wahrer Gott, der wahrer, verletzlicher, scheiternder, gekreuzigter Mensch zugleich ist.

Das Osterfest ist nicht die Krönungsfeier eines Christus König, sondern ist Dokumentation des Scheiterns Gottes als Mensch und des Scheiterns des Menschen. Gott als Mensch überzeugt kaum. Er tobt durch den Tempel, aber löst das dortige Wuchern nicht auf. Gott redet zu tausenden Menschen, kann aber doch nur wenige für seine Nachfolge erwärmen. Gott steht vor Gericht und kann seine Unschuld nicht beweisen. Der Gott-Mensch stirbt machtlos.

Seine Jünger erkennen in seinem Tod kein Opfer. Sie ziehen sich in Verzweiflung zurück. Verzweiflung über den verloren Freund und Verzweiflung darüber, dass ihr Messias doch nur Mensch gewesen ist. Um sie herum lebt die Welt weiter. Das geschäftige Treiben in Jerusalem hält nicht inne. Niemand nimmt Rücksicht auf ihr Trauergefühl. Die Auseinandersetzung der Jünger mit dem Sterben Jesu findet allein und einsam statt.

Dieser Moment des Zweifels ist von Dauer. Jesus stirbt nicht und steht wieder von den Toten auf, sondern er bleibt tot. Nicht Stunden, sondern Tage. Er bleibt so lange tot, bis sich in die Gemüter seiner Jünger die Gewissheit eingebrannt hat, dass ihr Messias verloren ist – für immer. Er bleibt tot, bis sich die engsten Vertrauen wegwenden, während die Welt um sie herum ihre Verzweiflung nicht zur Kenntnis nimmt.

Erst in dem Moment, da niemand mehr an Jesus als Messias glaubt, wird er von den Toten erweckt. Seine Auferstehung offenbart sich nicht den Jüngern, sondern den Frauen am Grab. Ihrem Bericht schenken die Freunde Jesu kein Vertrauen. Sie glauben nicht, denn für sie ist Jesus ein toter Mensch.

Warum nun offenbart sich Gott in solcher Weise? Warum vollbringt er nicht sein Wunder der Auferstehung vor den Augen der Welt? Warum zwingt seine Allmacht den Menschen nicht die Gottesfürchtigkeit auf, sondern bittet geradezu demütig um unseren Glauben?

- Ostern ist das Fest der Wegwendung des Menschen von Gott und der gleichzeitigen Hinwendung Gottes zum Menschen- 

Ein Gott, der solches tut, will mehr verkünden, als nur seine eigene Allmacht. Ein solcher Gott erzählt von der Gnade nicht glauben zu müssen. Im Osterfest – und insbesondere im Karfreitag – liegt Gottes Versprechen verborgen, dass der Mensch sich abwenden darf von Gott. Sein Versprechen, dass der Mensch Gott sogar tot schlagen kann, ohne dass Gott mit der Welt bricht. Es gibt keine Verpflichtung dazu, sich auf Gott zu richten. Der Mensch darf ganz bei sich sein, bei seiner Freude, bei seiner Trauer. Der Mensch darf ganz auf die Welt gerichtet sein und in diese Welt wird Gott ein Zeichen geben, das groß genug ist, es zu erkennen, aber das einfordert, es glauben zu wollen.

Das Tanzverbot an Karfreitag greift die Botschaft Gottes im Kern an. 

Kann denn das Tanzverbot in Gottes Sinne sein? Kann es richtig sein, dass staatliche Gewalt die Menschen zwingt um Jesus zu trauern? Kann es richtig sein, dass die gesellschaftliche Ordnung mit erhobenem Finger aufs Grab zeigt und ruft „wendet euren Blick nicht ab, auf dass ihr die Auferstehung nicht verpasst“?

Im Garten Gethsemane bittet Jesus um den Beistand seiner Jünger. Sie sollen mit ihm wachen und beten. Er zwingt sie nicht und so schlafen sie ein.

Auch an Karfreitag bittet Gott darum, ihm – dem ängstlich-schwachen Menschen – beizustehen. Er bittet darum, nicht allein gelassen zu sein im Todeskampf. Doch er zwingt die Menschen nicht – auch auf das Risiko hin, dass viele von ihnen einschlafen und ihn alleine sterben lassen.

Kamelle! Kamelle! – Nur für welche Kinder?

Am Rosenmontag ist das ganze Rheinland auf den Beinen. Die Menschen stehen am Straßenrand und schauen auf ihren Karnevalsumzug. Besonders für die kleinen Jecken jedes Jahr ein Highlight, denn es wird mit Süßwaren geworfen. Eine schöne Tradition, die nur einen schalen Beigeschmack hat: Deutsche Kinder kriegen mehr.

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Zu Anfang war es nur eine seltsame Ahnung, als ich am Rosenmontag 2013 in Köln am Straßenrand stand und neben mir in der ersten Reihe direkt ganz vorne zwei blonde Kinder ohne Migrationshintergrund und zwei dunkelhaarige mit einem solchen standen. Mir fiel auf, dass die beiden dunkelhaarigen Kinder insgesamt deutlich weniger Süßigkeiten abbekamen.

“Kamelle! Kamelle!” riefen alle vier ganz tapfer und natürlich bekamen auch alle vier Süßigkeiten zugeworfen, dennoch im Lauf der Stunden stellte sich ein Ungleichgewicht ein. Die Taschen der beiden blonden Kinder waren Rand voll, die der dunkelhaarigen nicht mal zur Hälfte gefüllt.

Ein Phänomen, auf das ich nach einer Weile meinen Begleiter aufmerksam machte. Auch er begann zu beobachten. Wir beide kamen schließlich nach mehreren Stunden Umzug zu einem eindeutigen Urteil: Was hier passiert, ist leider Alltagsrassismus.

Einer Einzelperson lässt sich in diesem Fall wohl kaum ein Vorwurf machen. Denn da stehen schlicht einzelne Jecken hoch auf dem Wagen und werfen Gummibärchen und Schokolade in die Masse und oftmals gezielt in Kinderhände. Die Fußgruppen drücken strahlenden kleinen Jecken direkt die Leckereien in die Hand. Ich bin überzeugt, dass die Einzelnen gar keinen Unterschied machen wollen, welche Kinder etwas bekommen. Ich bin mir sicher, dass niemand Kinder mit Migrationshintergrund diskriminieren möchte – dennoch, es passiert.

Bei fast jeder Gruppe oder jedem Wagen, der an uns vorüber zog, beobachteten wir stets das gleiche Phänomen. Alle Kinder bekamen etwas, aber die gezielten Würfe und das direkte Zugehen auf die Kinder erreichte die beiden blonden Kinder in merklich erhöhter Frequenz. Scheinbar zogen die beiden die Süßigkeiten verteilenden Jecken stärker an, als die anderen.

Da nun der Rosenmontagszug in Köln über Stunden durch die Stadt zieht, fügten sich all die kleinen Zufälle, all die einzelnen Handlungen zu einem großen Ganzen zusammen. Bemerkbar für mich, bemerkbar für meine Begleitung und auch eindeutig bemerkbar für die beiden kleinen dunkelhaarigen Kinder, die ihre Mutter immer wieder fragten, warum die anderen mehr bekommen haben.

Mein Begleiter und ich reagierten kurzerhand und teilten unsere Kamelle-Beute mit den beiden Kindern. Wir machten ihre Taschen auch randvoll. Dennoch – ein Gefühl der Ohnmacht bleibt bestehen. Niemand will diskriminieren, doch es passiert.

2014 mein Wunsch: JECKEN, ÄNDERT DAS.

CSU-Strategie: Verdammt, es klappt.

- ein brutales Lehrstück mit diversen toten Hasen -

Es macht mich wütend und ich fühle mich ohnmächtig angesichts der aktuellen Argumentation der CSU. Im Sommer die Maut und jetzt „wer betrügt, der fliegt“. Eine Kommunikation, die Ressentiments schürt, fachlicher Quatsch ist und das Schlimmste: Es funktioniert!

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die CSU-Politikern unterstellen, sie seien tumbe Bauern aus dem Bayernland. Einer meiner prägendsten ehemaligen Professoren ist ein leitender Stratege bei dieser Partei. Ich weiß wie sie arbeiten, ich weiß was sie können und es kotzt mich an. Warum? Weil die aktuelle Strategie des CSU Rumgebrülle so einfach, so klar und so durchdacht schlau ist.

Ein schlauer Satz meines Professors war immer: „Im Wahlkampf musst du bestimmen, worüber die Menschen reden.“ Eine Regel, die ich in meinen eigenen politischen Strategien immer beherzigt habe. Halte dem Gegner ein Stöckchen hin und lass ihn drüber springen. Weil ich das Stöckchen halte, weiß ich selbst vor dem Opponenten, worüber wir nun streiten werden. Ich bin besser vorbereitet und meine Kommunikation ist genauer auf dem Punkt, weil besser und schon länger geplant.

Eine solche Strategie funktioniert wie eine Treibjagd. Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Im Sommer rief die CSU nach eigenen Verwandtschafts- und Justizskandalen plötzlich zur Treibjagd. Wohl geplant und lange vorbereitet präsentierte sie die „Ausländermaut“. Eine Politik, von der von Anfang an klar war, dass sie entweder nicht erfolgreich einführt werden kann, oder aber zu massiven finanziellen Verschiebungen zu Ungunsten der Kleinwägen führen wird. Alles egal, es war das Stöckchen, das sie der Opposition hinhielt, damit sie drüber springt und sie sprang.

Während die Jäger aus Umfragen wussten, dass wenig die Bayern so sehr ärgert wie die Österreichische Vignette, waren die Hasen gezwungen von europarechtlichen Bedenken zu sprechen. Niemand mag Europa, weil es in Europa immer Bedenken gibt, gegen das, was die Menschen wütend macht.

Im Wahlkampfbudget der CSU war die Maut von Anfang an eingeplant. Sie war strategisch entwickelter Höhepunkt. Über Jahre vorbereitet und mit Material und gut geschriebenen Pseudoargumenten unterlegt. Die Hasen in diesem Spiel mussten erst einmal die eigenen Finanzplanungen umstricken, um gegen halten zu können. Die passende Gegenargumentation mit einigem Hin und Her erst aufgebaut werden. Der Spielraum eng, Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Es liegt in der Natur der Sache, dass eine solche Falle funktioniert. Sie ist das Resultat langfristiger Planung und sie konnte nur von der CSU aus der Regierung heraus gelegt werden. Der Vorwurf gilt also nicht der Opposition, sondern das Kompliment der Regierung. Hat die Treibjagd erst begonnen, bist du als Gegner machtlos.

Leidvoll hat die Opposition in Bayern das erlebt und leidvoll die CDU/CSU während den Koalitionsverhandlungen. Sigmar Gabriel hatte zur Treibjagd auf die Konservativen mit einem Mitgliedervotum geblasen.

Das Schönste an der politischen Treibjagd ist, zu sehen, wie der Gegner sich genau wie geplant verhält. Zu hören, wie es plötzlich lärmt und wie es zu Kurzschlussreaktionen kommt. Da kritisieren die einen die Verfassungsmäßigkeit von Mitgliedervoten, in München tobt Seehofer, die SPD-Führung sei nicht souverän und im Lauf der Tage merken sie alle, wie eng es um sie geworden ist und wie schlau die Falle war. Wie immer zu spät.

Das Schlimmste an der politischen Treibjagd ist, zu sehen, wie wir uns genau wie geplant verhalten. Zu hören, wie es plötzlich lärmt und wie es zu Kurzschlussreaktionen kommt. Da unterstellen wir Ausländerfeindlichkeit, während die Menschen sagen, dass Betrüger zu bestrafen, doch nicht feindlich, sondern gerecht sei. Da werfen wir mit Fakten um uns, die keinen interessieren, weil die Emotion obsiegt. Das innere Unbehagen gegen das Fremde ist wirkmächtiger, als die Arbeitsmarktstatistik.

Ich weiß genau, in welche Falle wir gerade rennen. Ich ahne, hinter welchen Büschen die Jäger sich verbergen. Ich bin schon wieder der Hase – Verdammt, es klappt.

Die CSU braucht aktuell ein Upgrade für ihr Image als Lokalpartei, die sich als Bollwerk gegen die Außenwelt präsentiert und sich allein um Bayern kümmert. Für die Landtagswahl hat sie dieses Image aufgebaut. Die Partei wollte mit nichts anderem, als mit dem Bayerischen Klein-Klein – oder um es Bayerischer zu sagen – Groß-Groß assoziiert werden. In der Landtagswahl hat dieses Bayerische Profil mit Maut und Flut zur absoluten Mehrheit gereicht. Doch jetzt kommt die Europawahl und die CSU ist dabei denkbar irrelevant. Wie klein wirkt doch die bayerische Regionalpartei angesichts der gigantischen Europäischen Union.

Nichts desto trotz, es gilt die Regel: „Im Wahlkampf musst du bestimmen, worüber die Menschen reden“. Und dabei ist es erstmal egal, wie laut geschimpft wird. Die CSU hat es geschafft. Sie hat erneut eine Politik ins Spiel gebracht, die dafür sorgt, dass alle Welt über die Positionen dieser Partei spricht, streitet, wütet. Es scheint beinahe, als sei die CSU die einzige Partei mit einer europapolitischen Forderung. Die einzige, die sich für dieses Thema interessiert. Alle anderen blicken nur auf Berlin.

Die CSU hat sich zum Mittelpunkt gemacht. Sie lockt den Gegner an und treibt ihn zusammen. Wir reagieren laut und hysterisch. Wir verlassen nicht den Wald, wir stürmen hinein. Leider auch ich selbst. Verdammt, es klappt – Lärm, Hysterie, Blattschuss, Hase tot.

Sprachbildersturm: Über eine Kirche, die man versteht

Mein Vortrag auf der Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Jugend in Deutschland anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums am 22.11.2013 in Berlin. 

Erik Flügge

Vielen Dank, dass ich heute hier als Katholik bei der Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend sprechen darf. Normalerweise kommen wir Agenturmenschen ja mit Powerpoint-Präsentationen. Dann gibt es bunte Bilder und die große Show und am Ende haben Sie nichts verstanden, wollen aber alle etwas kaufen.

Wenn Theologen kommen, dann gibt es normalerweise keine Powerpoint-Präsentationen, es hat auch niemand etwas verstanden, aber immerhin wollte auch keiner etwas kaufen. Das gilt dann als die große Differenz: Kirche ist nicht-kommerziell ausgerichtet.

Ich will heute einen anderen Versuch unternehmen und bin dankbar, dass meine theologische Vorrednerin vom Predigtzentrum Wittenberg den Part mit der Powerpoint-Präsentation bereits übernommen hat. Vielleicht konnte Sie ja vom „Kauf“ eines neuen Predigtstils überzeugen. Denn ich habe heute keine bunten Bilder dabei, sondern – ungewöhnlich für einen Agenturchef – eine Predigt.

Die habe ich, wie es sich gehört aufgeschrieben. Weil nun aber mein eigenes Theologie-Studium schon eine Weile her ist und ich das am Ende auch nie abgeschlossen habe, habe ich mir für diesen Text auch den Rat von befreundeten Christen eingeholt. Ich habe sie per Twitter gebeten, mir besonders christliche Sätze zu schicken. Die habe ich dann aneinander gefügt und trage ich jetzt einfach vor:

Ihr habt mich eingeladen, um heute über eine Sprache zu sprechen, die von Jugendlichen verstanden wird. Über eine Sprache, die evangelischer Jugendarbeit Wege eröffnet, um von Jugendlichen gehört zu werden. Das ist eine gute und wichtige Frage, denn die Frage nach unserem Sprechen ist zutiefst theologisch.

- Ich glaube, wenn ich jetzt am Anfang so ein bisschen bedächtig klinge, dann hat das mehr Wert, was ich sage. -

Es ist die Frage ob wir als Christen in Vertrauen auf das Pfingstereignis hinaus gehen und den Menschen das Feuer der Botschaft Gottes bringen. Hinaus in die Welt zu den Menschen, deren Hoffnung auf Erlösung in Jesus Christus liegt. Nicht bei uns stehen zu bleiben, sondern in Bewegung zu den Menschen zu sein.

Wir wollen als Kirche die Menschen berühren mit den Flammen unserer Worte, die wir auf unseren Zungen tragen. So wie die Apostel durch den Geist bemächtigt wurden in allen Sprachen zu sprechen, sind wir heute aufgefordert die Botschaft Gottes in der ganzen Welt zu verkünden.

- Auf den nächsten Teil bin ich besonders stolz, den haben mir Freunde aus der katholischen Jungen Gemeinde zugeschickt -

Fürchtet euch nicht vor dem Kontakt mit den Menschen, denn wir sind das Volk Gottes, das verstanden werden wird, weil der Herr als Hirte behütend den Stab über uns hält und uns den Weg zu jenen weist, die Erlösung suchen.

Darum werden wir in der christlichen Jugendarbeit nicht müßig, jungen Menschen zu ermöglichen, sich selbst als Teil der göttlichen Schöpfung zu erfahren. Wir ermöglichen die innere Einkehr, das Sich-Selbst-Finden, das Bei-Sich-Sein, damit jungen Christen zu dem innersten Kern dessen Zugänge eröffnet werden, was sie wahrhaftig sind: Geschöpfe Gottes, in denen das kleinste Senfkorn Hoffnung zum stolzen Baum eines erfüllten Lebens im Glauben heran wächst.

Is ja alles theologisch richtig, aber sprachlich und rhetorisch einfach fürchterlich scheiße. – Meine Frage an meine christlichen Freunde lautete auch in Wirklichkeit: „Brauche Hilfe: schickt mir bitte typisch religiöse Sätze wie “Jesus lädt dich in seine Gemeinschaft ein, ja auch dich.” Es muss triefen.“

Sie haben mich eingeladen zur Frage, wie man sprachlich wieder näher an Jugendliche heran kommt. Ich glaube die Antwort ist ganz einfach: Werdet wieder Reformatoren!

Martin Luther ist einst angetreten, um das Christentum verständlich zu machen. Weg vom Latein, hin zur vom Volk gesprochen Sprache. Martin Luther ist einst angetreten, um die Kirche wieder auf den rechten Weg zu führen. Weg vom Prunk hin zur Armut.

Was haben wir daraus gemacht? Die Idee der Verständlichkeit haben wir mit einem neuen Latein in deutscher Sprache tot gesprochen. Wer versteht denn heute das Gerede von den Senfkörnern? Wer denkt auf einer Party „huch, wir sind zwei oder drei, da ist jetzt Gott mitten unter uns“? Wer von Ihnen wohnt in einem Land, in dem Senfbäume wachsen? Und wann ist Ihnen die letzte Schafherde begegnet?

Unsere Kirchen sind nicht mehr voller Prunk und Pracht aus Gold und Silber, aber sie sind bis zur Decke gefüllt mit schwülstig-barocken Worten. Verschwurbelte Unverständlichkeit. Im Grunde brauchen wir einen neuen Bildersturm. Dieses Mal reißen wir keine Heiligenportraits von den Wänden, sondern die ganzen goldenen Sprachbilder.

Es ist das Eine im Lutherjahr zu feiern, dass es eine theologische Erneuerung gab und dabei zu glauben, diese hätte die evangelische Kirche begründet. Konsequenter wäre ein Anderes: Zu feiern, dass die erfolgreiche Spaltung der Kirche natürlich durch Macht, aber vor allem durch rhetorischer Übermacht möglich wurde.

Macht in dem Sinne, dass Fürsten sich kirchlichen Besitz und das kirchliche Verwaltungsmonopol einverleiben wollten.

Ein Akt, der die komplette Neuordnung der politischen Welt zur Folge hatte und im Grunde unser heutiges Staatsverständnis begründete. Das war ganz attraktiv für diejenigen Fürsten, die nicht ganz so gläubig waren und daher weniger Angst vor dem Fegefeuer hatten. Die konnten ihren Besitz durch die Reformation gewaltig mehren.

Aber viel spannender ist die rhetorische Übermacht der Reformation. Die frühen Reformatoren hatten verstanden, dass sprachliche Radikalität, Verständlichkeit und Vulgarität den Schlüssel zur Massenbewegung darstellen. Eine Erkenntnis, deren theoretische Entwicklung, aber vor allem flächendeckende praktische Verbreitung durch Philipp Melanchthon in Tübingen organisiert wurde.

Sie zweifeln, dass die Reformatoren radikal gesprochen haben?

„An den Bock zu Köln“ adressiert Martin Luther einen Brief an den katholischen Erzbischof und Kurfürsten zu Köln. Wollten wir in gleicher Weise heute formulieren, so müsste diese Versammlung ein Schreiben an Kardinal Meisner verfassen und von der Anrede „Schlampe“ Gebrauch machen. Umgangssprachliche Vulgarität aufgegriffen in der formal-institutionellen Kommunikation. Eine brillant einfache Idee.

Natürlich würde eine solche Anrede heute nicht zu den gepflegten Beziehungen zwischen evangelischer und katholischer Kirche passen. Im Kern dient dieses Beispiel auch nicht als Aufforderung, sich daneben zu benehmen, aber durchaus als Appell die eigene Langweiligkeit im Sprechen zu überwinden – Umgangssprachlichkeit zu wagen und sich aller kirchlichen Spießigkeit zum trotz auch vor den vulgärsten Ausdrücken nicht zu zieren.

Jugendliche werden nicht davon beeindruckt, dass wir uns so klug und erwachsen ausdrücken können. Nicht von einer Sprache, die nur Distanz aufbaut, weil sie in einem normalen Alltag niemals vorkommt. Noch weniger werden sie von emotionstriefendem theologischen Geschwätz begeistert. Ja, ich nenne diese „ins Wasser fällt ein Stein“ und „Jesus läd dich ein“-Phrasen Geschwätz, weil sie den Kern der reformatorischen Sache verschleiern: DAS BEGREIFEN.

Denn der Kern der Reformation ist das Zutrauen in die Menschen, dass sie selbst ohne Bildung, jung oder alt, Bauer oder Fürst, wenn sie denn nur selbst in der Bibel lesen und nachdenken, schon gottgefällige Schlüsse werden ziehen können. Lest es selbst und lasst euch nicht nur belehren!

Kein einlullen mit süßen Phrasen, sondern ein emotionales Berühren der Menschen dadurch, dass sie die Botschaft Gottes selbst verstehen.

Überzeugung durch das Hochgefühl, es selbst kapiert zu haben. Selbst sich etwas zu erschließen und für sich selbst zugänglich zu machen. Im Grunde nichts anders als der große Klassiker der Lerntheorie: Wenn ich mir etwas selbst erschließe, dann lerne ich es nachhaltig und bin gleichzeitig motiviert, mehr begreifen zu wollen.

Bei beidem geht es um Emotionalität. Bei der esoterischen Analogie-Suche nach immer neuen Sprachbildern, genauso wie im Hochgefühl etwas begriffen zu haben. Während erstere Emotion nur von den bereits über-Überzeugten geliebt wird, ist die Emotion der Erkenntnis durchaus geeignet Kontakt zu unüberzeugten Menschen herzustellen.

Ich will nicht missverstanden werden. Ich fordere keine kompliziert-logischen Texte und Sätze ein. Oder noch schlimmer: Irgendwelche schrecklichen „10-gute-Gründe-Flyer“ oder Schüler-Bibelkreise. Ganz im Gegenteil. Mir geht es um den emotionalen Kern.

Unser Gehirn ist so aufgebaut, dass unsere Entscheidungen nicht auf Vernunft und Argumentation, sondern auf positiven oder negativen Emotionen basieren. Was sich richtig anfühlt, ist subjektiv wahr.

– ABER: wahrhaft nachhaltige Emotionalität basiert nicht auf Übervorteilung durch Teelichter, Nora Jones Musik und salbungsvolle Worte, oder durch das auswendig Lernen von Bibelstellen,  sondern basiert darauf, dass Menschen das positive Hochgefühl haben, etwas verstanden zu haben. Ein Prozess der umso wahrscheinlicher wird, umso einfacher, konkreter und umgangssprachlicher wir etwas erklären.

Beweis gefällig?

Ich finde Helmut Schmidt toll, dabei fand ich ihn über viele Jahre hinweg so richtig bescheuert. Ein alter Mann, der ständig raucht. Ohje, was für eine schlimme Karikatur von Souveränität. Seht her, meine Zigarette – oh wie toll, ich kann sie selbst in Talkshows rauchen. Mir war das immer zu billig, zu analogisch und am Ende war mir der ganze Typ einfach zu blöd.

Diese emotionale Ablehnung hielt lange an, bis ich irgendwann mal wieder eine Talkshow mit ihm sah. Er rauchte, wusste alles besser und nervte wie immer. Bis er grob Folgendes sagte: „Wie unüberlegt ist es, dass wir uns freuen, dass wir einen so hohen Außenhandelsüberschuss haben. Es gibt ein deutsches und nicht nur ein europäisches Interesse an einer ausgeglichenen Außenhandelsbilanz. Denn im Grunde bedeutet der Überschuss Deutschlands nichts anderes, als dass wir Waren, Dinge, also Luxusgüter in die Welt verschicken und dafür Geld, also Papier erhalten. Das heißt wir geben Wohlstand an andere ab und tauschen diesen gegen Geld. Geld aber bietet an sich keinen Mehrwert und entwertet sich selbst durch Inflation, wenn wir nicht im gleichen Umfang wieder Waren – also Wohlstand und Luxus – aus dem Ausland einführen und damit unsere Außenhandelsbilanz ausgleichen.“

Im Original hat es etwas länger gedauert, weil er noch ca. 200 mal an seiner Zigarette ziehen musste, aber in mir war etwas passiert. Ich liebte diesen Mann, fand ihn plötzlich toll und empfinde es bis heute. Zwischen ihm und mir ist eine emotionale Bindung entstanden, die auf einer ganz einfachen Tatsache beruht: In meiner Schulzeit habe ich immer wieder, wenn wir das lernen mussten, unsere Lehrer gefragt, warum es denn ein Problem sei, wenn wir Außenhandelsüberschüsse machen. Und ich bekam über Jahre hinweg irgendwelche verschwurbelten Antworten, dass die ausgeglichene Außenhandelsbilanz ja eine Zieldimension der deutschen Wirtschaftspolitik sei und damit wichtig … mehr bekomme ich ehrlich gesagt heute nicht mehr von diesen Antworten zusammen. Selbst verstanden hatte ich es jedoch nie, bis zu jenem Talkshow-Auftritt von Helmut Schmitt.

Ich war positiv emotional berührt davon, dass ich etwas verstanden hatte. Schlicht: Gut gelaunt.

Niemand hat eine positive Emotion davon, dass unsere Predigten unverständlich sind – dass sie Vergleiche aufmachen, die mehrere Semester Theologiestudium erfordern. Niemand ist beeindruckt davon, wenn sich die Kirche ihre eigene sprachliche Welt erschafft und die eigenen Kirchentüren mit dieser Sprache so lange vernagelt, bis kein Mensch mehr verstehen kann, warum da jemals jemand rein gegangen ist.

Wer junge Menschen erreichen will, der muss die komplexesten Dinge ohne Schnörkel und Senfkörner erklären können und wollen. Im Grund gilt es nur einem Satz von Melanchthon in ganzer Konsequenz zu folgen: „Wer Christus hat, hat alles und kann alles“.

Ein Satz, der alles sagt, weil er adressiert, dass wir nichts Besonderes brauchen, um andere Menschen zu überzeugen. Keine Texte, keine Bibeln, keine Veranstaltungsformate. Wir brauchen keine besondere Musik und keine neuen Flyer, wir brauchen keine theologische Sprache, sondern wir brauchen schlicht uns, so wie wir waren, bevor wir innerhalb der Kirche anfingen anders zu sprechen, als wir es sonst taten. Wir brauchen uns und unsere Sprache, die noch so klingt, als hätten wir nicht Theologie studiert und als wollten wir mit unseren Freunden über Fußball reden. Erst wenn das Sprechen von Gott klingt wie das Sprechen von der Fußball-WM, dann sind wir in Luthers Sinne wieder sprachlich ganz nah bei den Menschen.

Wir brauchen schlicht uns mit unseren klaren Gedanken, die wir ohne Sprachbilder auf den Punkt bringen. So sehr auf den Punkt, dass unser Gegenüber zu denken beginnt und in der positiven Erfahrung der Selbst-Erkenntnis Motivation für die tiefere Auseinandersetzung mit sich und mit Gott schöpft. Ein wahrhaftiger Sprachbildersturm.

Unternehmen wir doch einfach mal den gleichen Versuch wie Jesus, die Menschen zu überzeugen. Nicht durch die Wiederholung der alten Texte, sondern indem wir unseren Glauben so erklären, dass er verstehbar wird. Wagen wir Verständlichkeit!

Verständlichkeit heute erfordert, dass wir die Bibel bei Seite legen. Nicht als Quelle von Gedanken, aber als Quelle von Zitaten. Denn die Welt der Bibel ist 2000 Jahre alt und hat keine passenden Vergleiche und Geschichten für mein Leben in der Mitte einer Großstadt.

Als Katholik habe ich es da einfach. Ich kann sagen, dass ich die Tradition der Kirche haben, die auch in Großstädten stattfindet und diese ist genauso heilig wie die Bibel.

Aber heute stehe ich vor Protestanten und muss eine Antwort auf die Aufforderung Luthers finden: „Solange ich nicht durch Zeugnisse der Schrift überzeugt werde“, glaube ich hier gar nix.

Und ich glaube, dass in der Bibel steht, dass wir sie nicht wörtlich, sondern nur inhaltlich zitieren sollen, um Menschen zu überzeugen. Denn die Bibel gibt uns den entscheidenden Hinweis:

Gott selbst hat nicht genug rhetorisches Talent gehabt, alle Menschen zu überzeugen. Warum sollten wir also seine genauen Worte wiederholen?

Weder konnte Gott den Pharao in Ägypten durch Mose überzeugen. Auf den ließ er einreden, dann hat er ihn erfolglos mit Fröschen beworfen – nur um schlussendlich keinen Ausweg mehr zu sehen, als ein Kindermord-Massaker anzurichten, das übrigens nicht sonderlich nachhaltig überzeugte.

Wir könnten es auf die begrenzten Fähigkeiten von Mose schieben – schließlich konnte der nicht mal seine Leute vom goldenen Kalb basteln abhalten.

Doch unser Gott, als er selbst Mensch wurde,  konnte allerdings kaum besser überzeugen. Ja, Tausende lauschten der Bergpredigt, aber damit sie nicht wegliefen mussten die Zuhörer auch mit einem durchaus beachtlichen Buffet versorgt werden. Simon folgt Jesus als sein Vertrauter Petrus nicht nach, bevor er nicht einen durchweg materialistischen Haufen Fische aus dem See gezogen bekommt, der nun wirklich mit nachhaltiger Fischerei wenig zu tun hat und auch nicht wirklich als theologisch fundierte Argumentation anerkannt werden kann.

Die Mächtigen haben ihn ans Kreuz nageln lassen, weil Gott selbst keiner die Nummer mit dem Gottessohn, der wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich ist, glauben wollte. Seine eigenen Jünger saßen nach der Kreuzigung zusammen und waren verzweifelt darüber, dass sie offenbar nicht dem Messias, sondern einem gekreuzigten Loser gefolgt waren. Nicht mal von seiner eigenen Auferstehung konnte Gott vollumfänglich überzeugen.

Thomas wollte Wunden checken, bevor er hier irgendwas glaubt und zu guter Letzt braucht es noch ein Motivationstraining und ein recht intensives Fremdsprachencoaching durch den heiligen Geist in den Pfingstferien, um diesen ganzen Apostel-Haufen irgendwie dazu zu bewegen die größte Geschichte der Welt irgendwem erzählen zu wollen.

Ich glaube nicht, dass Gott die Menschen nicht mit Worten überzeugen könnte, wenn er uns denn diese Worte hätten sagen wollen. Ein allmächtiger Gott kann sicherlich rhetorisch so brillieren, dass alle im folgen und bei der Rezitation jedes einzelnen Satzes sofort eine Bekehrung eintritt.

Doch wir als Christen vertrauen darauf, dass Gott uns in der Bibel den Weg zum gerechten Leben weist, dass sich in diesem einen Buch Gott selbst offenbart. Als guter Theologe kann und darf ich dann aber auch nur zu einem analytischen Schluss kommen:

Gott wollte uns keine Worte geben, die von alleine funktionieren. Die Worte Gottes zu kopieren, um andere Menschen zu überzeugen, ist echt keine gute Idee. Wenn Gott selbst zu einer Zeit, als die ganzen sprachlichen Bilder noch nahe an der Lebensrealität der Menschen waren, nur mäßige Erfolge mit dieser Sprache erzielte, dann sollen wir in einer neuen Zeit diese nun wirklich nicht rezitieren.

Dem Pfingstereignis gehen Tod und Auferstehung voraus. Dem Pfingsereignis geht voraus, dass Gott selbst nicht überzeugen konnte. Es geht dem Ereignis voraus, dass seine engsten Vertrauten Beweise einforderten und zweifelten. Das sind keine Annahmen oder Vermutungen, sondern all dies ist explizit ausgesprochener Bestandteil der heiligen Schrift.

Im Pfingstereignis selbst fallen keine Bibeln in allen Sprachen der Welt vom Himmel, sondern es brennen Flammen auf den Zungen unterschiedlicher Sprecher. Ihnen wird die Barriere der Fremdsprache genommen, aber keiner der Sprecher wird auf die Worte Gottes verpflichtet. Es sind die Apostel, die aufgefordert sind selbst von den großen Taten Gottes in der Welt zu sprechen. Mit ihren eigenen Worten über eigenen Glauben – ohne Schnörkel.

„Wer Christus hat, hat alles und kann alles“.

Der politische Unfall

Im Tagesspiegel verkündet Sigmar Gabriel die Grünen seien die Liberalen des 21. Jahrhunderts. Eine These, die zwar schön klingt, am Ende jedoch der Logik nicht stand hält. Wahr haben will Gabriel es sicherlich nicht, aber der größte unbeabsichtigte politische Unfall der letzten Jahrzehnte ist: Die neuen Liberalen heißen SPD.

Zum Selbstbild der Sozialdemokraten gehört vieles und sicherlich auch, dass man sich ein bisschen liberal fühlt. Aber ein Liberaler sein, das möchte man nicht. So ist das Label der Liberalen für die Grünen gleichsam Mittel der Freundschaftspflege mit dem Wunschpartner und Angriff gegen die FDP, aber zugleich auch eine vergiftete Spitze gegen die Grünen. Denn schließlich sind – in der Wahrnehmung Gabriels – die Liberalen dann doch stets eine kleine intellektuelle Splittergruppe geblieben.

Aber was ist eigentlich der Liberalismus? Drei Gedanken prägen ihn und machen den Liberalen erst zu dem, wer er ist. Erstens die Negation der Möglichkeit eine richtige Form des Lebens zu definieren. Zweitens der Gedanke, dass jeder gemäß seiner Begabung und seines Fleißes in die Lage versetzt werden muss, politisch Einfluss zu nehmen. Drittens, dass der Erwerb von Bildung und Wirtschaftskraft die verstärkte politische Einflussnahme gestattet. So richtet sich der Liberalismus im Kern gegen Kirche und Monarchie und zielt auf Selbstermächtigung.

Im 19. Jahrhundert bedeutete dies folgerichtig, dass sich die Liberalen gegen die moralische Definitionshoheit der Kirchen zur Wehr setzten und beispielsweise mit der Freimaurerei ein Programm der Selbsterziehung zur Moral ohne ideologisches Korsett erschufen. Logischer Weise trat der Liberalismus auch der Monarchie entgegen, die politische Teilhabe nicht von eigenem Erfolg, sondern von Geburtsrechten her legitimierte. Aber – und das ist zentral für das politische Programm des Liberalismus – eine sozialistische Gleichheitsidee wurde stets abgelehnt.

Will man nun die neuen Liberalen im politischen System der Bundesrepublik aufspüren, so muss das heutige Pendant zur ehemaligen kirchlichen und monarchischen Gewalt gefunden werden. Damit ist die Suche nach dem Liberalismus nicht die Suche nach einer bestimmen Methodik des Politischen oder einzelner Forderungen, sondern die Suche nach einer Position, die maximale Freiheit ermöglicht und gleichermaßen gesellschaftliche Differenz anerkennt.

Die Kirche spielt in unserer heutigen politischen Landschaft nur noch eine Nebenrolle. Mit der Säkularisierung ist vieles verschwunden, jedoch nicht die Idee vom richtigen Leben in der Politik. Diese findet sich in Parteien mit klarem ideologischen Fundament. Namentlich bei den Christdemokraten und den Grünen. Was bei der CDU das „christliche Fundament“ ist, nennt sich bei den Grünen „ökologisch-sozial“. Beiden ist gemein, dass sie davon ausgehen, dass es möglich ist, sich als Person für einen richtigen Lebensstil zu entscheiden: Als frommer Christ, oder als Alternativer.

Die Monarchie ist in Deutschland seit dem Ende des zweiten Weltkrieges Geschichte. Nicht jedoch die Abschottung von Eliten gegenüber dem Aufstieg anderer. Zentral hierfür ist das Erbe. Wurden in Kaiser- und Königszeiten noch ganze Landstriche und Bevölkerungsmassen vererbt, so sind es heute Bankanteile und Firmenimperien, Aktienpakete und Angestelltenmassen. Damit wird nicht nur Kapital, sondern auch Zugang zu Entscheiderkreisen und politische Macht vererbt. Eine Monarchie des Reichtums. Seltene Aufsteiger stehen dieser Analogie nicht entgegen, denn auch zu monarchischen Zeiten gab es den einen oder anderen Aufsteiger wider das System. Es zählt der Trend.

Repräsentiert wird diese monetäre Erbmonarchie heute am stärksten von der FDP, die jeden Einschnitt in die Vermögensmasse der Reichen zu verhindern ersucht und die den Angriff auf das Erbe unter dem Schlagwort „Mehrfachbesteuerung“ als eine denkbar große Ungerechtigkeit geißelt.

Der Gedanke, dass gesellschaftliche Ungleichheit hingenommen werden muss, gehört zum politischen Mainstream in Deutschland. Wer das passende Fach studiert hat, darf deutlich mehr verdienen als andere, wer mehr arbeitet, darf auch ein größeres Haus besitzen. Im Kern stellt sich diesem Mainstream nur DIE LINKE entgegen, indem sie – aus verfassungsrechtlichen Gründen zwar nicht absolut – aber doch intensiv eine Angleichung der Löhne propagiert.

Und wer bleibt übrig? – Die SPD.

Die Sozialdemokraten haben sich schon lange von dem Gedanken verabschiedet, dass die Gleichheit aller Löhne in Deutschland erreicht werden kann. Damit gaben sie zentrale Teile ihrer Ideologie auf. Fragt man einen Sozi nach dem Markenkern der SPD, so kommt allenfalls noch ein „wir sind für die kleinen Leute da“ heraus, jedoch keine geschlossene Konzeption vom richtigen Leben. Autofahren ist in Ordnung, S-Bahn auch, Kirche okay, Atheismus auch.

Kern der sozialdemokratischen Programmatik sind der „Aufstieg durch Bildung“, die Frauenquoten, die Arbeitnehmerrechte gegen über den Eigentümern und dem Management. Ein ganzes Programm, das dazu dient die gesellschaftliche Durchlässigkeit zu erhöhen, nicht jedoch die Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Der Leitsatz „Fördern und Fordern“ der Hartz-Gesetze spiegelt genau diese politische Linie.

Am Ende bleibt nur die SPD als liberale Partei. Das Drama ist jedoch, sie will so etwas gar nicht sein. Das Risiko, das darin liegt ist immer, dass nur die wenigen Aufsteiger in einer starren Gesellschaft die Liberalen wählen, die Masse jedoch die Ideologen. Glück auf!

Die Überzeugungskraft der Spiegelstriche

Bis heute wird sie zitiert, die große Regierungserklärung des neu gewählten Willy Brandt aus dem Oktober 1969. Der sozialdemokratische Kanzler traf damals mit seinen Worten genau die Emotion des Augenblicks. Seine Rede berührte die Menschen, weil sie modern war. Sie berührte, weil sie auf den Punkt brachte, was so viele junge Menschen fühlten.

Es ist schön zu wissen, dass es ein Sozialdemokrat damals schaffte Jugendliche so zu motivieren, dass sie zu Tausenden in die SPD eintraten. Und es ist schön, wenn noch heute in hunderten sozialdemokratischen Bewerbungsreden Brandts entscheidende Zeilen von damals zitiert werden:

„Unser finanz- und wirtschaftspolitisches Sofortprogramm (…) enthält die aktive Mitarbeit der Bundesregierung an einer stärkeren Koordinierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik in den Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft und an der notwendigen Weiterentwicklung des Weltwährungssystems.“

Es müssen diese großen und weitsichtigen Worte gewesen sein, die damals tosenden Applaus auslösten. Wie sehr jene Zeilen die Jugend damals angerührt haben müssen, können wir uns heute kaum noch erdenken. Aber wie sonst ließe sich erklären, dass so viele Sozialdemokraten den Stil dieser Zeilen zu ihrem eigenen machten. Im tiefsten Inneren müssen diese programmatischen Zeilen hinter einem kleinen Spiegelstrich die Menschen damals ergriffen haben. Und so verwundert es kaum, dass jeder sogleich weitere Spiegelstriche des großen Willy Brandt auswendig zu rezitieren weiß:

„Eine Finanzpolitik, die eine graduelle Umorientierung des Güterangebots auf den Binnenmarkt hin fördert“ flüstern sich die Genossen zu, wenn sie vom Willy-Wählen schwärmen und ein nächster ergänzt gerührt die Zeilen „die Fortsetzung und Intensivierung der bewährten Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und Unternehmensverbänden im Rahmen der Konzertierten Aktion, an der in Zukunft auch Vertreter der Landwirtschaft teilnehmen werden“.

Es kann nur dem Alter vieler Genossinnen und Genossen geschuldet sein, dass sich diese Zeilen nicht auf youtube finden. Dort haben kleingeistige und kurzsichtige Phrasendrescher einen anderen Teil der Regierungserklärung eingestellt. Es sind die inhaltsleeren Worte: „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ Es muss schon ein unerhörtes Unverständnis von der Politik dahinter stecken, wenn man glaubt, das vielschichtige Programm der Fakten, Daten, Spiegelstriche des Willy Brandt ließe sich auf solch eine kurze Formel verkürzen. Emotionsduselei, statt echter Programmatik.

Und es blickt der Sozialdemokrat mit Wut im Bauch auf die Friedrich-Ebert-Stiftung und ihre Dokumentation zum Parteijubiläum. In Zitaten, Ton- und Filmausschnitten hat die eigene Stiftung die Sache verraten. Phrasen, und emotionalen Schnick-Schnack statt wahrem Inhalt. Als wenn, zu irgend einem Zeitpunkt, auch nur ein einziger Mensch – bei wachem Verstande – solch Worthülsen zum Anlass genommen hätte, die SPD zu wählen.

Darum beruhigt es mich als Mitglied dieser Partei, dass wir uns nicht beirren lassen, von derartiger Irritation. Wir tun gut daran Wahlprogramme, große Reden, Kandidatenflyer, Newsletter und facebook-Postings in erprobter Weise mit Spiegelstrichen zu befüllen. Denn jene Spiegelstriche, jene großen Inhalte der SPD haben stets und werden wieder Menschen von uns überzeugen. Lasst uns mehr 10-gute-Gründe-Flyer wagen! Glück auf!

Ihr seid so selbstgerecht!

Ach, wie es mich nervt. Da ist diese eine Partei, die allen anderen Parteien ständig etwas vor wirft. Da ist diese eine Partei, die für sich selbst die Moral gepachtet hat. Da ist diese eine Partei, die von sich selbst glaubt, sie wäre die große Neuerfindung der Demokratie. Dabei hat sie nur eines erfunden: Das professionalisierte Cybermobbing.

Marina Weisband, ehemalige Bundesgeschäftsführerin der Piratenpartei, bringt mich dieses mal zum bloggen. Warum? Weil sie mal wieder tut, was mir an den Piraten so unglaublich auf die Nerven geht: Sie ist mal wieder selbstgerecht.

„”Chaospartei”… Baut ihr mal in nur drei Jahren ohne Geld und fertige Strukturen neue Modelle demokratischer Beteiligung“  twittert sie hinaus in die Welt. Ja, sicherlich, es ist nicht einfach eine Partei zu gründen. Und ja, es ist nicht einfach ohne Geld eine Organisation aufzubauen. Aber kann dieses Argument alles entschuldigen?

Ich bin Mitglied der SPD. Und nein, ich bilde mir nicht viel darauf ein. Aber wenn ich kommunizieren würde, wie Mariana Weisband, dann müsste ich jetzt wohl im Jahr des Parteijubiläums twittern: „Baut ihr mal ohne demokratischen Staat, mit Verfolgern im Nacken, bei ständigen Verboten und mit Menschen, die kaum etwas zu Essen übrig haben, eine Partei auf.“ Leider kann ich es nicht, denn es sind 164 Zeichen. Das passt nicht in einen tweet. Dann denke ich es mir eben.

Mir geht es nicht darum die Piraten zu bashen. Aber ich habe einfach keine Lust mehr mir ständig anzuhören, unter welch schwierigen Bedingungen diese Partei aufgebaut werden müsste. Ich glaube sogar, dass in Deutschland eine Partei selten so einfach aufzubauen war, wie heute.

Wir leben in sicheren Zeiten. Es gibt keine Straßenschlachten. Es marschieren keine kaiserlichen Truppen auf und es werden nicht massenhaft Veranstaltungen der Demokraten von SA-Gruppen gestürmt, um die Redner tot zu schlagen. Die Leute haben Geld und können spenden, weil sie nicht hungern. Parteien werden einfach zur Wahl zugelassen, wenn sie die formalen Voraussetzungen erfüllen, weil wir in einer Demokratie leben, die meine Partei jahrzehntelang erst erkämpfen musste. Die Menschen haben Zeit für Engagement, weil sie nicht mehr Tag und Nacht pausenlos arbeiten müssen und das Netz erlaubt uns schnell und weitestgehend kostenfrei auch über weite Strecken zu kommunizieren.

Keine Partei – außer DIE LINKE und die PIRATENPARTEI – haben derart traumhafte Bedingungen für ihre Gründung zur Verfügung gehabt. Und beide Parteien sind trotzdem die Meister des gegenseitigen Beschimpfens, des innerparteilichen Hassens und des sich gegenseitig in der Presse Verleumdens geworden. Ich will der Partei DIE LINKE nicht unrecht tun. Gegen die Anfeindungen bei den Piraten ist bei denen noch Sandkastenspiel angesagt.

Ich bringe es mal auf den Punkt: In meiner Partei gibt es weitaus mehr unterschiedliche Positionen, Meinungen und Weltanschauungen, als in der Piratenpartei. Allein schon, weil wir viele tausend Mitglieder mehr sind. Und nein, wir sind uns sicherlich nicht alle einig. Aber wir gehen anders miteinander um – nicht immer nett, nicht immer friedvoll – aber zumindest haben wir uns Regeln gegeben. Regeln, die uns davor bewahren aufeinander los zu gehen.

Die Piraten geben sich solche Regeln nicht. Sie hassen, hetzen, kriegen einfach vor sich hin. Nein, Marina Weisband, das ist in meinen Augen keine Entwicklung neuer Modelle demokratischer Beteiligung, sondern schlicht eine Weiterentwicklung des Cybermobbings.

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